POLITIK
22/10/2015 12:43 CEST | Aktualisiert 23/10/2015 05:36 CEST

4 Gründe, weshalb die Glaubwürdigkeit des "Spiegels" in Gefahr ist

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DFB-Präsident Wolfgang Niersbach

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach war in Zugzwang - und lieferte: Auf einer Pressekonferenz verteidigte er sich heute Mittag gegen den Vorwurf des "Spiegel", wonach vor der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Bestechungsgelder aus der Kasse des damaligen Adidas-Chefs Louis Dreyfus an Fifa-Funktionäre geflossen seien. Der DFB soll das Geld später über Umwege an Dreyfus zurückgezahlt haben.

Die Investigativgeschichte hatte den Deutschen Fußballbund in arge Bedrängnis gebracht: Franz Beckenbauer, Günter Netzer - Größen des deutschen Fußballs waren demnach in die heftige Affäre verwickelt. Das Fazit der "Spiegel"-Story: Die WM 2006 war gekauft.

Doch gab es überhaupt eine Affäre? Der "Spiegel"-Bericht beruht weitgehend auf Aussagen ungenannter Quellen. Aber die Geschichte wirkte zunächst schlüssig.

Nun allerdings präsentierte Präsident Niersbach mehrere Argumente dafür, dass bei der Vergabe der WM, die zum Sommermärchen in Deutschland wurde, alles mit rechten Dingen zuging. Sie klingen nachvollziehbar. Und sie führen zu der Frage: Hat der "Spiegel" geschlampt? Hat er im Rausch einer journalistischen Sensation Mutmaßungen als Tatsachen dargestellt?

Für ein Investigativ-Magazin sind das wichtige Fragen. Die Redaktion sollte sich Mühe geben, sie schnell zu beantworten. Denn die Glaubwürdigkeit der Rechercheure und die Reputation von Deutschlands größtem und einflussreichstem Nachrichtenmagazin ist in Gefahr, wenn sich die Geschichte als überzogen herausstellen sollte. Schon einmal erlebte ein Magazin in Deutschland so einen Reputationsverlust, von dem es sich nie wieder erholte: Es war der "Stern" mit seinen Hitlertagebüchern.

Hier sind die vier wichtigsten Gründe, um an der Spiegel-Geschichte zu zweifeln:

1. Das Geld floss viel später

Niersbach sagte auf der Pressekonferenz, dass in der Tat Geld aus der Kasse von Dreyfus geflossen sei. Allerdings unter anderen Umständen als im "Spiegel" dargestellt. Demnach überwies der Adidas-Chef die Summe von 10 Millionen Schweizer Franken (6,7 Millionen Euro) erst im Jahr 2002. Vergeben wurde die Weltmeisterschaft allerdings bereits 2000. Um eine diskrete Bestechungskasse zu schaffen, war es 2002 längst zu spät.

2. Der DFB hielt sich weitgehend aus der Sache raus

Die "Spiegel"-Version geht so: Das Geld floss von Dreyfus auf ein geheim gehaltenes Konto des DFB. Dem widersprach Niersbach: Die 10 Millionen Franken flossen demnach ganz offen an die Finanzkommission des Weltfußballverbands Fifa. Für diese sei das Geld eine Art Vorschussleistung gewesen auf eine Finanzspritze, die wiederum an den DFB zurückfloss: 250 Millionen Franken. Die FIFA dementiert diese Darstellung laut "Spiegel Online" aber inzwischen.

Warum der DFB erst zahlen musste, um Geld zu bekommen, konnte Niersbach nicht erklären. Dies soll eine vom DFB beauftragte, unabhängige Prüfungsgesellschaft herausfinden. Franz Beckenbauer hatte sich dem Präsidenten zufolge ebenfalls als Stifter der 10 Millionen Franken angeboten - und war demnach nicht der persönliche Kreditnehmer, der das Geld bei Dreyfus beantragt hatte.

3. Das Geheimnis war gar keines

Im Spiegel-Bericht ist die Rede von verdeckten Konten und von der Planung einer Scheinveranstaltung in Berlin, mit dem die Herkunft des Geldes verschleiert werden sollte. Aber wie Niersbach erklärte tauchen die 6,7 Millionen Euro, die noch vor der WM an Dreyfus zurückgezahlt worden sein sollen, "in allen Finanzabschlüssen auf". Existiert tatsächlich eine offizielle Bilanz, könnte von Geheimniskrämerei keine Rede mehr sein.

4. Es gibt ein Dokument, das die Wahrheit bezeugt

Das Magazin berichtet von einem Schuldschein, auf dem Beckenbauer den Empfang der 10 Millionen Franken quittiert haben soll. Anhand des Dokuments habe Dreyfus vom DFB später sein Geld zurückgefordert. Das Problem: Der Schein existiert nur laut Aussagen von Quellen. Das Dokument selbst, das in der Geschichte eine Art Kronzeuge ist, liegt dem "Spiegel" aber offenbar nicht vor. Mit der Urkunde selbst könnte der "Spiegel" beweisen, dass seine Recherchen korrekt sind. Danach sieht es bislang allerdings nicht aus.

So soll das Sommermärchen vom DFB gekauft worden sein, FOL. 17.10.15

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