POLITIK
22/10/2015 07:00 CEST | Aktualisiert 22/10/2015 09:12 CEST

An den Mann, der in Dresden einen Pegida-Anhänger anschrie und schlug

Screenshot/Youtube

Lieber unbekannter Pegida-Gegendemonstrant!

Ich hänge keiner Ideologie an. In manchen Dingen bin ich eher konservativ, in manchen Belangen denke ich wohl eher links. Ich mache mir nicht viel aus solchen Kategorien.

Auch deshalb finde ich das Treiben von Pegida so abstoßend und gefährlich: Seit gut einem Jahr werden dort Menschengruppen pauschal zu Feindbildern stilisiert. Politiker der etablierten Parteien sind in den Augen der Demonstranten „Volksverräter“, Muslime werden als „Dreckspack“ verunglimpft. Und Lutz Bachmann hat Flüchtlinge höchstselbst als „Viehzeug“ und „Gelumpe“ tituliert.

Insofern haben Sie alles richtig gemacht, als Sie am Montag demonstriert haben.

Was ich aber nicht akzeptieren kann, ist Gewalt. Auch wenn sie sich gegen Menschenfeinde richtet.

Sie sind in einem Video zu sehen, das offenbar ein Pegida-Demonstrant hochgeladen hat. Wer will, kann es sich hier anschauen.

"Irre Sau", "Nazi-Schwein"

Es ist nicht zu sehen, was vor der gezeigten Sequenz passiert ist. Wurden Sie angepöbelt? Haben Sie sich bedroht gefühlt?

Jedenfalls folgen Sie einem Mann (das ist stimmlich zu hören), der eine Kamera in ihre Richtung hält. Sie bezeichnen ihn als „kleine Sau“, „Nazi-Schwein“, „irre Sau“ und drohen ihm, „sowas von eins auf die Fresse zu hauen“. Dann bedeuten Sie ihm, dass er sich jetzt zwischen lauter Andersdenkenden befände, die dem Mann ebenfalls zu Leibe rücken wollten.

Ihr Verhalten ist abstoßend

Schließlich fordert Sie ein glatzköpfiger Mann genauso beschwichtigend wie bestimmt dazu auf, „nicht so zu stänkern“. Er rückt Ihnen nicht auf die Pelle. Das tun Sie dann. Und geben dem Mann im Vorbeigehen eine Ohrfeige.

Ohne den Kontext zu kennen: Ich finde Ihr Verhalten - nur in dieser Situation - ebenso abstoßend wie das Gebrüll der Fremdenfeinde, das Woche für Woche durch die Dresdner Innenstadt schallt.

Jemandem die Würde nehmen - das geht gar nicht

Mehr noch: Offenbar fühlen auch Sie sich im Namen einer vermeintlich guten Sache dazu berufen, diesem filmenden Pegida-Anhänger durch Beleidigungen seine Würde zu nehmen und einem anderen in seinem Recht auf körperliche Unversehrtheit zu verletzen.

Aber so läuft das nicht. Menschenfeindlichkeit bekämpft man nicht, indem man anderen Menschen „auf die Fresse“ haut. Sie führen damit alles ins Absurde, wofür Hunderttausende Deutsche seit Wochen mit friedlichen Mitteln kämpfen.

Was hier passiert, macht Angst

Ich habe Angst, wenn ich ehrlich bin: dass auf die Radikalisierung des braunen Mobs, der seit Wochen zu beobachten ist und von Parolen aus der Mitte der Gesellschaft befeuert wird, nun eine Radikalisierung des linken Lagers führt.

Keine Sache, und sei sie noch so gut und verlockend, ist es wert, dass man dafür die eigenen Grundsätze verrät. Wer glaubt, dass man auf Gewalt mit Gegengewalt antworten muss, stellt sich auf eine Stufe mit den rechten Hassfratzen, die in diesem Jahr eine bisher nie gekannte Welle an politischer Gewalt losgetreten haben.

Mehr Gewalt von links

Leider häufen sich derzeit die Meldungen von linker Gewalt gegen Andersdenkende: In Hessen etwa wurde am Wochenende ein Wahlkampfstand der AfD angegriffen, eine Person wurde dabei verletzt. Und am Montag – vor und nach ihrem glanzlosen Auftritt - wurden Teilnehmer der Pegida-Demo laut Polizeibericht mehrfach angegriffen. Ein Mann erlitt dabei schwere Verletzungen.

Wissen Sie: Seit Monaten hetzt Lutz Bachmann auf den montäglichen Versammlungen gegen die angeblich so gewaltbereite Antifa, die ganz Dresden terrorisiere.

Mitmenschlichkeit geht anders - nämlich so

Ich habe bei meinen journalistischen Einsätzen im Winter keinerlei Grund, diesem Schmarrn zu glauben. Ich habe die Gegendemonstranten als laut, aber durchgehend friedlich wahrgenommen. Gewalt erlebte ich nur von Seiten der Hooligans, die im Pegida-Tross mitmarschierten. Auch am eigenen Leib.

Mitmenschlichkeit lässt sich nicht durch Dresche und Beleidigungen erzwingen. Es ist eine Haltung, die auf innerer Überzeugung und auf Werten basiert. Politische Gewalt ist widerlich. Egal ob sie nun von linken oder von rechten Demonstranten kommt.

Was politisches Handeln bedeutet, sollte in Deutschland glasklar sein

Mehr als alles sonst versuche ich, Politik vom Menschen her zu denken. Denn das ist der Grundgedanke unserer Verfassung. Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Artikel 2: Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Artikel 5: Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern.

Ich wüsste keinen stärkeren Leitgedanken für politisches Handeln in einer Demokratie als die ersten 20 Artikel unserer Verfassung. Und damit halte ich es. Immer.

Laut werden und rausgehen - das ist richtig

Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir dürfen nicht zusehen. Die Äußerungen von Pegida ebnen den Weg für die rechte Gewalt in diesem Land. Spätestens, seitdem die Notstands- und Weltuntergangs-Fantasien in den Foren dieser Republik dafür sorgen, dass sich einige dazu berufen fühlen, den Willen einer vermeintlich schweigenden Mehrheit durchzusetzen. Die Hunderten Fälle von Angriffen auf Asylbewerberheime sind ein unerträglicher Ausdruck dieses radikalisierten Wahndenkens.

Man sollte laut werden gegen diese Menschenfeinde. Auf die Straße gehen. Ein Zeichen setzen. So funktioniert Demokratie: dass man Hass als solchen brandmarkt und alles tut, um die Anhänger solcher wirren Gedanken zu marginalisieren. Aber wenn Sie diese Menschen zum Opfer machen, erreichen Sie genau das Gegenteil.

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