POLITIK
14/10/2015 01:17 CEST

„Nichts gelernt": 4 Gründe, warum Putin ein Syrien-Debakel droht

Experten sind sich sicher, dass Putin in Syrien eine Wiederholung des Afghanistan-Debakels droht
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Experten sind sich sicher, dass Putin in Syrien eine Wiederholung des Afghanistan-Debakels droht

Es sind erschreckende Parallelen: In Syrien greift der russische Präsident Wladimir Putin ein, um das Regime zu retten - und kämpft gegen Islamisten. So wie einst die Sowjets in Afghanistan gegen die Mudschahidin, die vom Westen unterstützt wurden. Gut 30 Jahre später ist das Land noch immer instabil und chaotisch. Experte Manfred Sapper warnt: Dieses Schicksal könnte auch Syrien drohen.

24 Stunden, 53 Angriffe auf "terroristische Ziele": Das ist die Bilanz der russischen Luftangriffe in Syrien am Montag. Seit Ende September fliegt Russland diese Angriffe, die sich nach eigenen Angaben gegen den Islamischen Staat richten.

Zehn Jahre Afghanistan-Krieg, eine Million Tote

Die USA und andere Staaten kritisieren, dass Russlands Luftwaffe weniger die Terrormiliz als vielmehr andere Regimegegner angreift, um den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad an der Macht zu halten. Dass es auch eines seiner Ziele sei, Assad "zu retten", gab Putin vor kurzem selbst zu.

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Irrer Putin-Kult: Reißt der russische Präsident die Weltherrschaft an sich?

Moskau greift in einem anderen Land militärisch ein, um das Regime zu retten und Islamisten zu bekämpfen - das hat es vor 36 Jahren schon einmal gegeben. 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein. In zehn Jahren Krieg kamen mehr als eine Million Menschen ums Leben, nach dem Abzug der sowjetischen Truppen tobte ein Bürgerkrieg.

"Russland hat aus dem sowjetischen Debakel nichts gelernt"

"Russland hat aus dem sowjetischen Debakel des Afghanistan-Kriegs 1979 bis 1989 nichts gelernt“, sagt Politikwissenschaftler Manfred Sapper mit Blick auf das aktuelle Vorgehen Russlands in Syrien zu FOCUS Online. "Putin ist nun drauf und dran, die Fehler von damals zu wiederholen."

Damals schickte die Sowjetunion Truppen nach Afghanistan, um der wackelnden kommunistischen Regierung zu helfen, die sich 1978 an die Macht geputscht hatte, jedoch in der Bevölkerung umstritten war. Rund 30 Widerstandsgruppen formierten sich: die Mudschahedin, die Kämpfer Gottes. Führende Nato-Staaten, darunter vor allem die USA, unterstützten diese Gruppierungen finanziell und materiell bei ihrem Kampf gegen die kommunistische Regierung.

Parallelen zwischen der damaligen und heutigen Situation

"1979 hatte die UdSSR auch Bodentruppen nach Afghanistan geschickt. Sie waren sofort in Gefechte verwickelt. Putin macht das heute anders", sagt Experte Sapper, der mit einer Arbeit über 2Die Auswirkungen des Afghanistankriegs auf die Sowjetgesellschaft"promoviert hat.

Putin vermeide eine solche direkte Verstrickung in den Krieg, indem er bislang nur die Luftwaffe einsetze. "Es besteht jedoch die Gefahr, dass sich Russland in einen Krieg hineinziehen lässt", sagt Sapper. Er sieht vier weitere Parallelen zwischen der heutigen und der damaligen Situation.

