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29/10/2015 15:23 CET | Aktualisiert 06/11/2015 07:13 CET

Wir sollten alle weniger arbeiten. Damit wäre ALLEN geholfen

Michael H via Getty Images
Man and woman who walk along sands

Endlich wieder Freitag. Noch ein Arbeitstag trennt uns vom Wochenende, ein Kantinengang, zwei Ausflüge in die Kaffeeküche, eine Fahrt nach Hause. Die zwei Tage Wochenende sind für viele eine Oase im Stress, sehnsüchtig-träumerisch erwartet. Doch warum muss der Weg Richtung Freizeit so lang sein? Könnten wir nicht einfach weniger arbeiten, mehr Zeit für die Lieben haben und trotzdem ein gutes Gewissen?

In seinem Essay mit dem charmanten Titel "Lob des Müßiggangs" schrieb der britische Philosoph Bertrand Russell: "Viel Schaden wird in der modernen Welt dadurch angerichtet, dass alle an die Tugendhaftigkeit der Arbeit glauben." Und weiter heißt es: "Der Weg zum Glück und Wohlstand liegt in einer organisierten Verringerung der Arbeit."

Der Essay wurde 1935 publiziert und ist dennoch überaus aktuell. Denn obwohl man in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch davon ausgehen konnte, dass Technologien die Arbeitslast der Bevölkerung reduzieren würden, haben eben auch genau diese Technologien dazu geführt, dass wir immer bei der Arbeit sind.

Durch Handys, Notebooks und Tablets sind wir quasi immer und überall erreichbar - und in der Lage, zu arbeiten. Der unglaubliche Vorteile: Arbeitnehmer sind nicht mehr ans Büro gebunden - und können sich ihre Arbeitszeit theoretisch frei einteilen. In der Praxis schaffen das aber nicht alle. Und weiten im schlimmsten Fall ihre Arbeitszeit soweit aus, dass sie nicht mehr zur Ruhe kommen.

Die Folge: Stress. Einer der schärfsten Kritiker dieser Entwicklung ist der Medizin-Nobelpreisträger Thomas Südhof. "Wir sind nie mehr unerreichbar, nie außer Dienst. Per Mail stehen wir quasi minütlich im Kontakt zu unserer Arbeit. Das kann auf Dauer nicht gut sein", sagte er in einem Interview mit der "FAS".

Experten wie Südhof warnen davor, dass der chronische Stress die Menschen krank macht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt beruflichen Stress mittlerweile zu den "größten Gefahren des 21. Jahrhunderts". Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit lösen sich auf. Eine Studie der Erasmus Universität Rotterdam kam zu dem Ergebnis: Ständige Erreichbarkeit führt bei vielen Arbeitgebern zu Burnout, so fällt es ihnen schwer, sich zu entspannen und abzuschalten.

Auch für Unternehmen sind die Folgen gravierend. Arbeitnehmer fallen häufiger aus, weil sie krank werden. Eine gemeinsame Studie der Harvard und Stanford Business Schools hat ergeben, dass die gesundheitlichen Probleme, die sich aus Stress ergeben, stark angestiegen sind. Sie machen mittlerweile bis zu acht Prozent der jährlichen Gesundheitskosten in den USA aus.

Mehr noch: Arbeitnehmer werden unproduktiver - und fangen an, sich vom Job zu distanzieren. Experten nennen das Disengagement. Das zeigt etwa die "Global Benefits Attitudes"-Studie, bei der mehr als 20.000 Angestellte aus 12 Ländern befragt wurden. "Ein Drittel der Befragten gab an, von großem Druck und Stress belastet zu sein. Das führt zu mehr Disengagement und größeren Ausfällen - klare Indikatoren für niedrige Produktivität", heißt es darin.

Der Schluss, der sich aus solchen Studien ziehen lässt, folgen mittlerweile immer mehr Personaler, Arbeitspsychologen und Unternehmen: Arbeitnehmer sollten lieber weniger arbeiten und mehr Energie für ihre Freizeit haben. Der Autohersteller Daimler etwa gewährt seinen Mitarbeitern ein Recht auf Unerreichbarkeit. Denn nur so lässt sich auch die Produktivität und Effizienz am Arbeitsplatz erhöhen. Zufriedene, entspannte Mitarbeiter sind eben auch bessere Mitarbeiter.

Experten fordern deswegen: Soll das Arbeitsleben stressfreier, also zufriedener, ablaufen, sollte mehr Energie auf die Zeit außerhalb der Arbeit investiert werden. Ganz konkret: Freizeit muss wichtiger werden. Hobbies, Schlaf und Bewegung. Zeit für Familie, Zeit für Essen, Zeit für Projekte, die nichts mit der Arbeit zu tun haben.

Denn all diese Dinge geben uns neue Energie und nehmen auch den Druck auf der Arbeit. Denn entscheidend ist nicht die Zeit, die man auf der Arbeit verbringt, sondern die Effizienz, mit der wir arbeiten. Bertrand Russell würde zustimmen.

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