POLITIK
30/10/2015 06:58 CET | Aktualisiert 30/10/2015 07:29 CET

Günter Wallraff bot sich als Austausch für eine IS-Geisel an

dpa

Ist er lebensmüde? Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff hat sich nach eigenen Angaben als Austauschgeisel für einen IS-Gefangenen angeboten. In einem Interview mit dem „Süddeutschen Magazin“ sagte der 73-Jährige, er habe der US-Botschaft 2014 vorgeschlagen, den Platz des entführten ehrenamtlichen Sanitäters und US-Bürgers Peter Kassig einzunehmen. Kassig hatte sich im Syrien und im Nordirak engagiert und war am 1. Oktober 2013 von den Terroristen des Islamischen Staates entführt worden.

Die US-Botschaft habe Wallraffs Angebot abgelehnt. Ebenso seinen zweiten Vorschlag, privat Spenden für Kassig zu sammeln, um ihn freizukaufen.

Der Kurs der US-Regierung ist klar: Sie lässt sich nicht erpressen. Kassigs Eltern hatten noch versucht, die Terroristen direkt über Twitter zu kontaktieren, um ihren Sohn freizubekommen. „Mein Mann und ich sind auf uns alleine gestellt, wir bekommen keine Hilfe von der Regierung“, twitterte die Mutter in Englisch und Arabisch. „Wir würden gerne mit Ihnen sprechen. Wie können wir Sie erreichen?“, schrieb Paula Kassig.

Die Botschaft teilte Wallraff mit, sie sehe im Fall eines Austauschs keine Überlebenschancen. „Ich sagte dass ich das anders sehe: Das würde die doch beschämen, dass einer freiwillig dahin geht, auch noch ein Älterer. Ich habe mir ein Drittel Überlebenschancen gegeben“, sagte der Journalist dem Magazin.

Die IS-Terroristen enthaupteten den 26-jährigen Kassig im November 2014. Entsprechend ihrer perversen Praxis verbreiteten sich auch dieses Video im Internet. Kassig hatte als medizinischer Helfer Menschen aller Religionen geholfen, war selbst aber inzwischen zum Islam konvertiert. Ein ehemaliger Mitgefangener, Nicolas Henin, hatte gesagt, dass Kassig aus seiner neuen Religion Kraft geschöpft habe. Als Henin das erzählte, hatte Kassig noch gelebt.

Wallraff hatte mit jeder seiner Undercover-Recherchen und Aktionen seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Er hatte unter schrecklichen Bedingungen als „türkischer Gastarbeiter“ in der Industrie malocht, war wegen seines Protests gegen die Militärdiktatur in Griechenland 1974 gefoltert worden. Ein Risiko wie beim Geiselaustausch war er aber noch nie eingegangen.

Dabei sieht sich Wallraff nicht als lebensmüde. „Ich lebe intensiv und bewusst und spiele für mein Leben gern“, sagte der dem „SZ-Magazin“. „ Und es kann schon mal vorkommen, dass ich bereit bin, auch mein Leben aufs Spiel zu setzen. (...) Nach dem Motto: Dem Tod zuvorkommen und dem Leben einen letzten Sinn geben.“ Außerdem sagte er: „Für mich ist der Tod nicht mit Schrecken verbunden“.

Der Sinn hätte in diesem Fall im Kampf gegen den IS gelegen. Wallraff bezeichnete den IS im Interview als „die schlimmste Bedrohung unserer Zeit“. „Hätte man mich öffentlich massakriert“, sagte Wallraff, hätte das vielleicht deutsche Jugendliche, die mit dem IS sympathisierten, nachdenklich gemacht. Denn er habe sich für Einwanderer eingesetzt und sei für diese Jugendlichen vielleicht eine Orientierung.

Wallraff kritisierte, er erlebe in seinem Bekanntenkreis eine „übertriebene Zurückhaltung“ bei Kritik an Menschenverletzungen im Namen des Islam – aus Angst, Rechten in die Hände zu spielen.

Eine gewisse Naivität attestiert sich Wallraff dennoch. So eine Weltsicht mache manches leichter, man lasse Bedrohungen dann nicht so nah an sich heran. Außerdem wolle er sich mit dem Gegebenen nicht abfinden. Es habe sich oft in der Geschichte gezeigt, dass erst als utopisch Empfundenes Wirklichkeit geworden sei, Beispiel Frauenrechte.

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