POLITIK
15/10/2015 02:03 CEST | Aktualisiert 15/10/2015 02:58 CEST

Sind ISIS-Terroristen unter den Flüchtlingen? Die Antwort sagt viel über uns Journalisten aus

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Unterstützer des Islamischen Staates

Den Frühdienst am vergangenen Freitag verließ ich etwas verwirrt. Über die Nachrichtenagentur DPA war eine der kleinen Meldungen eingegangen, die mit dem Hinweis "Medien-Info" versehen sind: Ein Kollege hat ein Interview mit einem Politiker geführt, und schickte es an Deutsche Presse Agentur, damit andere Zeitungen darüber berichten und seinem Ruhm mehren.

Die Nachricht war etwas langweilig. In diesem Fall war es die Funke Medien Gruppe, ein Zusammenschluss von Zeitungen wie der WAZ oder der Berliner Morgenpost, in denen mehr oder weniger das Gleiche steht. In dem Text ginge es um ein Interview mit Innenminister Thomas de Maizière:

terroriten fluechtlinge

Kurz zusammengefasst: Der Innenminister sagte, dass man Hinweise bekomme, dass es unter den Flüchtlingen Terroristen gebe. Wenn die Behörden ihnen nachgehen, stellt sich heraus, dass sie gegenstandslos sind: de Maizière sagte also, dass es mit großer Sicherheit keine Terroristen unter den Flüchtlingen gibt. Ich fand die Nachricht etwas langweilig und packte sie daher fast unverändert in die morgendliche Nachrichtenzusammenfassung.

Etwas verwundert war ich, als ich wenige Minuten später sah, was Kollegen daraus gemacht hatten:

Hier Welt.de:

terroristen fluechtlinge

Zeit.de:

terroisten fluechtlinge

Stern.de:

terroristen flüchtlinge

Die Thüringsche Landeszeitung formulierte gar: "De Maizière: Terroristen mischen sich unter die Flüchtlinge. Nachdem der Blogger Stephan Niggemeier darauf aufmerksam gemacht hatte, wurde die Zeile beschämt in "De Maizière: "Wir dürfen Gewalt und Hass nicht tolerieren" geändert. Welche Ironie.

Jetzt mal Hand aufs Herz: Auf welche Version der Überschrift hätten sie eher geklickt?

Ich kann nachvollziehen, warum die Kollegen die Nachricht in ihr Gegenteil verkehrten. Uns Journalisten wird viel vorgeworfen. Dass wir Stimmungen manipulieren würden und irgendwie mit den "Eliten" unter einer Decke stecken. Aber ich muss da enttäuschen: Wir treffen uns nicht bei der Bilderberg-Konferenz mit den US-Imperialisten, um zu besprechen, wie wir deutsche Gehirne gefügig machen. Stattdessen schreiben wir genau das, was die Leser hören wollen.

Als ich meine Ausbildung zum Journalisten machte, gab es kaum Rückmeldungen von Lesern. Hin und wieder kam ein Brief, der meist von einem Professor oder einem Gymnasiallehrer geschrieben war. Die fingen immer an mit: "Normalerweise erachte ich ihre Zeitung für gut informiert..." Alle paar Monate wurde die verkaufte Auflage bekannt gegeben. Das war's.

Heute hat jede Zeitung ihre Online-Redaktion und bekommt sekündlich Zahlen, welche Beiträge besonders gut klicken und geteilt werden. Es gibt Rankings, welcher Redakteur wie viel Traffic produziert - soll keiner behaupten, dass er da nicht reinguckt. Wir sehen sekündlich, was von den Lesern gewünscht und nachgefragt wird - es ist, als könnten wir in ihre Gehirne sehen.

Zurzeit sehe ich da viel Angst. Und die klickt gut. Während vor wenigen Wochen noch Berichte über hilfsbereite Deutsche und süße Flüchtlingskinder gefragt waren, lautet das Traffic-Rezept zurzeit: Berichte über arbeitsfaule Migranten, Gewalt unter Flüchtlingen, Islamisten und naive und gutmütige Deutsche. Und eben Terroristen.

Ich glaube nicht, dass die Medien diesen Stimmungsumschwung ausgelöst haben. Aber sie verstärken und vertiefen ihn auf eine gefährliche Weise. Ich muss zugeben, dass die Versuchung, an der Zeile "zu drehen" unheimlich groß ist. Ganz ehrlich: Ich merke das an mir selbst. Dann frage ich mich: Was ist los mit mir? Und was ist los in diesem Land?

Bitte lesen Sie unsere Texte mit dem Wissen, dass wir nicht perfekt sind. Seien Sie sich auch im Klaren darüber, dass jeder Klick in unseren Zeiten auch eine Abstimmung ist.

Und machen Sie sich Ihr eigenes Bild. Gehen Sie mal in ein Flüchtlingsheim und fragen: "Gibt es hier Terroristen?"

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