POLITIK
13/10/2015 03:23 CEST | Aktualisiert 13/10/2015 06:29 CEST

"Das kann so nicht weitergehen": Wie Ex-Bundespräsident Wulff versuchte, die Dresdner zur Vernunft zu bringen

HuffPost

Für alle gut sichtbar hat sich die Gruppe an älteren Männern und Frauen positioniert. Sie heben ein Transparent hoch mit der Aufschrift „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Das „nicht“ ist unterstrichen. Ein junger Mann fährt mit dem Fahrrad an ihnen vorbei und brüllt: „Jetzt verpisst euch endlich, ihr Arschlöcher.“

Davon aber lassen sie sich nicht verscheuchen. Sie sind wegen Christian Wulff hier. Der Ex-Bundespräsident spricht an diesem Montagabend im Staatsschauspiel Dresden darüber, wer „zu uns gehört“. Mit „uns“ sind die Deutschen gemeint. Die Männer und Frauen mit dem Plakat sind sich schon mal einig: Der Islam, der gehört nicht zu „uns“.

Das Thema von Wulffs Vortrag hat politische Sprengkraft - vor allem hier in Dresden

Seine oft zitierte Aussage von 2010 „Der Islam gehört zu Deutschland“ hat Wulff zum Feindbild für alle Islam-Gegner gemacht. Und von denen gibt es in Dresden an diesem Abend ziemlich viele.

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Ex-Bundespräsident Christian Wulff spricht vor seinem Vortrag in Dresden mit zwei Männern, die als Einwanderer nach Deutschland kamen; Credit: HuffPost/Lea Kosch

Der Theatersaal in Dresden-Neustadt ist bis auf den letzten Platz gefüllt – das Thema von Wulffs Vortrag hat politische Sprengkraft, ganz besonders hier in Ostdeutschland. Ob alle 400 Bürger, die gekommen sind, zu den Islam-Gegnern gehören, ist aber zu bezweifeln.

Zur selben Zeit nämlich findet nur wenige hundert Meter weiter der wöchentliche „Abendspaziergang“ der Pegida-Anhänger statt. Die Bewegung hat seit einigen Wochen nach einer erkennbaren Flaute wieder verstärkt Zulauf bekommen. Grund dafür dürften die Flüchtlinge sein, die täglich zu Tausenden in Deutschland ankommen.

Beunruhigendes Bild bei Pegida-Demo

Mehrere tausend Anhänger der fremdenfeindlichen Bewegung haben sich schon am vergangenen Montag in Dresden versammelt. Beobachter gehen von fast 10.000 Demonstranten aus. An diesem Montag sind es nicht weniger. Fahnen schwenkend ziehen sie durch die Dresdner Altstadt – und geben ein beunruhigendes Bild ab.

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Tausende demonstrieren am 12. Oktober für Pegida in Dresden; Credit: HuffPost/Lea Kosch

Familien mit Kindern sind darunter, Eltern und Söhne tragen das gleiche T-Shirt mit „Pegida“-Aufdruck. Die lauten „Wir sind das Volk“-Rufe hallen durch die Straßen. Die Gegendemonstranten sind weit in der Unterzahl und können nicht dagegen halten. Die Flüchtlingsgegner haben die Stadt in ihrer Gewalt.

„Wir sind das Volk“, sagt auch Wulff, als er zu den anderen Dresdnern spricht und bei ihnen für einen menschenwürdigen und fairen Umgang mit den Flüchtlingen wirbt. Doch anders als die Menschen im Demonstrationszug draußen, meint er damit: „Es ist unser gemeinsames Land. Wir haben nur dieses eine Land. Und das Volk muss mit entscheiden, wer in dieses Land kommt.“

Wulff redet sich die Radikalisierung in der Bevölkerung schön

Der Alt-Bundespräsident sieht in den Demonstrationen ein Zeichen für eine Politisierung der Bevölkerung. „Das finde ich nicht das Schlechteste“, sagt er. Und er hat recht.

