POLITIK
21/10/2015 15:06 CEST | Aktualisiert 21/10/2015 16:42 CEST

"Wenn du so weitermachst, bist du bald tot": Wie ein brutaler Diktator seine Kritiker in Berlin jagt

In den Straßen Berlins fühlen sich Tschetschenen nicht mehr sicher
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In den Straßen Berlins fühlen sich Tschetschenen nicht mehr sicher

Es grenzt an ein Wunder, dass Asan Chadschijew noch lebt. Eigentlich war für ihn das gleiche Schicksal vorgesehen wie für viele seiner Verwandten: Er sollte sterben.

Männer kamen eines Nachts und schlugen seinen beiden Neffen die Schädel ein. Sie hatten sich im Wald versteckt, doch die schwarz gekleideten Schergen jagten sie, töteten sie und verscharrten ihre Leichen in der Erde.

kadyrow schergen

Aufnahmen aus dem tschetschenischen Dorf, in dem Chadschijews Schwester wohnte. Schwarz gekleidete Männer brannten ihr Haus nieder; Chadschijew ist sich sicher: Präsident Kadyrow steckt dahinter; Credit: Handyaufnahmen von Asan Chadschijew

Der hochgewachsene Chadschijew mit dem ergrauten Bart ist Tschetschene und wie seine toten Neffen hat er es gewagt, sich dem tschetschenischen Präsidenten und Putin-Freund Ramsam Kadyrow entgegen zu stellen. Ein fataler Fehler.

Er floh vor vier Jahren nach Berlin. Dort lebt er seitdem - in Sicherheit, dachte er. Fernab des Landes, das seit 25 Jahren unter der russischen Repression leidet. Doch dann hörte er angsteinflößende Geschichten. Andere Tschetschenen bekamen vor ihren Berliner Wohnungen unangenehmen Besuch. Wurden bedroht.

Männer bedrohten die Aktivistin Rubati Midsajewa auf offener Straße in Berlin

Chadschijew ahnt, wer dahinter steckt: Kadyrow. "Seine Leute machen uns Angst", sagt er. Er erklärt, dass immer mehr darauf hindeutet, dass der tschetschenische Präsident, der für seine Brutalität bekannt ist, seine Widersacher nun auch in Berlin verfolgt.

Vor kurzem wurde die Aktivistin Rubati Midsajewa auf offener Straße in Berlin massiv bedroht: Sie kam aus ihrer Wohnung, als zwei Männer aus einer Hausecke auf sie zustümten, einer von links, einer von rechts. "Wenn du so weiter machst, wirst du nicht mehr lange leben", sagten sie und verschwanden.

So erzählt es zumindest Ekkahard Maaß, dessen Literarischer Salon am Prenzlauer Berg in Berlin in den vergangenen Jahrzehnten zum Zufluchtsort für Tschetschenen geworden ist. Die Tschetschenen in Berlin sind sich sicher, dass die Männer von Kadyrow hinter dieser Aktion stecken.

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Asan Chadschijew (links) kommt oft in den Literarischen Salon von Ekkehard Maaß (rechts) am Prenzlauer Berg; Credit: HuffPost/Lea Kosch

Seit der heute 39-jährige Kadyrow 2008 in Tschetschenien zum Präsidenten gewählt wurde, geschieht dort de facto alles im Sinne des Kreml. Kein Wunder also, dass auch Regime-Gegner plötzlich verschwinden.

Putins Name taucht in diesen Fällen nie auf, doch jeder weiß, wie nah sich die beiden Präsidenten sind und wie sehr sich Putin für Kadyrows Wahl zum Präsidenten eingesetzt hat.

Zunächst starben Kadyrow-Kritiker nur in Tschetschenien selbst. Doch 2009 erschossen Unbekannte in Wien Kadyrows ehemaligen Leibwächter, Umar Israilov, auf offener Straße. Israilov hatte sich gegen den Präsidenten gewendet und war nach Österreich geflohen. Der Fall sorgte auch über die Grenzen Österreichs hinaus für Aufsehen.

Kadyrow schleust seine Leute offenbar als vermeintliche Flüchtlinge nach Berlin

In Deutschland sind bislang offiziell noch keine solchen Morde geschehen. Menschen, die vor Kadyrow geflohen sind, gibt es viele in Berlin. Maaß kennt viele von ihnen. Er hilft ihnen, Asyl zu beantragen und in Deutschland klarzukommen. Wenn sie Probleme haben, vermittelt er ihnen Anwälte.

