POLITIK
19/10/2015 08:36 CEST | Aktualisiert 19/10/2015 09:38 CEST

Ein Jahr Pegida: Danke, dass Ihr wieder da seid!

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Liebe Pegida-Demonstranten!

Seit genau einem Jahr geht ihr in Dresden regelmäßig auf die Straße. Und wir alle sollten uns endlich mal bei Euch bedanken.

Was würden wir nur ohne Euch machen?

Wir hätten keine Ahnung, welch perverse Mordfantasien die „besorgten Bürger“ aus Dresden mittlerweile mit sich herumtragen. Gern auch in Form eines selbst gezimmerten Galgens.

Und wir würden womöglich darüber diskutieren, ob die symbolische Strangulierung der Kanzlerin und des Vizekanzlers noch als Satire durchgeht oder nicht. Der Kölner Karneval ist doch auch manchmal böse, oder?

Aber wer zum Teil Hunderte Kilometer mit der Familienkutsche durch die Republik kachelt, um einem Rummelplatz-Demagogen wie Lutz Bachmann zuzuhören, der Asylbewerber als faul, dreist, raffgierig, kriminell und sexlüstern darstellt und sich selbst für die verfolgte Unschuld in einer zur Gutmenschen-Diktatur mutierten Bundesrepublik hält – der hat entweder gehörig die Pfanne heiß, oder ist ein Fall für den Verfassungsschutz. Oder beides.

In keinem Fall aber nimmt man Leuten wie Euch irgendeine Form von Humor ab. Wer nach dem Sommermärchen von 2006 geglaubt hat, dass Deutschland im neuen Jahrtausend zur einer Nation von lässig feiernden Party-Animals geworden sei, der muss Euch Zinnsoldaten nur jeden Montag marschieren sehen.

Ihr seid Euch noch nicht einmal zu schade, eine Gruppe von Schülern anzuspucken und niederzumachen, die nach einer Theatervorstellung rein zufällig in die Nähe Eures Mobs geraten war. Würde man Euch „Schlechtmenschen“ nennen, wäre das womöglich noch ein Kompliment.

Ohne Euch würden wir kaum die Zusammenhänge sehen können: Zum Beispiel, dass Rechtsextreme auf den Straßen dieser Republik heute nur noch selten Springerstiefel und Bomberjacke tragen. Sondern manchmal auch Seidenbluse und Perlenohrringe, wie zum Beispiel die ehemalige Pegida-Kandidatin für das Amt des Dresdner Oberbürgermeisters, Tatjana Festerling.

Und wahrscheinlich gäbe es immer noch Menschen da draußen, die der Meinung wären, dass die AfD eine bürgerliche Partei ist. Doch seitdem der aus Westfalen eingewanderte Volkstribun und AfD-Landeschef Björn Höcke in Erfurt die Massen auf die Straße ruft und mit Pegida darum konkurriert, wer den längsten fremdenfeindlichen Umzug hat, unddie Parteispitze es Lutz Bachmann gleichtut und mit Revolutions- und Putschfantasien kokettiert, dürfte sich dieses Thema erledigt haben.

Im vergangenen Jahr konnte jeder begreifen, wie ernst die Lage ist. Dass der braune Dreck so tief in den Köpfen von Millionen Deutscher drinsteckt, war vielleicht nicht mehr jedem klar. Dass Rechtsextremismus sich nicht nur auf die 5000 und ein paar Durchgepeitschten beschränkt, die in der NPD ihr Unwesen treiben. Und auf die NSU-Mörder.

Jetzt sind wir schlauer. Danke Pegida, dass sich nachher niemand mehr rausreden kann, man habe das alles nicht kommen sehen können.

Ihr seid da. Ihr seid gefährlich. Und wer Eure Bewegung immer noch für einen vorübergehenden Hype hält, der leidet womöglich unter Realitätsverweigerung.

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