Allerdings besteht die Gefahr, sich so die Radikalisierung in der Bevölkerung, gerade in Ostdeutschland, schön zu reden. Die Schuld dafür, dass die Zahl der Asylgegner stetig zunimmt, schiebt Wulff vor allem auf die Medien. Er vermisse die Zwischentöne, das Grau zwischen Schwarz und Weiß, kritisiert er. Die Medien berichteten immer nur über die Extreme. „Medien sollen sagen, was ist und nicht, was sein sollte“, sagt er und das bringt ihn bei dem sonst sehr zurückhaltend-skeptischen Publikum den einzigen Zwischenapplaus des Abends ein.

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Wulff spricht am 12.10. vor 400 Dresdner Bürgern; Credit: HuffPost/Lea Kosch

Wulff tut sein Bestes, die Dresdner an diesem Abend für sich zu gewinnen. „Ich weiß, dass viele von Ihnen mehr Angst und Zweifel haben als Sie hier durchscheinen lassen“, sagt er und die feindseligen Blicke aus dem Publikum sprechen für sich. Ob er sich denn überhaupt mit den bedrohlichen Ausmaßen des Islam beschäftigt habe, will ein Mann mittleren Alters aus dem Publikum wissen. Schließlich sei das Misstrauen der Deutschen berechtigt, wenn man sich die brutalen Ausformungen der Religion ansehe.

Deutschland darf seinen guten Ruf nicht aufs Spiel setzen

Wulff beschwichtigt, erklärt, dass es nicht „den einen Islam“ gebe und sich Deutschland vor allen Formen des Fundamentalismus schützen müsse. Um den Islamischen Staat zu bekämpfen, müssten sich beispielsweise die Staaten der ganzen Welt zusammen tun, mahnt er – auch mit Russland. „Wir haben den Nationalsozialismus auch nur mit fremder Hilfe besiegt.“

Noch hätten die Deutschen einen guten Ruf im Rest der Welt, analysiert das ehemalige Staatsoberhaupt. Deutschland müsse aufpassen, dass es den nicht aufs Spiel setze. Er erzählt von einer jordanischen Universität, die er kürzlich besucht hat und deren Studenten inzwischen Bedenken hätten, für einen Austausch nach Deutschland zu kommen.

„Sie haben Angst, in ostdeutschen Städten montags in den öffentlichen Verkehrsmitteln eine fremde Sprache zu sprechen“, sagt Wulff. „Sie fürchten sich davor, angegangen zu werden. Sie haben von Pegida gehört.“ Oder: In den USA werde eine Warnung gegenüber dunkelhäutigen Amerikanern ausgesprochen, nicht in die ehemalige DDR zu fahren, weil sie dort nicht gerne gesehen seien.

„Das müssen wir ändern. Das kann nicht sein“, sagt Wulff. Wer Menschen gegeneinander aufhetze und die Menschenwürde verletze, der bekomme mit aller Härte die Gegenwehr des deutschen Staates zu spüren.

Pegida erreicht neues Level der Geschmacklosigkeit

Gerichtet sind diese Worte weniger an die Menschen im Saal, als vielmehr an die Pegida-Demonstranten, die währenddessen Parolen rufend durch die Straßen Dresdens laufen. Nachdenkenswert ist daher ein Vorschlag aus dem Publikum, Wulffs Rede per Livestream auf den Platz vor der Semperoper zu übertragen, damit die Pegida-Anhänger sie auch hören. Ein paar Dresdner hat Wulff schon auf seiner Seite.

Was er da noch nicht weiß: Die Geschmacklosigkeit, mit der Pegida in Dresden demonstriert, hat an diesem Abend ein neues Level erreicht. Ihre Anhänger wünschen Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Gabriel nun sogar an den Galgen. An einem hölzernen Galgen trugen sie zwei Schilder mit sich – die Aufschrift: „Reserviert Angela ‚Mutti’ Merkel“ und „Reserviert Siegmar (sic!) ‚das Pack’ Gabriel. Nadine Lindner, Landeskorrespondentin des Deutschlandradios in Sachsen, hat das Bild getwittert. Mittlerweile wurde es schon mehrere hundert Mal retweetet.

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Video: Tatjana Festerling: Die wirren Ansichten der Pegida-Frontfrau

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