Er ist sich sicher: Mindestens zwei von Kadyrows Vertrauten sind bereits nach Berlin gezogen. Bilder von ihnen zeigen sie vor dem Brandenburger Tor. Laut einem Bericht des "Deutschlandfunk" sind sie offiziell als Flüchtlinge gekommen, reisen aber regelmäßig nach Tschetschenien, treffen sich dort mit dem Präsidenten und lassen sich mit ihm fotografieren.

Ein weiterer Draht Kadyrows nach Deutschland ist nach den Worten von Maaß Timur Doguzaev. Er organisiert Boxwettkämpfe und leitet den Sportclub Akhmat Promotion. Kadyrow und er scheinen sich gut zu kennen, Doguzaevs Instagram-Profil ist voll mit Bildern von ihm und dem Präsidenten.

Братья!👍👍🙏🙏🙏☝️#kadyrov#vismuradov#patriot#grozny#chechnya#

Ein von Timur_KRA_Germany (@dugazaev_95) gepostetes Foto am


Kadyrow (links) und Doguzaev (rechts)

Einer, der um sein Leben fürchtet, ist Murschid.

"In Tschetschenien war ich ein angesehener Anwalt. Ich habe gut verdient, hatte viele Klienten", erzählt er. Sein Zertifikat hat er mitgenommen, doch das hat in Deutschland keinen Wert.

Warum er fliehen musste? Hier wird Murschid schmallippig. Es habe einen Konflikt gegeben mit einem hochrangigen Kadyrow-Mann. "Politische Gründe", sagt er.

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Auf seiner Flucht von Tschetschenien nach Deutschland hat Murschid die Fellmütze seines Vaters mitgenommen; Credit: HuffPost/Lea Kosch

Eben diese "politischen Gründe" trieben auch die Aktivistin Midsajewa aus ihrem Land. Sie floh vor dem Tschetschenienkrieg 1996 nach Deutschland. Über ein Jahr war sie in russischer Gefangenschaft, wurde brutal gefoltert.

Die meisten Tschetschenen, die nach Deutschland kommen, haben das Grauen gesehen.

Maaß, bei dem auch Midsajewa Zuflucht suchte, weiß von all den Grausamkeiten, die man ihr angetan hat. "Im Krieg hat sie ein tschetschenisches Mädchen, das verwundet war, ins Krankenhaus gebracht und ihr zweijähriges Kind alleine in der Wohnung gelassen. Als sie zurückkam, war ihr Kind tot. Sie hatten es geköpft und an den Beinen an die Lampe gehängt."

Im Gefängnis wurden ihr die Fingernägel ausgerissen und die Zähne ausgeschlagen.

Ganz oben auf der Liste der Kadyrow-Schergen steht auch der Schriftsteller Apti Bisultanow. Ekkehard Maaß hat seine Gedichte ins Deutsche übersetzt, die beiden sind gute Freunde.

Bisultanow ist der einzige noch lebende Dichter, der in der tschetschnischen Sprache schreibt und einer der wenigen Führer des Unabhängigkeitskampfes gegen Russland.

Offiziell kann keiner nachweisen, wer hinter den Drohungen steckt

Seit 1991, als sich die russische Republik Tschetschenien einseitig für unabhängig erklärte, setzt Russland alles daran, die abtrünnige Republik in ihren Vielvölkerstaat zurückzuholen.

"Wer genau hinter den Drohungen hier in Berlin steckt, weiß offiziell natürlich keiner so genau", sagt Maaß.

Speziell im Fall des Schriftstellers Bisultanow bleiben aber nur wenig Zweifel. Ihm hat Kadyrow persönlich angedroht, ihn in einem metertiefen Loch in der Erde zu vergraben.

"Als ich ging, habe ich meinem Bruder gesagt: Wahrscheinlich komme ich nicht zurück"

Zurück in ihre Heimat wollen sie alle, doch das können sie nicht. Nicht so lange "diese Putin-Bande", wie Chadschijew die Kadyrow-Leute im Gespräch mit dem "Deutschlandfunk" nannte, an der Macht ist.

Der breitschultrige Nasrudin mit der tiefen Stimme hat sich auf der Flucht ein bisschen Erde aus Tschetschenien mitgenommen. Manchmal legt er sich ein wenig davon auf die Zunge. "Die Heimaterde gibt mir Kraft", sagt er.

nasrudin

Asan (links), Nasrudin (Mitte) und Murschid (rechts); Credit: HuffPost/Lea Kosch

Er hat große Sehnsucht nach seinem Land. Seit 16 Jahren ist Nasrudin nun schon in der Fremde. "Als ich ging", sagt er langsam, "habe ich meinem Bruder gesagt: Wahrscheinlich komme ich nicht zurück."

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