POLITIK
19/10/2015 11:42 CEST | Aktualisiert 19/10/2015 13:03 CEST

Verlogenes Deutschland: Das wäre jetzt los, wenn der Köln-Attentäter Muslim gewesen wäre

Getty Images

Am Samstag hat sich das schlimmste politische Attentat seit Jahrzehnten in Deutschland ereignet.

Ein Mann mit Kontakten ins rechtsextreme Milieu hat die mittlerweile zur Kölner Oberbürgermeisterin gewählte Politikerin Henriette Reker mit einem Rambo-Messer in den Hals gestochen und schwer verletzt. Der Täter selbst sagt, er habe rechtsextreme Motive gehabt. Die Staatsanwaltschaft hält ihn für voll schuldfähig.

In Köln selbst herrscht immer noch Fassungslosigkeit über die Tat. Doch außerhalb von Nordrhein-Westfalen wird erstaunlich wenig über diesen terroristischen Mordanschlag gesprochen.

Viele Massenmedien berichteten schon bald lieber über Fußball

„Spiegel Online“ etwa fand schon am Samstagabend die eigene Kampagne gegen die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft relevanter. Und die „Bild“ reservierte schon am Samstagnachmittag die Aufmacherplätze auf ihrer App für die Bundesliga-Berichterstattung.

Fußball ist in Deutschland offenbar wichtiger als die Beschäftigung mit der größten Gefahr, die der Demokratie derzeit droht.

Aber das Ganze hat System.

Es ist die gleiche Stumpfheit, mit der die Deutschen schon seit Jahrzehnten dem Terror begegnen, wenn er von Rechts kommt. Das Oktoberfest-Attentat von 1980? Ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Die NSU-Morde? Wurden lange Zeit als tödliche Fehde unter Migrantenfamilien verharmlost.

Rechter Terror wird seit jahrzehnten verharmlost

Nicht zu vergessen die Gewalttaten gegen Asylbewerberheime. Bis Mitte Oktober gab es über 500 Angriffe gegen Flüchtlingsunterkünfte, fast dreimal so viele wie im gesamten Jahr 2014. Und uns fällt es ernsthaft schwer, dahinter eine terroristische Bewegung zu sehen, die darauf abzielt, den Frieden in diesem Land zu zerstören?

Wie absurd verharmlosend unsere Haltung gegenüber den rechtsextremen Straftaten ist, zeigt ein einfaches Gedankenexperiment: Stellen wir uns für einen Moment vor, Henriette Reker wäre nicht von einem Rechtsradikalen niedergestochen worden, sondern von einem Islamisten.

Jeden Abend würde die ARD einen „Brennpunkt“ bringen. Die Tat würde als „deutsches 9/11“ in die Geschichte eingehen. Und niemand hätte vorschnell behauptet, es handle sich um einen „irren Einzeltäter“. Denn anders als Rechtsradikale sind Islamisten in den Augen der deutschen Öffentlichkeit niemals „verwirrt“, sondern höchstens „verblendet“.

Wenn ein Islamist zugestochen hätte, würde die Öffentlichkeit blitzschnell in Wallung kommen

Horst Seehofers große Stunde wäre gekommen. Und auch die der rechten Angstmacher innerhalb der AfD. Die islamischen Gemeinden müssten sich binnen Stunden von der Tat distanzieren, um im öffentlichen Diskurs nicht gebrandmarkt zu werden. Anders übrigens als das gerade bei AfD und Pegida der Fall ist, die in den vergangenen Wochen ihr Bestes dazu beigetragen haben, krude Revolutionsfantasien zu schüren.

Und im Gegensatz zu rechten Terrorakten würde der Staatsapparat mit der Geschwindigkeit eines Überschallflugzeugs zur Jagd nach den Tätern ansetzen.

Die Sicherheitsorgane arbeiten nämlich dann mit vollem Eifer, wenn es gegen Linksradikale und den islamistischen Terror geht. Bei rechtsradikalen Straftaten dagegen - diesen Eindruck gewinnt man zumindest nach den Morden der NSU - sehen die Beamten gerne einmal weg.

Die Polizei nahm noch nicht einmal die Personalien des Galgen-Bastlers auf

Nur zehn Prozent der Brandanschläge auf Asylbewerberheime sind aufgeklärt worden. Und als in Dresden vor einer Woche Angela Merkel und Sigmar Gabriel symbolisch an einem Galgen gehenkt werden sollten, nahm die Polizei noch nicht einmal die Personalien des putschlüsternen „besorgten Bürgers“ auf. Das ist eine Schande.

Wahrscheinlich hätten am Ende alle Muslime in Deutschland unter dem sich verschärfenden gesellschaftlichen Klima zu leiden, wenn ein Islamist der Attentäter von Köln gewesen wäre.

Doch es war ja nur ein Rechtsradikaler. Kein Fremder. Einer von uns.

Eigentlich wäre ja gerade das ein ernster Grund zur Sorge.

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