POLITIK
16/10/2015 18:20 CEST | Aktualisiert 12/11/2015 06:46 CET

Bitte eines Ex-Fans: "Lieber Franz Beckenbauer: Machen Sie reinen Tisch!"

Getty Images
Franz Beckenbauer

Lieber Franz Beckenbauer:

Es gibt unzählige Fußball-Helden im Ruhestand, die sich ihren eigenen Nachruhm mit einer ganzen Serie von Peinlichkeiten ruiniert haben. Der Chor der Fußballfans ruft da reflexhaft den Namen „Lothar Matthäus“. Und zählt in chronologischer Reihenfolge dessen Ex-Frauen auf.

Aber wissen Sie, es gibt eine Sache, die ich im deutschen Fußball nie verstehen werde: Warum verachtet Fußballdeutschland mit konstanter Gehässigkeit einen gefallenen Ex-Helden wie Matthäus, während Sie mit jedem neuen Schmutz immer wieder ungeschoren davon kommen?

Sie schaden dem Fußball!

Sie sind schon längst keine „Lichtgestalt“ mehr. Und das Schlimme an Ihrem Verhalten ist, dass man das alles noch nicht einmal mit Unbeholfenheit oder mit Unwissen entschuldigen könnte. Sehen wir der Wahrheit doch endlich ins Gesicht: Sie schaden dem deutschen Fußball seit Jahren mit Ihrem Egoismus, mit Ihrer Eitelkeit und Ihrem unmöglichen Verhältnis zu Moral und Anstand.

Die jüngsten Enthüllungen des „Spiegel“ über die angeblichen schwarzen Kassen im Organisations-Komitee für die WM 2006 sind da nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Sie sollen zumindest davon gewusst haben. Das Geld soll den Berichten zufolge übrigens von demselben französischen Manager gekommen sein, der Uli Hoeneß das „Spielgeld“ für dessen Geschäfte an den Börsen dieser Welt geliehen hatte. Das aber nur am Rande.

Ich war mal Fan von Ihnen

Ich war selbst mal ein großer Fan von Ihnen. Als ich neun war, traten Sie bei einem Sponsorentermin im Baumarkt meiner Heimatstadt auf. Das war zwei Monate, bevor Sie als Teamchef mit der deutschen Nationalmannschaft den Weltmeistertitel in Italien holten.

Die Autogrammkarte von damals habe ich heute noch. Sie ist für mich ein Stück Kindheitserinnerung, weil sie mir jene großartigen Momente des Sommers 1990 vor Augen ruft.

Sie waren für mich ein Vorbild: In meiner kindlichen Vorstellung glaubte ich, dass alles irgendwie gut wird, so lange Sie auf der Bank sitzen.

Und auch später habe ich mich darüber gefreut, dass es Sie gibt. Zum Beispiel, als Sie die WM nach Deutschland geholt hatten. Mein Vater hatte mir erzählt, wie er die Weltmeisterschaft 1974 erlebt hatte. Und ich freute mich darauf, nun selbst als junger Erwachsener eine solche große Fußballparty erleben zu können.

Ich habe Sie tatsächlich für eine Lichtgestalt gehalten

Als ich im Münchner Olympiapark mit Tausenden beim Public Viewing saß, habe ich Sie tatsächlich für eine Lichtgestalt gehalten. Eine perfekte Fußballkarriere: Elegantester Libero aller Zeiten, fünffacher deutscher Meister, Europapokalsieger, Weltpokalsieger, Europameister, Weltmeister als Spieler, Weltmeister als Trainer. Und Macher des „Sommermärchens“. Bis dahin war alles großartig.

Auch ich habe Ihnen lange Ihre meist etwas zu selbstverliebten Auftritte in der Öffentlichkeit verziehen. Und Ihre Unfähigkeit zur Selbstkritik. Einem echten Helden lässt man so einiges durchgehen.

Der böseste Witz der Sportgeschichte, der Stinkefinger an den Sport

Mein Beckenbauer-Bild bekam erste Risse, als Sie von 2007 bis 2011 Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees waren. In Ihre Amtszeit fiel die Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Katar. Der böseste Witz der Sportgeschichte, der Beschluss gewordene Stinkefinger gegen alles, was ich an diesem Sport liebe.

Und Sie waren daran beteiligt. In erster Reihe. Nicht als harmloses Pausenmaskottchen für Sepp Blatters Fifa-Mafiosi, als das Sie viele Fans gerne gesehen hätten. Sondern als Verantwortlicher für eine der größten Skandalentscheidungen, die es jemals im Fußball gegeben hat.

Mehr noch: Sie haben diese Turniervergaben sogar noch verteidigt. Und wie.

Ihre zynische Haltung ist nicht zu verzeihen

Was ich Ihnen nie verzeihen werde, sind Ihre zynischen Einlassungen über die WM-Baustellen in Katar. „Ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Ich weiß nicht, woher diese Berichte kommen. Ich war schon oft in Katar und habe deshalb ein anderes Bild, das glaube ich realistischer ist“, sagten Sie im Herbst 2013.

Zu dieser Zeit war bereits bekannt, dass Dutzende Menschen unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu Tode gekommen waren. Gewerkschaften rechnen damit, dass die Zahl der Toten bis 2022 im mittleren vierstelligen Bereich liegen könnte.

Doch damit nicht genug. Wir wissen auch, dass Sie sich vom russischen Staatskonzern Gazprom anheuern ließen, um gute Stimmung für die WM 2018 in einem autokratisch geführten Land zu machen.

Wie viel Geld Sie dafür bekommen, ist nicht bekannt. Man kann nur froh sein, dass Sie 1978 nicht mehr als Nationalspieler dabei waren, als die WM in Argentinien stattfand. Ich vermute, Sie hätten sich auch an diesem absurden Propagandatheater für die brutalen Militärmachthaber in Buenos Aires nicht gestoßen.

Schließlich haben Sie auch noch Fifa-Chef Sepp Blatter gegen Korruptionsvorwürfe in Schutz genommen. "Ich wehre mich dagegen, dass alles Negative, was im Fußball und in der Fifa passiert, an der Person Sepp Blatter festgemacht wird", sagten Sie vor einigen Monaten. Schon da schien es so, als hätten Sie die Jahre 2014 und 2015 auf einem anderen Stern verbracht.

Und wissen Sie was? Mir geht es mit den jüngsten Enthüllungen des „Spiegel“ wie den meisten deutschen Fußballfans. Ich war kein Stück überrascht. Weil ich Fußballfunktionären mittlerweile alles zutraue, bis nicht das Gegenteil bewiesen ist.

Ich habe einen Wunsch an Sie

Lieber Herr Beckenbauer, ich habe einen Wunsch an Sie: Werden Sie endlich wieder zum Vorbild. Machen Sie reinen Tisch. Sagen Sie uns die Wahrheit über die Motive für Ihr zweifelhaftes Engagement im Rahmen der Weltmeisterschaften 2018 und 2022. Bitte erklären Sie sich zu den Vorwürfen des „Spiegel“. Wenn Sie Fehler gemacht haben, räumen Sie diese ein.

Wir brauchen keine „Lichtgestalt“ mehr, die sich mit allen schmierigen und gefährlichen Gestalten dieser Welt gemein macht. Da ist mir selbst Lothar Matthäus und sein ständiges Scheitern lieber. So bitter das auch ist.

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