LIFE
21/10/2015 08:28 CEST | Aktualisiert 22/10/2015 09:00 CEST

Die Frage einer Starbucks-Mitarbeiterin schnürte mir die Luft ab

Der Tag, an dem eine Starbucks-Mitarbeiterin mir eine entscheidende Frage stellte
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Der Tag, an dem eine Starbucks-Mitarbeiterin mir eine entscheidende Frage stellte

Genevieve Georget, eine Mutter aus Kanada, veröffentlichte Anfang Oktober ein prägendes Erlebnis aus ihrem Alltag bei Facebook. Ihre ehrlichen Worte berührten und inspirierten Tausende Menschen, die den Text im Internet verbreitet haben.

Georget erinnert uns daran, dass wir alle unsere Schwächen, Fehler und Narben haben - egal wie glücklich wir vielleicht auf andere wirken. Sie selbst legt in diesem Post all ihre verwundbaren Stellen offen, sie gesteht ihre Ängste ein, teilt ihre Zweifel mit der ganzen Welt.

Und am Ende hat sie eine wichtige Botschaft für jeden von uns.

Mit einer so überwältigenden Reaktion auf ihren Text hatte Georget nicht gerechnet. Hier ist ihre Geschichte, die wir aus dem Englischen übersetzt haben:

"Es war ein Mittwochnachmittag, als ich vor sechs Jahren die Starbucks-Filiale betrat. Ich stand an der Bar und wartete auf mein Getränk, als die Verkäuferin mich freundlich fragte, was ich heute vorhätte.

Ich erzählte, dass ich gerade auf dem Weg zum Flughafen war... ich wollte mit meinem Mann nach Italien fliegen. Nachdem wir uns kurz unterhalten hatten, gab sie mir meinen Kaffee und wünschte mir eine schöne Reise.

'Aber natürlich...', sagte sie, 'warum sollten Sie auch nicht verreisen... Ihr Leben ist schließlich großartig!'

Ich geb's zu. Das goldene Sternchen war schön. Aber gleichzeitig nahmen ihre Worte mir jeglichen Wind aus den Segeln. Sie war nicht unhöflich. Sie war nicht sarkastisch. Tatsächlich war sie sogar ziemlich aufrichtig. Und das war es, das mir wirklich die Luft abschnürte.

Denn die Sache ist die...

Diese nette Verkäuferin hat mich jeden Tag fünf Minuten lang gesehen. Normalerweise gut gekleidet auf dem Weg zu meinem Fulltime-Job in einer der prestigeträchtigsten Kunstgalerien des Landes.

Oder mit meiner Kamera in der Hand, um zwei Menschen zu fotografieren, die sich lieben.

Oder, ja, auf dem Weg zu einer zehntägigen Italien-Reise, um meinen Jahrestag zu feiern. Das hatte sie gesehen. Deshalb war es das, was sie wusste.

Und ehrlich gesagt ist diese Art von Wissen über einen Menschen tückisch. Besonders jetzt, da so viele unserer menschlichen Kontakte auf Fünf-Minuten-Intervallen beruhen... mit hübschem Filter und perfekt gehashtagged.

Aber zu unserer Verteidigung muss gesagt werden, dass es nicht allein unsere Schuld ist. Diesen Kampf, den wir ausfechten... diese harten Tage, die wir haben... die lassen sich nicht gut vermitteln, wenn 20 Leute hinter dir in der Schlange warten. Oder wenn du nur 140 Zeichen hast, um dich auszudrücken.

Ganz ehrlich, was hätte ich der Verkäuferin sagen sollen?

'Ja, wir fliegen nach Europa. Ja, ich hatte gerade eine Fehlgeburt.. in meiner Familie drohte jemand, furchtbar krank zu werden. Ich leide unter posttraumatischer Belastungsstörung... und wir fühlen uns gerade von allen verlassen. Also ja, nach Italien zu fliegen erschien uns so gut wie jede andere Reise, um vor unserem Leben davonzulaufen und zwölf Mal am Tag Gelato zu essen.'

Nein, das wollte ich ihr nicht erzählen. Denn es ist ein bisschen grob und gemein, Fremde derartig zu schockieren. Besonders wenn es um diejenige geht, die dir jeden Tag deinen Kaffee zubereitet.

