POLITIK
14/10/2015 03:33 CEST

"Die Jugend befindet sich im Aufbruch": Wie die Flüchtlingskrise zum Vietnam-Erlebnis werden könnte

Getty Images

Immer wieder klagten die großen Parteien in den vergangenen Jahren in wehleidigen Trauertiraden darüber, dass die Jugend so verdammt unpolitisch geworden sei. Kaum jemand habe mehr Interesse daran, sich für die Gesellschaft zu engagieren. Niemand wolle sich engagieren.

Eine Zeit lang konnten sich die Politiker auf die Erkenntnisse von Sozialwissenschaftlern berufen. Im Jahr 2002 nannten die Autoren der „Shell-Jugendstudie“ die 16- bis 24-Jährigen eine Generation der „Ego-Taktiker“, denen es vor allem daran gelegen sei, die eigene Existenz zu sichern und zu optimieren.

Doch mit dem Gejammer ist nun Schluss. Die neue Shell-Studie stellt fest, dass sich junge Menschen in Deutschland so stark wie seit 20 Jahren nicht mehr für Politik interessieren. Mehr noch: "Die junge Generation befindet sich im Aufbruch", wie es Studien-Leiter Mathias Albert von der Uni Bielefeld ausdrückt.

Zentrales Thema: Flüchtlinge

Die Flüchtlingskrise sei dabei eines der Themen, denen die Jugendlichen am meisten Aufmerksamkeit schenkten. Drei Viertel der 16- bis 24-Jährigen sind der Meinung, dass Deutschland genauso viele oder gar mehr Zuwanderer aufnehmen solle wie bisher. Nur 15 Prozent glauben, dass derzeit zu viele Ausländer nach Deutschland kommen.

Dieser Befund bestätigt, was jeden Tag in deutschen Städten zu sehen ist: Die von Bundeskanzlerin Angela Merkel beschworene „Willkommenskultur“ ist zu einer neuen Jugendbewegung geworden. Während vornehmlich ältere Bundesbürger im Netz und auf deutschen Marktplätzen gegen Asylbewerber hetzen, engagieren sich viele jüngere Menschen für Kriegsflüchtlinge.

Sie packen Essenspakete, übernehmen Patenschaften und räumen bisweilen sogar WG-Zimmer frei, um notleidenden Menschen eine Unterkunft zu geben. So etwas hat es in Deutschland schon lange nicht mehr gegeben. Und es macht Mut für die Zukunft dieses Landes.

Ein neues Vietnam-Erlebnis

Die Flüchtlingskrise könnte für die jungen Menschen von heute das werden, was vor 50 Jahren für ihre Eltern und Großeltern der Vietnamkrieg war: Der Punkt, an dem jeder einsehen muss, dass Politik etwas ist, was jeden angeht. Weil sie ansonsten von jenen gestaltet wird, denen man besser kein Vertrauen schenken sollte.

All das heißt freilich noch lange nicht, dass die großen Parteien auch davon profitieren. Sowohl die Jusos als auch die Junge Union sind immer noch meilenweit von ihren Mitglieder-Höchstständen entfernt.

Es gibt jedoch eine Kehrseite

Und man sollte auch nicht vergessen, dass es eine Kehrseite dieser Entwicklung gibt: Erstwähler waren in den vergangenen zwei Jahren maßgeblich an den Erfolgen der rechtspopulistischen AfD beteiligt. In Thüringen etwa gab im Jahr 2014 jeder siebte Wähler zwischen 18 und 29 Jahren der Petry-Partei die Stimme.

Das neue Interesse für Politik hat eben auch ein hässliches Gesicht.

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