POLITIK
23/10/2015 17:59 CEST | Aktualisiert 23/10/2015 19:01 CEST

Flüchtlingsunterbringung in Berlin: Wie sich ein Hotel an der Krise bereichert

Berlins Flüchtlingsunterkünfte sind heillos überfüllt. Das zwingt die Behörden dazu, Migranten auch in Hotels in Hostels gegen ein Prämie unterzubringen. Das System hat gehörige Schwächen - und verleitet zum Missbrauch. Die Folgen sind gravierend. Ein besonders krasses Beispiel ist ein Hotel in Berlin-Mitte.

Eine ruhige Gegend mit Bäckereien, Büros, kleinen Geschäften. Aus dem Eingang des Hotel City 54 kommt eine Frau mittleren Alters mit blond gefärbten Haaren, die sie mit einem schwarzen Band streng zurückgeschoben hat. An ihrer Hand stolpert ein kleiner Junge über den roten Teppich vor dem Hotel.

Die beiden gehen an den Tischen mit den roten Schirmen vorbei und bleiben in der Sonne stehen, die zum ersten Mal seit zwei Wochen zum Vorschein gekommen ist.

Vor fünf Monaten kamen die beiden aus Albanien nach Deutschland. Die Mutter will ihren Namen nicht in diesem Artikel lesen, weil sie Angst hat, dass es negative Auswirkungen auf ihr Asylverfahren hat. “Wir wollen nicht wieder zurück”, sagt sie in gebrochenem Deutsch und zieht wie zur Unterstreichung ihrer Aussage ihren pinken Pullover mit einer energischen Bewegung zurecht.

Flüchtlingsheime überfüllt: LaGeSo vergibt Hotelgutscheine an Flüchtlinge

Berlins Staatssekretär für Flüchtlingsfragen, Dieter Glietsch, erwartet in der Hauptstadt 50.000 Flüchtlingen bis Ende des Jahres. Vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) müssen die Menschen tagelang in der Kälte warten, um sich zu registrieren. Erst dann wird ihnen eine Unterkunft zugeteilt.

Weil die Flüchtlingsheime völlig überfüllt sind, bekommen viele Asylsuchende vom LaGeSo Hotelgutscheine. Auf die Suche nach einem Schlafplatz müssen sie sich selbst machen.

Die Albanerin und ihren Sohn hat es so ins City 54 verschlagen. Für jeden Flüchtling, den sie aufnimmt, bekommt die Hotel-Besitzerin J. Degirmenci von der Stadt einen Betrag knapp über 20 Euro.

Das ist weit mehr als die meisten Touristen bezahlt haben, die bisher in dem Hotel gewohnt haben. Das Hotel rangiert in der untersten Preiskategorie - Betten bietet das zentral gelegene City 54 auf seiner Internetseite bereits ab 12 Euro pro Nacht an.

Inzwischen wohnen im City 54 nur noch Flüchtlinge - und das Hotel macht mehr Gewinn als vorher

Wer aber versucht, über die Homepage eine Übernachtung auch für die nächsten Monate zu buchen, scheitert. Es gibt lediglich den Hinweis, dass in diesem Zeitraum keine Zimmer verfügbar seinen. Auch an der Rezeption heißt es: “Tut uns Leid, bis auf Weiteres ist nichts frei.”

Erst nach mehrfachem Nachfragen, was der Grund dafür sei, erklärt der Angestellte seltsam verdruckst, dass im City 54 alle Betten inzwischen von Flüchtlingen belegt seien.

Auf die Frage, wie viele Flüchtlinge denn in dem Hotel untergebracht seien, kommt die ausweichende Antwort: “Das kann ich Ihnen nicht sagen, die kommen und gehen ja ständig.”

Eine Antwort, die zumindest erahnen lässt, dass jetzt weit mehr Leute dort wohnen als eigentlich für die Räume erlaubt wären. Auch der Versuch, bei der Stadt Genaueres zu erfahren, läuft ins Leere. Das LaGeSo ist für eine Stellungnahme zur Bewohnerzahl des City 54 auch nach mehrfachem Versuch nicht zu erreichen - wohl aus Gründen der Überlastung.

Flüchtling spricht von menschenunwürdigen Zuständen in dem Hotel

Vorgesehen war der Platz bisher für 208 Touristen. Anfang Oktober war in einem “Vice”-Bericht die Rede von bis zu 700 Flüchtlingen, die das Hotel beherbergen soll.

Ein Asylbewerber, der mit seiner ganzen Familie zu diesem Zeitpunkt im City 54 wohnte, sprach gegenüber dem Magazin von menschenunwürdigen Zuständen in den Räumen. Er und seine Familie müssten sich zu fünft ein Zimmer teilen, es sei alles voller Müll, der Platz zwischen den Betten sei viel zu eng.

