POLITIK
28/10/2015 14:52 CET | Aktualisiert 29/10/2015 14:02 CET

Radikale Militärreform: 8 Anzeichen, dass von Russland eine Gefahr ausgeht, die viele unterschätzen

dpa

Putin hat in den vergangenen Jahren das russische Militär radikal umgebaut. Statt auf eine große Armee setzt er nun auf bessere Waffen und eine veränderte Strategie. Spätestens seit dem Einmarsch in der Krim besteht für die Nato die erschreckende Gewissheit: Russlands Militärmanöver sind unberechenbar geworden. Auch Putins Engagement in Syrien beweist das jetzt.

Experten machen sich daher Sorgen angesichts der zunehmenden Gefahr, die von Russland ausgeht. Einer von ihnen ist der ehemalige Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, Ruprecht Polenz (CDU).

Er sagt: Russland ist völlig unberechenbar geworden.

Hier sind 8 Anzeichen, dass diese Sorgen berechtigt sind:

1. US-Militärs warnen vor Überraschungsaktionen der Russen

“In den vergangenen Jahren hat sich die Lage dadurch verschärft, dass Putin sehr viel Geld in den Um- und Ausbau des Militärs gesteckt hat”, sagte Polenz der Huffington Post. Dazu gehört die Anschaffung von modernen Waffen und Kriegsflugzeugen. Ben Hodges, Oberbefehlshaber der US-Truppen in Europa, sprach gegenüber “Spiegel Online” gar von einer “neuen Schlagkraft” der russischen Streitkräfte. Man müsse von Moskau jederzeit überraschende Aktionen erwarten, warnte Hodges.

2. Putin setzt bei seinen Einsätzen gezielt Falschmeldungen ein

Schon zu Beginn der Ukraine-Krise war mehrfach von Putins “hybrider Kriegsführung” die Rede. Der russische Präsident setzt in seinem eigenen Land antiwestliche Propaganda ein und verschleiert nach außen seine Intentionen. Dabei lässt er laut Hodges gezielt Falschmeldungen kursieren, was seine Taktik undurchsichtig macht. Oft war beispielsweise unklar, ob es sich bei den Bewaffneten auf ukrainischem Gebiet um russische Soldaten, prorussische Separatisten oder ukrainische Widerstandskämpfer handelte.

3. Russland startet gezielte Provokationen gegen den Westen

“Was sich nun abzeichnet, ist: Russland kann nicht zwei große Konflikte gleichzeitig durchziehen”, sagt Polenz. "Seit Putin in Syrien militärisch aktiv geworden ist, hat er den Einsatz in der Ukraine stark zurückgeschraubt.” Trotz seiner wirtschaftlichen Schwäche werde Russland nicht damit aufhören, die Nato-Staaten zu provozieren. “Damit testet Putin die westliche Abwehrbereitschaft”, erklärt der CDU-Politiker.

4. Putin setzt in seiner Militärstrategie vor allem auf Nuklearwaffen

Bei der Umformung des Militärs hat Putin massiv in Atomwaffen investiert. Hinter dieser Strategie stecken laut Polenz vor allem Kostenüberlegungen. “Nuklearwaffen sind preiswerter als eine große Armee”, erklärt er. Und: “Sie verleihen Putin militärische Stärke.” Bisher dienten die Waffen zwar nur der Machtdemonstration. Doch Polenz sagt: “Putin hat ja in mehreren Äußerungen in der vergangen Zeit angedeutet, dass sich das jederzeit ändern kann.” Damit warnt er indirekt vor der Möglichkeit eines Atomangriffs von Seiten Russlands.

5. Putin hält sich nicht mehr an Abmachungen mit der Nato

“Nach dem Kalten Krieg war das Verhältnis zwischen Russland und der Nato auf Vertrauen aufgebaut”, erinnert Polenz. “Dazu gehört, dass Militärmanöver angekündigt werden, keine Seite unberechenbare Aktionen startet.” Diese Sicherheit aber gebe es nicht mehr. Russland halte sich nicht mehr an Abmachungen. Dass das stimmt, zeigt am deutlichsten der Einmarsch auf der Halbinsel Krim 2014.

6. Wie Putin im Konfliktfall handeln würde, ist nicht abzusehen

Die "New York Times" berichtete Anfang der Woche, amerikanische Offiziere machten sich Sorgen, Russland könne das globale Internet lahmlegen, sollte es zu einem Konflikt mit der Nato kommen. Ihre Befürchtung begründen die nicht namentlich genannten Militärs mit der Beobachtung, dass russische U-Boote verdächtig oft in der Nähe der großen Unterseekabel unterwegs seien.

7. Russland hat die Macht, No-Go-Areas für Nato-Mitglieder zu schaffen

Zwar ist Russland den Nato-Staaten rein von der Zahl der Waffen und Soldaten her unterlegen. Sollte es aber zum Konflikt kommen, könnte Putin aufgrund der geografischen Lage seines Landes Areale schaffen, zu denen die Nato-Mitglieder keinen Zugang mehr haben, zum Beispiel über dem Schwarzen Meer. Eine Art No-Go-Areas wären das. Hodges bestätigte gegenüber “Spiegel Online”, der Kreml forciere solche "Anti-Access/Area-Denial"-Systeme. Die Abwehr funktioniere dort mit einfachen Mitteln, beispielsweise mit Flugabwehrsystemen oder Anti-Schiffs-Raketen.

8. Putin muss sich mit seiner Schlagkraft vor dem eigenen Volk beweisen

Russlands Wirtschaft ist nicht stabil, das weiß auch Putin. Daher setzt er alles daran, den Rückhalt in der Bevölkerung nicht zu verlieren. Nach Polenz’ Ansicht hat Putins massiver Ausbau der Streitkräfte vor allem innenpolitische Gründe.

“Mit seinen Drohgebärden gegen den Westen und seinem Einsatz sowohl in der Ukraine also auch jetzt in Syrien demonstriert Putin auch den Russen selbst, wie mächtig er ist. Mit seinen Militäreinsätzen zeigt er, dass Russland viele Feinde hat, gegen die es sich - erfolgreich - zur Wehr setzt. Und dass es ihn als starkes Staatsoberhaupt dazu braucht”, sagt der Politiker.

Russen-U-Boote tauchen nah an Unterseekabeln - USA fürchten Ausfall des Internets

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