POLITIK
22/10/2015 13:01 CEST | Aktualisiert 23/10/2015 04:16 CEST

Verschwörung: Die fünf fragwürdigsten Fakten um den Tod von Osama bin Laden

"Nach einem Feuergefecht töteten sie Osama bin Laden und nahmen seine Leiche in Gewahrsam“
Salah Malkawi
"Nach einem Feuergefecht töteten sie Osama bin Laden und nahmen seine Leiche in Gewahrsam“

Er galt als das Gesicht des Terrors, als Kopf hinter den Anschlägen von 9/11: Al-Kaida-Chef Osama bin Laden. Seit dem 2. Mai 2011 gilt er als tot, liquidiert von Spezialkräften der USA.

US-Präsident Barack Obama sagte damals: "Ein kleines Team von Amerikanern führte die Operation mit außergewöhnlichem Mut und außergewöhnlicher Fähigkeit aus. Kein Amerikaner kam zu Schaden. Sie achteten darauf, zivile Opfer zu vermeiden. Nach einem Feuergefecht töteten sie Osama bin Laden und nahmen seine Leiche in Gewahrsam."

Verschwörungstheoretiker indes zweifeln an dieser Version. Manch einer will nicht einmal glauben, dass Bin Laden wirklich tot ist. In einem Artikel für das „New York Times Magazine“ stellte der Journalist Jonathan Mahler vergangene Woche fest, dass wir nie die ganze Wahrheit erfahren werden, obwohl vieles bekannt ist. Niemand könne erwarten, dass die US-Regierung alle Fakten offenlegt - gerade nach den Snowden-Enthüllungen.

Mahler fasst in seinem Artikel die wichtigsten Filme und Publikationen über Tötung des Terrorfürsten zusammen: Wurde da bewusst ein Mythos aufgebaut? Belügt Obama den Rest der Welt? "Wir wissen heute nicht mehr über das, was vor mehr als einem halben Jahrzehnt passiert ist - wir wissen viel weniger als 2011", schreibt Mahler. Hat Amerika seinen "Triumph" zurecht so frenetisch gefeiert?

Vielleicht werden wir nie die ganze Wahrheit erfahren. Aber auch das, was wir wissen, wird von vielen nicht ernst genommen und hinterfragt. Hier sind fünf mehr als fragwürdige Tatsachen rund um Osama bin Ladens Tod und die Operation „Neptune’s spear“.

1. Al-Kaida erhielt Geld von den USA

Aus einem US-Fonds für die afghanische Regierung um Präsident Hamid Karzei landete etwa eine Million Dollar bei Al-Kaida, wie die „New York Times“ unter Berufung der Gerichtsunterlagen berichtete. Das Geld gehörte zu einer Summe von fünf Millionen Dollar, mit der die Regierung 2010 einen Generalkonsul aus der Geiselhaft der Terror-Organisation frei kaufte.

Die CIA soll jeden Monat Bargeld nach Afghanistan gebracht haben. Mit einem Umweg über die afghanische Regierung, gelangte das Geld in die Hände von Al-Kaida – dieses Geld sollte die Unterstützung der Stammesfürsten sichern. Seit dem Amtsantritt von Präsident Aschraf Ghani seien die Zahlungen aber zurückgegangen.

Auch Osama bin Laden profitierte von den regelmäßigen Zahlungen. Aus einem Schreiben, das amerikanische Soldaten bei der Stürmung seines Verstecks erbeuteten, ging hervor, dass Osama bin Laden zuerst befürchtete, das Geld könnte vergiftet, bestrahlt oder mit Peilsendern versehen sein.

War es aber nicht.

Da es sich um Bargeld handelte, konnten die Amerikaner keinen Einfluss darauf nehmen, wofür das Geld tatsächlich verwendet wird. Das ihr Geld auch dem Terror nutzte, war der CIA sicher bewusst – warum also wurden die Zahlungen nicht eingestellt? Unterstützten die USA wissentlich die Terror-Organisation und wenn ja, warum?

2. Plot eines Hollywood-Films als bekanntestes Narrativ

Die Operation „Neptune’s spear“, wie der Militäreinsatz in Abbottabad genannt wird, wurde von Barack Obama befohlen und von der CIA geleitet. Einsatzkräfte der Spezialeinheit „Navy Seals“ führten die Aktion aus. Doch sowohl die US-Regierung als auch die beteiligten Soldaten haben ihre eigenen Versionen, wie der Einsatz genau verlief.

Der Kinofilm „Zero Dark Thirty“ zeigt den Einsatz der Navy Seals so, wie Obama sie in seiner Rede beschrieb: CIA-Agenten machen Bin Ladens Kurier ausfindig, daraufhin fliegen 23 US-Elitesoldaten ins pakistanische Abbottabad.

Bin Laden will sich nicht ergeben und wird getötet. Seine Leiche wird später von einem Flugzeugträger aus im Meer bestattet - die Amerikaner sagen, sie hätten dabei das muslimische Ritual beachtet.

Die Story stammt nicht etwa aus der Feder eines kreativen Schreiberlings, sondern vom amerikanischen Geheimdienst – die CIA hatte einen großen Einfluss auf das Skript von „Zero Dark Thirty“. Nicht alles davon war richtig und einige Details (Bin Laden war nicht bewaffnet und nutzte seine Ehefrau nicht als Schutzschild) wurden mit der Zeit widerlegt.

