POLITIK
23/10/2015 11:14 CEST | Aktualisiert 09/05/2016 05:34 CEST

Kliniken schlagen wegen Flüchtlingskrise Alarm: Wir stehen vor dem Zusammenbruch

dpa
Arzt Simon Reichenauer (r) untersucht den pakistanischen Flüchtling in der ärztlichen Versorgungsstelle in der Hanns-Martin-Schleyerhalle in Stuttgart (Baden-Württemberg).

Immer mehr Kliniken in Deutschland klagen über eine erhöhte Belastung durch die steigenden Flüchtlingszahlen. Sprachbarrieren seien zum Teil erheblich und bedeuteten eine zusätzliche Belastung in den Notaufnahmen, heißt es etwa bei mehreren Krankenhäusern in Nordrhein-Westfalen. Auch auf die Behandlung von seltenen Infektionen und Krankheiten wie Tuberkulose müssten sich die Ärzte erst wieder einstellen, sagt der Sprecher der Krankenhausgesellschaft NRW, Lothar Kratz.

Vor allem Krankenhäuser, die auch für die Erstuntersuchungen der Flüchtlinge zuständig sind in der Region überfordert. „Wir röntgen und untersuchen täglich im Schnitt 40 bis 80 Menschen auf Tuberkulose und andere Krankheiten“, sagt ein Sprecher des städtischen Klinikums Bielefeld. Pro Schicht seien derzeit ein bis zwei Mitarbeiter mehr eingesetzt. „Die Belastung ist extrem gewachsen“, hieß es.

Massive Überlastung steht auch in anderen Regionen bevor

Auch anderswo in deutschen Krankenhäusern könnten aufgrund der Flüchtlingskrise schon bald massive Engpässe drohen. Mehrere hunderttausend Flüchtlinge sind alleine seit Anfang September in Deutschland angekommen. Bis sie anerkannt sind, haben sie nicht einmal eine Versicherungskarte, müssen deshalb einen bürokratischen Hürdenlauf meistern, bevor sie einen Termin beim Arzt bekommen. Die Notdienste der Krankenhäuser dürfen die Asylbewerber dagegen nicht einfach abweisen.

"An der Grenzen dessen, was geleistet werden kann“

„Die immer weiter steigende Zahl von Flüchtlingen bringt inzwischen die ersten Häuser an die Grenzen dessen, was geleistet werden kann“, warnte der Landesvorsitzende der FDP Schleswig-Holstein und Gesundheitsexperte Heiner Garg bereits Anfang August im „Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag“ – also noch vor dem Riesenandrang an Flüchtlingen in den vergangenen zwei Monaten.

Das Friedrich-Ebert-Krankenhaus (FEK) in Neumünster richtete schon damals einen dramatischen Appell an die Öffentlichkeit: "Die Fallzahlen haben deutlich zugenommen. Das ist ohne Unterstützung nicht mehr zu handhaben", warnte Geschäftsführer Alfred von Dollen in dem Blatt. Die Flüchtlinge kämen "vor allem nachts und an den Wochenenden in die Notfallambulanzen". Oft handle es sich um Menschen mit vollkommen unbekanntem Infektionsstatus. Aber auch Schwangere wollten behandelt werden.

150.000 zusätzliche Klinik-Patienten allein in diesem Jahr

"Es kommen immer mehr Flüchtlinge, mitunter auch schon einmal mit einer Grippe", sagt auch ein Münchener Klinikarzt. Mehr Personal habe die Klinikleitung deshalb jedoch nicht bewilligt. Dabei müssen Patienten, die an der Isar eine Notaufnahme eines Krankenhauses aufsuchen, ohnehin schon oft stundenlang warten.

Marc Schreiner, Experte für internationale Beziehungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft, zufolge haben 15 Prozent der in Bayern ankommenden Flüchtlinge „akuten Behandlungsbedarf“. Das sagte er bereits Anfang Oktober der Tageszeitung „Die Welt“. Die Zahlen soll das bayerische Innenministerium ermittelt haben. Rechnet man diese auf bundesweit eine Million Flüchtlinge hoch, wären das rund 150.000 zusätzliche Klinikpatienten allein für 2015.

Auch Schreiner warnt: "In den Kliniken werden immer häufiger Patienten mit Krankheitsbildern vorstellig, die in Deutschland bereits als ausgeräumt galten, wie etwa Krätze."

Verdi: 70.000 Krankenschwestern fehlten bereits vor dem Flüchtlingsandrang

Die Gewerkschaft Verdi hatteim Sommer 2014, also schon lange vor der Flüchtlingskrise, gewarnt, in Deutschlands Kliniken fehlten 70.000 Krankenschwestern. Die Arbeitnehmervertreter fordern eine massive Aufstockung der Bundesmittel. „Das Gesundheitssystem muss mit ausreichenden Mitteln ausgestattet werden. Das gilt natürlich auch für die Versorgung der Flüchtlinge“, sagt Robert Hinke, Gesundheitsexperte bei Verdi Bayern.

Der Marburger Bund ist zurückhaltender. Ein Sprecher der Ärztevereinigung sagte auf Anfrage, von einer Überlastung könne "noch keine Rede sein". Klar sei aber auch, dass die Kliniken dauerhaft mehr Geld benötigten. Die von der Bundesregierung zuletzt beschlossenen höheren Zahlungen an die Länder für eine bessere Ausstattung der Krankenhäuser seien „zumindest ein Schritt in die richtige Richtung“.

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