Aber ich habe während des gesamten Fluges über den Sinn von Authentizität nachgedacht... über unsere kollektive Verletzlichkeit... unsere geschniegelte Identität. Und ich fühlte mich wie eine Schwindlerin. Denn ich bin nichts von diesen Dingen, die die Verkäuferin auf der anderen Seite der Kaffee-Bar sieht.

Wenn ich eines Morgens vernarbt und mit zerschlissenen Sachen dort auftauchen würde... wäre es eine völlig andere Frau, die sie da ansieht (und sie wäre vermutlich versucht, mir Alkohol statt Kaffee zu servieren!)

Denn ich wurde als Teenager gehänselt.

Ich habe Angst vor Gewittern.

Ich verbringe absurd viel Zeit damit, mir Gedanken darüber zu machen, was andere über mich denken.

Die größte Schwierigkeit in meinem Leben besteht darin, Menschen loszulassen. Selbst wenn sie mich verletzt haben.

Ich verstecke mich hinter meinem Humor, weil ich Angst habe, dass man mich ohne ihn nicht akzeptiert.

Ich fühle mich, als hätte ich als Tochter versagt.

Ich vermeide große Gruppen, aus Angst, dass ich die Unsichtbare sein könnte.

Ich bin sehr selbstbewusst, was mein Lächeln betrifft.

Ich habe das Gefühl, das ich ein Mensch bin, von dem man sich ganz einfach trennen kann. Und das macht mich jeden Tag fertig.

Ich lebe fast immer in dem Bewusstsein, dass ich mich mehr um alle anderen sorge, als sie sich um mich.

Ich entfolge Menschen bei Instagram, wenn ihr Leben zu perfekt erscheint, weil ich dann das Gefühl habe, dass ich unzureichend bin.

Die meiste Zeit glaube ich, eine ziemlich schlechte Mutter zu sein.

Ich hasse es, die Geschirrspülmaschine auszuräumen.

Jeden Tag habe ich Angst, dass mein Mann aufwacht und merkt, dass er eine Verrückte geheiratet hat.

Ich danke Gott für jeden Tag, an dem er es nicht merkt.

Ich probiere nicht gerne neue Gerichte. Deshalb reise ich mit meinem eigenen Glas Erdnussbutter.

Ich möchte so unglaublich gerne ein Buch schreiben, dass es weh tut. Aber ich fürchte mich vor Menschen, die mir sagen könnten, dass mein Leben nie erzählenswert war.

Ich kämpfe jeden Tag mit dem Gefühl, dass ich nicht genug bin. Nicht dünn genug. Nicht lustig genug. Nicht gut genug.

Und ich weine sehr viel.

Ich zweifle sehr stark daran, dass ich für irgendetwas davon ein goldenes Sternchen verdient hätte. Aber jetzt, sechs Jahre später, weiß ich eine Sache ganz sicher; dass mein Leben trotz all meiner Schwächen.. all meiner Ängste... all meiner Fehler... golden ist.

Narben erzählen Geschichten. Narben bedeuten Überleben. Narben zeigen, dass du zu dem Kampf erschienen bist, statt vor ihm davonzulaufen.

Und wir alle haben sie... sogar die hübsche Verkäuferin, die meinen Kaffee zubereitet. Sie kämpft ihren eigenen Kampf... verteidigt ihre eigene Frontlinie... müht sich auf ihre eigene Weise ab.

Und vielleicht geht es nicht darum, goldene Sternchen für diese scheinbare Wirklichkeit zu sammeln, die wir der Welt auf Facebook präsentieren. Es geht um die Purple Hearts, die wir bekommen, weil wir tapfer in der echten Welt leben.

Weil das Leben Courage erfordert... es erfordert Mut... und es erfordert Verletzlichkeit.

Also kauft euren Kaffee... tragt eure Narben voller Stolz... und mach weiter, lieber Soldat...

Du bist nicht allein in dieser Schlacht."

Genevieves Original-Post auf Englisch:

It was a Wednesday afternoon when I walked into Starbucks that day nearly six years ago. I stood at the bar, waiting...

Posted by Genevieve V Georget on Wednesday, September 30, 2015


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