POLITIK
21/10/2015 14:20 CEST

Ein deutscher Patriot will Deutschland verkleinern, um die Flüchtlingskrise zu lösen

Getty

Einen guten deutschen Patrioten zeichnet heutzutage vor allem aus, dass er ständig gegen etwas kämpft. Aber nie für etwas. Ein deutscher Patriot hat nämlich vor allerhand Dingen Angst: Islamisierung, Überfremdung, Amerikanisierung. Notstände, Zusammenbrüche, Weltkriege.

Man darf sich einen deutschen Patrioten ruhig als arme, gebeutelte Seele vorstellen.

Insofern hat der brandenburgische AfD-Chef Alexander Gauland die Bewegung der deutschen Patrioten jüngst kilometerweit voran gebracht. Er war nämlich endlich mal für etwas: In einer Pressemitteilung ließ er die Welt wissen, dass er die Errichtung eines Grenzzauns zu Polen anstrebe, um den, Zitat, „Zustrom von Fremden wenigstens kontrollieren und begrenzen“ zu können.

Wie heißt die Grenzlinie zwischen Deutschland und Polen noch einmal?

Man dürfte jetzt zwar einwenden, dass Deutschland und Polen durch zwei Flüsse getrennt werden, die Oder und die Neiße. Und dass demzufolge eine Flucht über eine wie auch immer geartete „grüne Grenze“ nicht möglich ist, weil die in diesem Fall eher blau, bei Hochwasser auch mal schlammfarben ist und im Winter zudem arschkalt.

Darüber hinaus ist die Zahl der Flüchtlinge, die über Polen nach Deutschland gekommen sind, bisher mehr als überschaubar.

Und dann erst die Menschen entlang der Grenze: Soll die Europastadt Görlitz/Zgorzelec dann mit Stacheldraht geteilt werden? Wes Anderson würde niemals mehr nach Sachsen kommen, um hier einen Hollywoodfilm wie „Grand Budapest Hotel“ zu drehen. Es sei denn, Alexander Gauland würde sich bereit erklären, die Rolle des Schlossherrn von Lutz höchst persönlich zu übernehmen. Der AfD-Politiker gäbe einen herrlich wahnsinnigen Bösewicht ab.

Wo kaufen die Studenten ihre Kippen, wenn Gaulands Zaun erst einmal steht?

Was würden ihm wohl die ganzen Studenten aus Frankfurt an der Oder erzählen, die zum Zigarettenkaufen nach Slubice fahren? Begeistert wären die sicher nicht. Und dann noch all die Lastwagenfahrer, die lieber in Gubin als in Guben tanken. Gauland sollte sich mal bei seinen Gesinnungskameraden vom Front National erkundigen. Mit Lastwagenfahrern macht man keine Witze.

Und will Gauland tatsächlich das Oderhaff absperren und Seeminen gegen Flüchtlingsboote auslegen? Möchte er das wirklich wunderschöne Strandbad Ahlbeck mit einem deutschpatriotischen Schutzwall aus rasiermesserscharfen Stacheldraht beglücken? Sollen die ausländischen Gäste dann im Schatten von Wachtürmen im Meer schwimmen gehen?

Wer jedoch die deutschen Patrioten kennt, der weiß, dass sie sich von Petitessen wie Menschenrechten, dem Schengen-Abkommen oder der Realität nicht stoppen lassen.

Ein Grenzaun kostet - nicht nur Geld

Wenn Gauland also ernst machen sollte, müsste er den Zaun mit ordentlich Hochwasser-Schutzabstand vom Ufer entfernt auf deutschem Boden bauen. Wäre ja noch schöner, wenn die bösen Polen irgendwann die Oder-Schleusen aufmachen, den Zaun wegschwemmen und dann ihre ganzen Asylbewerber ins fruchtbare und friedliche Brandenburg schicken würden.

Nehmen wir also an, der Zaun stünde 200 Meter vom Ufer entfernt, was eine einigermaßen realistische Schätzung sein dürfte. Bis zur Flussmitte, wo die tatsächliche Landesgrenze verläuft, wären es noch einmal vom Ufer aus mindestens 50 Meter, an den breitesten Stellen bis zu 500 Meter, und das Oderhaff würde sogar kilometerweit vom demokratischen Einflussbereich der Bundesrepublik Deutschland abgeklemmt.

Bedenkt man dann noch, dass die deutsch-polnische Grenze etwa 460 Kilometer lang ist, dann würde uns ein Grenzzaun de facto mehrere Hundert Quadratkilometer Staatsgebiet kosten. Eine Fläche, die fast so groß wäre wie die Stadt München.

Ernsthaft: Wer solche Patrioten hat, der braucht keine Deutschlandfeinde mehr.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite