POLITIK
30/10/2015 12:13 CET

So entfloh eine junge Frau ihrer Nazi-Jugend

Handout
Diese Fundstücke stellte die Polizei 2007 bei der Räumung eines Zeltlagers der "Heimattreuen Deutschen Jugend" in Rostock sicher.

Heidi Benneckenstein mag die deutsche Willkommenskultur: Sie freut sich, wenn Menschen Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen und steht bei Nazi-Demos auf der Seite der „Linken“ Antifas. Sie ist weltoffen und genießt den Austausch mit Gleichaltrigen aus anderen Kulturen.

Das hätte aber keiner von ihr gedacht, denn die 23-jährige wuchs in einer Nazi-Familie auf. Ihr Großvater war Anhänger der NSDAP, in der Wohnung ihrer Großmutter hängt ein Hitler-Portrait und ihr Vater besitzt in Sachsen ein unter Nazis beliebtes Feriendorf. Heute ist ihre Familie gespalten. Ihre außergewöhnliche Geschichte teilte sie mit der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Die Zeltlager der HDJ

Von ihren Eltern wurde sie „völkisch“ erzogen: rassistisch, anti-humanistisch, entgegen jeder Aufklärung und Vernunft. Dabei schreckte ihr Vater angeblich nicht vor Gewalt und Strafen zurück. Ihre Zeit in der Organisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) war besonders prägend. In Zeltlagern der HDJ verbrachten sie und ihre Schwestern regelmäßig die Schulferien.

Als sie drei Monate alt war, nahmen ihre Eltern sie zum ersten Mal in ein solches Lager mit. Seit dem wurde die HDJ ein fester Bestandteil ihres Lebens. Bis zu 120 Kinder und Erzieher kamen zu den Treffen, die in ganz Deutschland stattfanden und nach außen hin wie harmlose Pfadfinderorganisationen wirken sollten.

Die Nazi-Karrieren der HDJ-Kinder

In Wirklichkeit lernten die Kinder dort Disziplin, Respekt und rechtes Gedankengut. "Wir brauchen eine Jugend, die hart ist. Wir brauchen Kämpfer von fanatischer Besessenheit und zäher Ausdauer", so formulierte der ehemalige "Bundesführer" Sebastian Räbiger einmal den Anspruch der Organisation. So standen dort unter anderem Frühsport, Selbstverteidigung und Rassenkunde auf der Tagesordnung.

Das Verbot der HDJ 2009 konnte ihrem Wirken und der Meinung ihrer zuletzt 500 Mitglieder wenig anhaben. Viele von Heidis ehemaligen Kameraden sind nun führende Köpfe in der rechtsextremen Szene, denn so die Idee: Wer früh eingebunden wird, wird sich immer zugehörig fühlen.

"Wow, bist du die Tochter vom Redeker?"

Auch der Name ihres Vaters - Helge Redeker - ist in diesen Kreisen bekannt. "Wenn ich früher in den Lagern neue Leute kennenlernte, waren die immer ganz beeindruckt. Wow, du bist die Tochter vom Redeker?", sagte sie im Gespräch mit der Zeit.

In den neunziger Jahren gründete Redeker gemeinsam mit dem Verleger Dietmar Munier eine Firma zur Regermanisierung Ostpreußens namens "Gesellschaft für Siedlungsförderung in Trakehnen mbH". In der russischen Exklave Kaliningrad sollte das im Zweiten Weltkrieg verlorene Land zurückerobert und darauf ein neues Dorf errichtet werden.

Tausende Kinder aus Nazi-Familien

"Mein Vater war der zweite Vorsitzende dort", erzählt Heidi Benneckenstein. "Er hatte damals eine litauische Geliebte, was unter nationalen Gesichtspunkten okay war, weil die Litauer ja auch arisch sind und die Russen hassen. Und Juden haben sie auch umgebracht." Heute kann Heidi diese Denkweise kaum noch nachvollziehen. Mittlerweile ist das Siedlungsprojekt eingeschlafen.

Mehrere Tausend Kinder in Deutschland sollen wie Heidi und ihre Schwestern in Familien aufgewachsen sein, die seit 1933 ungebrochen nationalsozialistisch denken. Diese Familien leben vorwiegend in Bayern, Niedersachsen, Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Den Schein wahren

Für Heidi Benneckensteins Vater soll es den Holocaust nie gegeben haben. Der Kontakt zu Ausländern verbot er seiner Tochter und schrieb ihr vor, womit sie spielen darf und welche Lektüren gut für sie seien. Nach außen hin sollte sie aber den Schein wahren und das freundliche, wohlerzogene Mädchen spielen.

Bei der Trennung ihrer Eltern kamen bei Heidi Benneckenstein die ersten Zweifel an der braunen Ideologie ihres Vaters auf. Das eigentliche Umdenken fand statt, als sie ihren jetzigen Ehemann Felix kennenlernte. Auch er war Teil der rechten Szene und als Liedermacher „Flex“ recht bekannt.

Sie schafften den Ausstieg

„Mit meinem Verlobten begann irgendwann die konkrete Familienplanung. Da wurde mir klar, dass ich mein Kind nicht so erziehen will, wie ich aufgewachsen bin – in einer „völkischen“ Familie. Und dass es gar nicht zu mir passt, nur zu Hause zu bleiben und mich um die Kinder zu kümmern. Mein Verlobter bekam auch immer mehr Zweifel an der rechten Ideologie“, erzählt sie in einem Interview mit Chrismon. Heidi brach mit ihrem Vater und allem, was sie in der Jugend prägte.

Sie ist eines der wenigen ehemaligen HDJ-Kinder, das den Ausstieg aus der rechten Szene geschafft hat. Jetzt macht sie eine Ausbildung zur Familienhelferin und hat gemeinsam mit ihrem Mann Felix die Aussteigerhilfe Bayern aufgebaut. Sie sagt, ihr Leben sei nun viel leichter und bunter.

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