Die Waterboarding-Szenen in dem Film wurden im Nachhinein stark kritisiert. Nicht nur würde die Folter durch ihre Darstellung „normalisiert“ – auch führte sie nicht zu den Informationen, die schlussendlich zur Auffindung des Terrorfürsten führten.

Dem Film-Verleih wurde auch vorgeworfen, er betreibe Wahlkampfhilfe für Obama und die Demokraten bei der fast zeitgleichen Präsidentschaftswahl 2012. Um dem aus dem Weg zu gehen, wurde der Filmstart auf Januar 2013 gelegt.

Keine Frage: Der Film und seine Motive lassen viele Fragen offen.

Bezeichnend, dass sich ausgerechnet die Version desjenigen durchsetzt, der von ihr am meisten profitiert: Barack Obama. Warum halten trotzdem noch so viele an diesem Narrativ fest, obwohl wir es mittlerweile besser wissen?

3. Die überraschende Rolle des BND

Nicht nur der amerikanische Geheimdienst war an der Suche nach Bin Laden dran – auch der Bundesnachrichtendienst hatte seine Finger im Spiel. Er soll sogar den entscheidenden Hinweis an die USA gegeben haben.

US-Geheimdienstkreise betonen, die Hinweise der Deutschen hätten für die Operation eine „grundsätzliche Bedeutung“ gehabt. Der BND hatte angeblich die CIA darüber informiert, dass sich Osama bin Laden mit Wissen pakistanischer Sicherheitsbehörden in Pakistan versteckt.

Dieser Hinweis soll wiederum von einem Agenten des pakistanischen Geheimdienstes ISI gekommen sein, der wohl seit Jahren für den BND arbeitete. Also ging die CIA dieser Spur nach. Seit 2007 verfolgten sie auch die Spur eines Bin-Laden-Kuriers, der unter dem Decknamen al-Kuwaiti („Der Kuwaiter“) von Pakistan aus operierte. Der besagte Kurier führte schlussendlich zum Ziel.

Bemerkenswert: Experten hielten den BND in Pakistan für relativ ahnungslos und bislang war nie etwas von einer entscheidenden deutschen Rolle bei der Ergreifung Bin Ladens bekannt geworden. Zudem bleibt die Frage: Wieso hat der Doppelagent nicht direkt die CIA informiert? Wahrscheinlich hätte er dort eine dicke Belohnung einstreichen können.

Warum also sollte er also die Information erst an den - eher trägen, nicht sonderlich zahlungswilligen - BND gegeben haben?

4. Osama bin Laden lebte (angeblich) in Gefangenschaft

Der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh hat seine ganz eigenen Theorien zu der Operation „Neptune’s spear“. Laut ihm versteckte Bin Laden sich nicht – er war ein Gefangener des pakistanischen Geheimdienstes ISI, nachdem ihn ein Stammesführer im Hindukusch verraten hatte. In Abbottabad soll er unter Hausarrest gestanden haben.

Sein Wohnkomplex war nur zwei Meilen von Pakistans nationaler Militärakademie und drei Meilen von der Geheimdienstbasis entfernt, damit ihn der ISI unter Beobachtung halten konnte. Was hätte der Geheimdienst davon gehabt?

ISI soll laut Hersh Bin Laden als Druckmittel bei Verhandlungen mit al-Kaida und den Taliban gebraucht haben. Auch die Regierung von Saudi-Arabien soll davon gewusst haben. Sie habe Pakistan für die Unterbringung bezahlt, um sich nicht selbst um ihren Staatsbürger kümmern zu müssen.

Es ist umstritten inwiefern diese Geschichte stimmen kann. Zumindest ist es nicht unwahrscheinlich, dass der pakistanische Geheimdienst den Aufenthaltsort Bin Ladens kannte. Also stellt sich die Frage: Handelten die CIA und ISI parallel oder gemeinsam?

5. Es könnte nie eine Seebestattung stattgefunden haben

Eine weitere Theorie von Seymour Hersh: Es hat keine Seebestattung stattgefunden. Das sollen ihm zwei langjährige Berater der US-Spezialeinheit bestätigt haben.

Einer von ihnen berichtete, wie auf dem Rückflug zum US-Militärflugplatz im afghanischen Jalalabad über den Bergen des Hindukusch Bin Ladens Leichenteile, darunter auch der Kopf, aus dem Helikopter geworfen wurden.

Hersh gibt als Begründung an, dass schon vor der Operation eine Legende von ISI und CIA konstruiert wurde, die vorsah, dass Bin Laden bei einem Drohnenangriff im Hindukusch auf der afghanischen Seite der Grenze getötet wird. Das sei nicht realisierbar gewesen, also sei einfach die Story mit der Seebestattung erfunden worden.

Ob dieses Detail nun politisch relevant ist oder nicht: Zumindest moralische Fragen stellen sich. Leider wurden bis heute keine Beweise für eine Seebestattung bekannt und so bleibt auch der Verbleib des toten Osama bin Laden im Dunkeln.

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