WIRTSCHAFT
29/10/2015 18:46 CET

Pestizid: Behörde soll Bevölkerung über Krebsgefahr im Dunklen gelassen haben

elbst in der Muttermilch wurde das Pflanzengift schon nachgewiesen.
DPA
elbst in der Muttermilch wurde das Pflanzengift schon nachgewiesen.

Kaum ein Unkrautvernichtungsmittel ist so umstritten: Seit 2002 ist Glyphosat in Pflanzenschutzmitteln erlaubt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Stoff schon länger als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Das meistverkaufte Pestizid ist in vielen Lebensmitteln nachweisbar – etwa in konventionell hergestelltem Brot und anderen Backwaren. Selbst in der Muttermilch wurde das Pflanzengift schon nachgewiesen.

Deutsche Behörden waren bislang zurückhaltender bei der Beurteilung möglicher Gesundheitsrisiken des Stoffs. Nun erheben mehrere Medien schwere Vorwürfe gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Sie soll die Bevölkerung über die Krebsgefahr, die von dem Stoff ausgeht, im Dunklen gelassen haben.

Das BfR habe die Öffentlichkeit im Zusammenhang mit Glyphosat jahrelang „falsch informiert“, berichtet das ARD-Magazin „Fakt“. In einem dem Sender nach eigenen Angaben vorliegenden Dokument vom August 2015 bestätigte das BfR Ergebnisse der Krebsforschungsagentur IARC. Die WHO-Einrichtung hatte in Tierstudien mehrere signifikante Häufungen von Tumoren feststellte. Bisher habe das BfR lediglich „einen signifikanten Anstieg von Tumoren in einer Studie bestätigt und diese Ergebnisse zudem als wenig relevant bezeichnet“.

Klar sei dem Sender zufolge mittlerweile: In allen fünf ausgewerteten Tierstudien an Mäusen hätten „sich signifikante Steigerungen verschiedener Tumorarten gezeigt, und zwar sowohl Lymphdrüsen- und Blutgefäß-Krebs wie auch Nierentumoren“, behauptet das TV-Magazin.

Außerdem weist das Papier darauf hin, dass sich das BfR bei seiner Einschätzung der Wirkung von Glyphosat offenbar auf statistische Daten und Testauswertungen von Herstellerfirmen verlassen hat. Und diese Daten hätten demnach keine signifikanten Hinweise auf eine möglicherweise krebserregende Wirkung des Stoffs ergeben.

Ähnliche Vorwürfe erhebt die „Süddeutsche Zeitung“. Das Blatt wirft zurecht die Frage auf: „Wie kann es sein, dass solch wichtige Tatsachen übersehen wurden?“

Das BfR weist den Vorwurf, die Öffentlichkeit jahrelang hinters Licht geführt zu haben, auf Anfrage der „Huffington Post“ zurück. Man habe bei der Bewertung des Wirkstoffes Glyphosat “stets transparent gearbeitet“ Bei der laufenden Bewertung des Pflanzenschutzmittels handle sich um einen Prozess, der jetzt „auf europäischer Ebene laufe. Eine Behördensprecherin versichert: „Wenn wir irgendwo eine ernste Gefahr für die Öffentlichkeit sehen, dann informieren wir diese umgehend darüber.“

Auch der Zeitpunkt der Enthüllungen ist pikant. Die EU muss bald entscheiden, ob das Pestizid weiter eingesetzt werden darf. Mehrere Agrarkonzerne machen deshalb schon länger gegen ein Verbot mobil. Mehr als 5.000 Tonnen des Wirkstoffs Glyphosat werden jedes Jahr iauf Deutschlands Feldern verspritzt.

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