1. Chaos im betroffenen Land werde noch jahrelang andauern

„Russland simuliert durch seine Einmischung in Syrien Macht“, so die Einschätzung des Politikwissenschaftlers. Es gebe jedoch ein großes Aber: „Weder politisch noch militärisch ist Moskau in der Lage, als Ordnungsmacht in Syrien aufzutreten und die Region zu stabilisieren. Auch die USA und die EU können das derzeit nicht. So wird der Zerfall in Syrien jahrelang andauern“, vermutet Sapper. „Das erinnert an Afghanistan, wo seit der sowjetischen Invasion 1979 weder Frieden noch Stabilität, sondern Krieg, Terror und Leid herrschen.“

2. Ein kleiner Machtzirkel startet die Initiative

Damals sei es ein sehr kleiner Machtzirkel der Sowjetunion gewesen, der den Einmarsch nach Afghanistan beschloss, sagt Sapper. „Heute ist es wieder so.“ Ein informeller Kreis habe die Luftangriffe auf Syrien in die Wege geleitet, bestehend aus dem Verteidigungsminister, dem Chef des Geheimdienstes, dem Leiter der Präsidialverwaltung und Präsident Putin selbst, so der Experte.

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3. Russland ist international isoliert

Noch eine andere Sache ähnelt der Situation von damals, sagt Politikwissenschaftler Sapper. Zwar sind die Zeiten des Kalten Krieges längst vorbei, doch: "Wie die Sowjetunion nach dem Einmarsch in Afghanistan ist Russland seit der Annexion der Krim international isoliert."

Dementsprechend viel Gegenwind bläst Moskau auch für seinen Syrien-Einsatz entgegen. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg warf der russischen Führung erst vor kurzem wieder vor, durch ihren Militäreinsatz den Konflikt in Syrien in die Länge zu ziehen. Er forderte Russland auf, die Unterstützung des Assad-Regimes einzustellen.

4. Moskau blende die Folgen aus - es drohe Radikalisierung

"Putin vergisst die Folgen der Intervention in Syrien für das eigene Land", sagt Sapper. Dass der russische Präsident den syrischen Machthaber Assad unterstütze, gefalle in Russland längst nicht allen. Für viele Sunniten in Syrien sei der Islamische Staat verglichen mit dem Assad-Regime das kleinere Übel.

"Unter den Muslimen Russlands im Kaukasus gibt es viele, die sich jetzt mit ihren sunnitischen Glaubensbrüdern solidarisieren. Sie interpretieren Putins Vorstoß als Angriff auf sich selbst“, erklärt der Politikwissenschaftler. Er warnt: „Hier droht eine Radikalisierung innerhalb Russlands."

Auch das ähnle der Situation in Afghanistan. "Dass die Sowjetunion damals die kommunistische Regierung unterstützte und die Mudschahedin attackierte, hatte zur Radikalisierung vieler Muslime in den zentralasiatischen Republiken in Tadschikistan und Usbekistan geführt", so Sapper.

Damals war Moskaus Intention klar - heute ein Rätsel

Einen entscheidenden Unterschied zu damals erkennt der Experte jedoch. "Damals war klar, was die Sowjetunion in Afghanistan bezweckte: das kommunistische Regime unterstützen", so Sapper. Der Ost-West-Konflikt war schließlich Ende der 70er auf seinem Höhepunkt. "Doch was will Russland heute in Syrien?", fragt der Politikwissenschaftler sich.

"Putin unterstützt zwar das Assad-Regime, aber eine politische Verbindung zwischen Russland und Syrien ist kaum erkennbar - höchstens Hilfe unter autoritären Machthabern", sagt Sapper. Er vermutet deshalb: "Primär geht es Putin im Nahen Osten darum, gegenüber den USA Machtansprüche zu demonstrieren und zu zeigen, dass Russland zurück ist auf der Bühne der Weltpolitik."

Experte ist überzeugt: "Russland übernimmt sich"

Diese Taktik könne jedoch nicht aufgehen, ist Sapper überzeugt. "Russland übernimmt sich", glaubt er. Der Wirtschaft gehe es schlecht, vor allem wegen der niedrigen Erdölpreise und der Wirtschaftssanktionen des Westens.

Dieser Text von Joseph Hausner erschien ursprünglich auf Focus Online.

Eigentlich gegen IS gerichtet: Satellitenbilder zeigen russische Luftangriffe - Putins Kampfjets töten 36 Zivilisten

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