“Dass hier zu viele Leute wohnen, ist längst nicht mehr so”, wiegelt der Rezeptionist ab. Das, was die Bewohner des City 54 auch jetzt noch erzählen, klingt allerdings ganz anders.

“Acht Leute müssen in einem Zimmer schlafen"

Ein älterer Mann, auch aus Albanien, der sich in eine dicke Daunenjacke gehüllt vor dem Hotel eine Zigarette dreht, sagt, es seien viel zu viele Menschen in dem Gebäude untergebracht. Wie viele Flüchtlinge insgesamt in dem Hotel wohnen, kann er nicht sagen. Was er aber sagen kann, ist: “Acht Leute müssen in einem Zimmer schlafen. Im selben Zimmer kochen wir auch.”

Die Angestellten lassen niemanden an der Rezeption vorbei, der nicht in City 54 wohnt. Nicht einmal einen Blick in die Gänge lassen sie Außenstehende werfen. Als der Mann mit der Daunenjacke seine Zigarette fertig geraucht hat, verschwindet er im Hotel und kommt kurze Zeit später mit seinem Smartphone wieder raus.

Er hat Videoaufnahmen seines Zimmers gemacht. Der Raum sieht nicht allzu groß aus. Es ist sehr wenig Platz, die Betten stehen dicht an dicht. Soweit es auf dem wackligen Film zu erkennen ist, war das Zimmer ursprünglich für weit weniger Betten ausgelegt.

Öffentlich machen will der Mann das Video nicht. “Er hat Angst”, übersetzt ein junger Mann, der in seiner Nähe steht, das Gemurmel, als der alte Mann sein Handy schnell wieder in die Jackentasche und verschwindet, die nächste Zigarette rauchen.

“Wir bekommen Ärger, wenn wir filmen”

Seine Angst kann die albanische Mutter im pinken Pullover gut verstehen. “Wir bekommen Ärger vom Chef, wenn wir Fotos machen und filmen”, sagt sie und signalisiert mit ihrer ausgestreckten Hand am Hals: Der reißt uns den Kopf ab.

Wen genau sie mit “Chef” meint, bleibt unklar. Dass beispielsweise die Besitzerin des City 54 kein Interesse daran hat, dass Bilder der Räume an die Öffentlichkeit gelangen, allerdings ist durchaus denkbar. Je mehr Betten Degirmenci in den Zimmern unterbringt, desto mehr Flüchtlinge passen in das Gebäude und desto mehr Gewinn springt dabei für sie heraus.

Nicht nur “Vice” berichtete bereits von unhaltbaren Zuständen im City 54. Die “Bild”-Zeitung veröffentlichte im September ein Foto von einem Stockbett, das nur wenige Zentimeter neben einem Herd steht. “Flüchtlinge müssen in der Küche schlafen”, stand darüber.

Degirmenci beteuerte daraufhin gegenüber der “Berliner Woche”, die Aufnahme sei gestellt. Die Flüchtlinge seien alle ordentlich untergebracht.

Verfahren wegen brandschutztechnischer Bedenken

Im selben Artikel allerdings kommt Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) zu Wort, der “erhebliche brandschutztechnische Bedenken” das City 54 betreffend anmeldet. Spallek ist der Ansicht, dass das Haus nicht als Flüchtlingsheim genutzt werden darf.

Als die Betreiberin dem LaGeSo als Unterkunft für Asylbewerber anbot, stellte sie den Antrag auf die Genehmigung für 450 Plätze statt der bisher 208 genehmigten. Der Bezirk lehnte das ab. Seitdem laufen laut der “Berliner Woche” juristische Auseinandersetzungen zwischen der bezirklichen Bau- und Wohnungsaufsicht und Degirmenci.

Sollte sich herausstellen, dass das City 54 tatsächlich - wie die Bewohner sagen - viel zu viele Flüchtlinge ‘beherbergt’ (alleine dieses Wort wäre in dem Fall ein Euphemismus sondergleichen), setzt damit nicht nur die Betreiberin die Sicherheit der dort untergebrachten Menschen aufs Spiel.

Dass ein Hotel sich offensichtlich so ohne weiteres an der Flüchtlingskrise bereichern kann, ist ein weiterer Beweis für die Hilflosigkeit und das Versagen der Politik. Gäbe es genügend reguläre, vom Staat zur Verfügung gestellte Unterkünfte für Flüchtlinge, kämen derartige Hoteliers gar nicht erst zum Zuge.

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