POLITIK
12/10/2015 13:48 CEST

Gleichberechtigung der Frau? Nicht in den nächsten 100 Jahren

Sheryl Sandberg von Facebook hat die No-profit-Organisation LeanIn.org gegründet, die sich auf die Gleichberechtigung der Frau fokussiert.
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Sheryl Sandberg von Facebook hat die No-profit-Organisation LeanIn.org gegründet, die sich auf die Gleichberechtigung der Frau fokussiert.

Für Frauen geht es in Nordamerika so langsam voran, dass es laut einer neuen Studie noch 100 Jahre dauern wird, bis es so etwas wie Gleichberechtigung der Geschlechter geben wird.

Druck durch Arbeit und Familie

Der Grund dafür ist aber nicht nur, dass Frauen eben Frauen sind und Kinder kriegen und dadurch vielleicht beruflich irgendwie natürlich benachteiligt sind. Denn sowohl Frauen als auch Männer fühlen sich gleichermaßen unter Druck gesetzt, Arbeit und Familie unter einen Hut bringen zu wollen.

Das ergab die Studie, für die 30.000 Angestellte in 118 nordamerikanischen Firmen befragt wurden. Sie wurde von McKinsey & Company und LeanIn.org in Auftrag gegeben, einer von Sheryl Sandberg von Facebook gegründeten No-profit-Organisation, die sich auf die Gleichberechtigung der Frau fokussiert.

Frauen? Nicht in der Führungsetage

Das große, hässliche, schwer zu lösende Problem ist laut der Studie: Vorurteile gegenüber den Geschlechtern.

Nur 17 Prozent der entscheidenden Positionen sind laut der Studie von Frauen besetzt.

Es gibt nur 24 weibliche CEOs in Fortunes Liste der 500 größten amerikanischen Unternehmen. Das ist zwar eine deutliche Verbesserung seit 1998, als es nur eine einzige Frau gab, trotzdem bedeutet das: 95 Prozent dieser Firmen werden von Männern geführt.

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"Einige der größten Barrieren sind kulturell und stehen im Zusammenhang mit unterbewusster Voreingenommenheit, die Entwicklung, Anstellung und Anwerben der Firmen beeinflussen”, erklärt Dominic Barton, Global Managing Director bei McKinsey & Company, in einer Pressemitteilung seiner Firma.

Problem der unbewussten Voreingenommenheit

Die Rede ist von unbewusster Voreingenommenheit gegenüber den Geschlechtern, die durchaus verbreitet ist. Diese Einstellung ist viel schwieriger zu bekämpfen und zu durchbrechen, als es scheint. Viele Menschen glauben beispielsweise, dass Frauen weniger kompetent wären als Männer. Außerdem gibt es so genannte “mütterliche Vorurteile”. Das bedeutet, dass Mütter, die gut in ihrem Job sind, unbeliebt sind, und deshalb kleingehalten werden. Weil davon ausgegangen wird, dass sie schlechte Mütter seien.

In den untersuchten Firmen belegten Frauen 45 Prozent der Einstiegspositionen. Je wichtier die Position, desto weniger Frauen. Nur 27 Prozent der Vize-Vorsitzenden sind Frauen, 23 Prozent der Senior Vize-Vorsitzenden und 17 Prozent des Managements. Diese Zahlen haben sich seit 2012 minimal verbessert. Minimal. Deshalb wird das mit der wirklichen Gleichberechtigung wohl auch nichts bis in 100 Jahren.

Alle Frauen oder "nur" Mütter?

“Geschichtlich betrachtet gingen wir davon aus, dass Frauen einfach weniger Interesse an Beförderungen hätten, weil sie schon so viel Verantwortung für die Familie tragen”, sagte Rachel Thomas, Präsidentin und Mitbegründerin von LeanIn, der Huffington Post.

“Diese Studie hebt einen bislang oft übersehenen Grund hervor: Es gibt etwas am Arbeitsplatz, das für Frauen anstrengender ist. Frauen geben an, dass Stress und Druck große Hindernisse für sie seien - und zwar alle Frauen, nicht nur Mütter.

Der Stress kommt von den größeren Hindernissen, die Frauen in der Berufswelt meistern müssen. Beispielsweise der falsche Glauben, dass Frauen weniger kompetent seien als Männer. Frauen müssen sich wieder und wieder beweisen.

Außerdem gebe es einen Zusammenhang zwischen der Außenwahrnehmung von Kompetenz und Beliebtheit: Wenn sie für kompetent gehalten werden, sind sie nicht so beliebt. Umgekehrt würden Frauen, die beliebt sind, für weniger kompetent gehalten. “Wir sagen immer, dass Frauen einen Drahtseilakt vollführen”, sagt Thomas. “Von Männern behaupten wir das nicht.”

Männer finden: Frauen haben die besseren Chancen

Laut der Studie haben Frauen rund viermal häufiger das Gefühl, weniger Chancen und Möglichkeiten zu haben - wegen ihres Geschlechts. Außerdem haben sie doppelt so oft das Gefühl, dass ihr Geschlecht ihnen in Zukunft noch hinderlich sein könnte.

Dennoch gaben die meisten der befragten Männer an, dass Frauen gleiche oder sogar bessere Chancen als Männer im Job hätten. "Es gibt einen Bruch zwischen dem, was die Menschen denken und was sie wirklich unter den Problem verstehen,” sagt Thomas.

LeanIn will das natürlich ändern. Der Report der Organisation ist ein guter Ratgeber für Firmen, die sich für die Gleichstellung von Frauen einsetzen wollen:

1. Daten sammeln. Firmen müssen systematisch betrachten, wie viele Frauen sie beschäftigen und wie viele Frauen sie befördern. Sie müssen das Problem klar und deutlich erkennen, um etwas dagegen tun zu können. Einige Firmen, wie Accenture oder Ernest & Young, machen das bereits.

2. Es zur Priorität machen. Wenn sich die Führungspersonen dafür interessieren, werden es auch alle anderen tun. Das Management muss an Bord sein. Sie müssen verantwortlich für die Gleichstellung sein. Mitarbeiter sollten wissen, wie man Vorurteile bekämpft. Firmen wie Facebook und Google bieten mittlerweile sogar Schulungen und Trainings gegen unterbewusste Voreingenommenheit.

3. Programme schaffen, die tatsächlich funktionieren. Bei Pricewaterhouse Cooper ist die Kontrolle der Mitarbeiter-Performance so ausgerichtet, dass es kein Problem ist, wenn Frauen in Mutterschutz gehen.

Es gibt keinen Zaubertrick gegen das Problem, meint Thomas. Man kann nicht einfach “Frauen Networking-Gruppen” gründen oder sagen, dass man sich jetzt mit dem Problem befasst und einfach erwarten, dass es verschwindet.

Der Bericht bezieht sich auch auf Ungleichheiten der Geschlechter, die es in anderen Bereichen des täglichen Lebens gibt. Zum Beispiel berichten Frauen, dass sie noch immer wesentlich mehr im Haushalt tun als Männer. Das trägt zweifelsohne zu mehr Stress bei.

In Deutschland arbeitet das Familienministerium weiterhin daran, die Gleichstellung der Frau voranzutreiben. Mit Events, Programmen und Schulungen. Jedoch sind bisher keine grundlegenden Fortschritte zu verzeichnen. Weder von Seiten der Regierung, noch von Seite der Industrie und des Arbeitsmarktes allgemein. Wenn das so weitergeht könnten aus 100 Jahren schnell auch 200 werden.

Mit Material von Huffington Post USA.

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