POLITIK
22/10/2015 02:35 CEST | Aktualisiert 22/10/2015 10:22 CEST

Ungeheuerlicher Mord: Ließ der IS eine britische Journalistin ermorden?

Die Journalistin Jackie Sutton soll vom Islamischen Staat ermordet worden sein
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Die Journalistin Jackie Sutton soll vom Islamischen Staat ermordet worden sein

Jacqueline Sutton (50) machte sich für Menschenrechte und Gerechtigkeit in Krisengebieten stark. Nun ist sie tot. Vergangenen Samstag wurde ihre Leiche auf einer Flughafentoilette entdeckt. Ihr rätselhafter Tod wirft Fragen auf: War es wirklich Suizid, wie zunächst angenommen oder wurde der angebliche Freitod inszeniert? Nicht wenige Indizien weisen auf einen Mord.

Die britische Journalistin war in der Vergangenheit für die BBC und die UN tätig. Freunde beschreiben sie als erfahrene Persönlichkeit mit Passion für ihre Arbeit. Ihre letzte Station war die Leitung des IWPR (Institute for War & Reporting) im Irak, ihr Vorgänger starb durch eine Bombe in Baghdad. Die Organisation setzt sich für Journalismus in Krisengebieten ein.

Von London aus flog sie nach Istanbul.. Nach einer kurzen Aufenthaltszeit sollte der Anschlussflug nach Erbil, eine kurdische Region im Norden des Iraks, gehen. Nachdem die Journalistin ihren Anschlussflug verpasst hat, soll sie angeblich verzweifelt gewesen sein, da ihr das Geld für ein neues Ticket in den Irak fehlte.

So berichten es türkische Medien ohne die Nennung einer Quelle. Die Britin soll sich mit ihren eigenen Schnürsenkeln im Transitbereich auf einer Flughafentoilette erhängt haben. Russische Touristen fanden die Tote.

Videoaufnahmen vom Istanbuler Flughafen sollen Sutton vor ihrem Tod zeigen, lokale Medien in der Türkei betonen, dass es sich dabei um Sutton handelt. Bislang die Echtheit der Sequenzen noch nicht von der türkischen Regierung bestätigt, Zeitstempel fehlen. Die Aufnahmen sollen die Journalistin beim Check-In sowie danach zeigen.

Hat womöglich der IS die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin umgebracht? Sutton war sich darüber bewusst, dass sie Ziel eines Angriffs werden könnte.Bereits in einem Interview im Jahr 2014 schildert sie ein realistisches Angriffsszenario:

"Im Moment bin ich in einem Hotel- einem unauffälligen mit kaum Gästen. Die vorbereitete Unterkunft besteht aus einem einfachen Raum und einem Badezimmer über dem Büro mit nur einer einzigen Tür zum raus- und reingehen, diese befindet sich zur Straße. Also wenn jemand uneingeladen reinkäme, wäre ich gefangen, wie meine kurdischen Freunde sagten: " Es braucht nur einen Verrückten, der im Freitagsgebet hört, dass es Jihad ist, Ausländer zu töten, kurze Zeit später klopfen sie an deiner Tür." Erbil ist gewachsen aber jeder weiß, wo Fremde übernachten. (…) Wenn Daesh (Anmerkung der Redaktion: Der IS) angreifen will, wird das Planung brauchen und ich werde nicht DAS Ziel sein; wenn der Verrückte in den Himmel kommen will, wird er oder sie sich gegen eine Armee an bewaffneten Wächtern und eine Auswahl an Zielen behaupten müssen, dasselbe mit kriminellen Kidnappern - eine wachsende Industrie im Irak."

Es wäre nicht das erste Mal, dass der Islamische Staat Journalisten durch einen Mord ausschaltet. Im vergangenen Jahr schockte die Terrororganisation durch zwei brutale Propaganda-Morde an Pressevertretern: Die beiden Reporter James Foley und Steven Sotloff wurden mutmaßlich vor laufender Kamera enthauptet. Die Bilder von den beiden Journalisten vor ihrem mutmaßlichen Tod gingen um die Welt.

Neu wäre, dass die Terroristen auf europäischem Boden Journalisten ermorden. Undenkbar wäre es aufgrund des Engagements von Jaqueline Sutton im Irak nicht.

Der IS ist dort trotz deutlicher Verluste an der Front präsent. Wie das US-Verteidigungsministerium im August dieses Jahres mitteilte, können die Dschihadisten in 25 bis 30 Prozent ihrer einstigen beherrschten Gebiete zwar nicht mehr ungehindert agieren, gebannt ist die Macht der Gotteskrieger nach wie vor nicht.

Die Geschichte eines angeblichen Selbstmords wirft viele Fragen auf. Wieso soll eine vielfach bereiste und welterfahrene Journalistin ausgerechnet wegen des fehlenden Geldes für ein neues Ticket derart in Verzweiflung geraten sein? Zumal 2300 Euro von der Polizei in Sutton's Tasche nach einem Bericht der "Daily Mail" gefunden worden sind.

"Niemand von uns glaubt, dass sie sich das Leben genommen hat. Wir alle wissen, dass sie negative Aufmerksamkeit auf sich zog, da sie gegenüber UN-Offiziellen, Politikern und Kriegsherren verweigerte, Stillschweigen über das Leiden von Frauen zu bewahren. Ihre Arbeit war extrem schwierig und sie war eine furchtlose, mutige Verteidigerin von Frauenrechten", so Vanessa Farr, die mit Sutton gemeinsam für eine Frauenrechtsorganisation arbeitete.

Lorna Tychostup, eine Weggefährtin aus dem Jahr 2010 sagt in der "Daily Mail": " Ich habe sie unter einer Menge Stress erlebt. Sie ist damit stets mit Würde und Stärke umgegangen. Die Behauptung, dass sie wegen einem verpassten Flug geweint hat, ist Nonsens. Es ist lächerlich, dass sie angeblich nicht die Rücklagen gehabt haben soll, um dorthin zu gelangen, wohin sie nur wollte."

Die polizeilichen Ermittlungen sind im Gange, lokale Polizisten bestätigen berechtigte Zweifel an einem Suizid. Wie die "Daily Mail" berichtet, sollen 2300 Euro in der Tasche der Journalistin gefunden worden sein. Ein Beamter, der namentlich nicht genannt werden will, führt aus: "Die Todesumstände werden immer noch ermittelt. Es ist verdächtig. Wieso sollte sich jemand umbringen, der mit mehr als Tausend Euro in der Tasche gefunden wurde, weil sie kein Geld hatte? Und sie wirkt ruhig auf den Überwachungsbildern."

IWPR Direktor Anthony Borden teilte der IBTimes UK mit, dass Kollegen der Organisation nach Istanbul reisen. Dort wollen sie mit Beamten der britischen Botschaft sprechen und versuchen ein Treffen mit den türkischen Ermittlern zu vereinbaren.

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