POLITIK
25/10/2015 13:34 CET | Aktualisiert 25/10/2015 13:50 CET

Die fünf größten Rätsel in der WM-Betrugsaffäre

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Es steht Aussage gegen Aussage: Der "Spiegel" hat in einer Investigativ-Geschichte behauptet, der DFB habe mit einem Kredit des Adidas-Chefs Louis Dreyfus Stimmen von Fifa-Funktionären gekauft, um die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu holen. Der aktuelle Präsident des Fußballbunds, Wolfgang Niersbach, konterte: Das Geld, 10 Millionen Franken bzw. 6,7 Millionen Euro, floss erst nach der Vergabe und wurde in die Organisation gesteckt.

Chaos in den Führungsetagen

Niersbachs Version widersprach zunächst die Fifa, dann, wiederum im "Spiegel", sein Vorgänger Theo Zwanziger. Auf den Führungsetagen der Fußballgremien dürfte derzeit das Chaos herrschen - denn die Wahrheit ist noch lange nicht gesichert: Wann erfuhr der DFB-Präsident von der schwarzen Kasse? Beteiligte sich der Weltfußballverband an der Korruptions-Aktion, indem er bei der Kreditrückzahlung des DFB an Dreyfus den Mittelsmann spielte? Und welche Rolle spielten deutsche Fußballgrößen wie Frank Beckenbauer und Günther Netzer?

Jetzt werden die Verbände durchleuchtet

Sowohl die Fifa als auch der DFB haben unabhängige Prüfer einbestellt, um die mysteriösen Vorgänge in ihren Häusern aufzuklären. Die Ermittler müssen nun eine Reihe von Sachverhalten aufklären, um herauszufinden, was dran ist an der Bestechungsaffäre.

Für die Wahrheit im Sommermärchen-Skandal müssen Antworten auf diese 5 Fragen her:

1. Wurden die Stimmen gekauft?

24 Mitglieder stimmten am 6. Juli 2000 über die Vergabe der WM 2006 ab. In der letzten Wahlrunde gewann Deutschland gegen Südafrika mit 12 zu 11 Stimmen. Gekauft wurden laut "Spiegel"-Bericht vermutlich die Stimmen der vier asiatischen Funktionäre. Drei von ihnen leben noch. Zwei antworteten auf Anfragen des Magazins nicht, der Südkoreaner Chung Mong-Joon sagte, die Fragen seien keine Antwort wert.

Diejenigen, die in der Affäre reinen Tisch machen könnten, schweigen. Die Beschuldigten, allen voran Niersbach, haben hingegen dementiert. Als heimliches "Ja" auf die Frage nach der Bestechung ist das Stillhalten der vier Asiaten nicht sicher zu deuten - doch hängt der Verdacht des Stimmenkaufs weiter in der Luft.

2. Welche Rolle spielt Theo Zwanziger?

Nach Niersbachs Verteidigung gegen die Recherche musste der "Spiegel" neue Fakten vorlegen - das tat er in seiner aktuellen Ausgabe mithilfe von Ex-DFB-Chef Theo Zwanziger, der von 2004 bis 2012 im Amt war. Zwanziger sagte: Niersbach wusste mindestens seit 2005 von der Geheimkasse - und nicht erst seit wenigen Monaten, wie von diesem behauptet. Nach dieser Aussage kamen Spekulationen auf, Zwanziger selbst sei die geheimgehaltene Quelle für die ursprüngliche "Spiegel"-Geschichte gewesen.

Das wirft wiederum Fragen nach seiner eigenen Rolle auf. Dem Magazin zufolge hat der Ex-Präsident seinen Anwalt prüfen lassen, ob er sich strafbar gemacht hatte. Denn er war es, der 2005 die Rückzahlung des Kredits an Dreyfus beim DFB abgezeichnet hatte. Wusste er, welches Geld er da angewiesen hatte?

3. Was geschah bei der Fifa?

Eine Aussage aus Niersbachs Verteidigung, die besonders stutzig machte: Der DFB habe Dreyfus' Finanzspritze an das Finanzkomitee der Fifa überweisen müssen, um im Gegenzug eine Organisationsbeihilfe von 250 Millionen Schweizer Franken zu erhalten. Ein merkwürdiges Prozedere, das an die Betrugsmasche vom nigerianischen Prinzen erinnert.

Niersbachs Aussage lässt zwei Schlüsse zu: Entweder hatte er damit dreist gelogen - oder bei der Fifa gelten sehr ungewöhnliche Hausregeln, wenn es um Zahlungsströme geht. Das ist durchaus denkbar, bedenkt man den Ablauf der Rückzahlung, wie ihn der "Spiegel" schilderte: Demnach überwies der DFB die Rückzahlung an Dreyfus zunächst auf ein Fifa-Konto, von wo es an den Adidas-Chef überwiesen wurde. Eine Verschleierungstaktik?

4. Wo ist der Schuldschein?

"Kaiser" Franz Beckenbauer wurde im Zuge der Affäre in ein nicht sehr royales Licht gerückt: Demnach hatte er das Geld für den angeblichen Stimmenkauf bei Dreyfus besorgt, indem er ihm einen Schuldschein unterschrieb. Beckenbauer bestreitet eine Verwicklung in den Skandal.

Die Existenz des Dokuments ist nicht nachgewiesen, auch der "Spiegel" präsentierte es nicht. Würde es an die Öffentlichkeit gelangen, wäre die Faktenlage klar. Ob es allerdings - noch - vorhanden ist, etwa als Kopie im Nachlass des 2009 verstorbenen Dreyfus oder in einem geheimen Ordner beim DFB, muss ermittelt werden.

5. Wann floss das Geld?

Eine entscheidende Frage ist auch, wann Dreyfus das Geld zahlte, das dem Vernehmen nach direkt an die Fifa gegangen sein soll. Um als Bestechungskasse für die Funktionäre zu fungieren, musste der Kredit spätestens 2000 geflossen sein - in dem Jahr entschied das Komitee über die Vergabe der WM nach Deutschland. Niersbach zufolge überwies der Adidas-Chef aber erst im Jahr 2002. Auch zur Klärung dieser Frage kann der Schuldschein hilfreich sein.

Die Fifa jedenfalls bestritt, 2002 eine Zahlung von Dreyfus erhalten zu haben - was logisch wäre, wenn die Millionen in die Taschen korrupter Verbandschefs geflossen wären.

So soll das Sommermärchen vom DFB gekauft worden sein, FOL. 17.10.15

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