POLITIK
13/10/2015 02:03 CEST | Aktualisiert 13/10/2015 02:09 CEST

Warum Facebook der wahre Grund für die Flüchtlingskrise ist

Flüchtlinge in Berlin mit ihren Smartphones
Getty
Flüchtlinge in Berlin mit ihren Smartphones

Es klingt plausibel: Skrupellose Schmuggler tragen die Schuld an der aktuellen Flüchtlingskrise. Sie würden Flüchtlingen das Blaue vom Himmel versprechen und sie mit wilden Gerüchten vom Wohlstand in Europa locken. Auf Facebook würden sie den Menschen versprechen, sie in Luxusyachten und Kreuzfahrtschiffen über das Mittelmeer zu bringen - nur um sie dann in wackelige Schlauchboote und Todesgefahr zu locken. Menschenschmuggler wurden daher von der EU als der Hauptfeind ausgemacht: Bekämpft die Schmuggler, und die Menschen werden in den Lagern in der Türkei bleiben.

Die Schmuggler treten auf Facebook wie normale Reisebüros auf. "Alhaytham Services" nennt sich ein Schmuggel-Unternehmen auf Facebook: "Reise von der Türkei nach Italien, jede Woche ein Boot. Kosten pro Person 5500 Dollar, Kinder unter drei Jahren kostenlos. Jeder darf eine Tasche mit 10 Kilogramm Gewicht mitführen." Eine Fahrt von Griechenland in die Türkei ist günstiger: 2000 Dollar pro Person. Dazu gibt es mit Photoshop gestaltete Flyer, die Bilder der benutzen Schlauchboote zeigen.

Wer den Grund für die Flüchtlingskrise verstehen will, kommt an Facebook und Google nicht vorbei. Kriege gab es schon immer - aber sie lösten nicht solche Flüchtlingsbewegungen nach Europa aus. Der Konflikt in Syrien tobt seit 2011 - aber erst in diesem Jahr beschlossen Hunderttausende Syrer, nach Europa zu fliehen. Sicher ist ein Grund die wachsende Perspektivlosigkeit der Flüchtlinge in den Lagern in der Türkei und die Erkenntnis, dass dieser Krieg nicht schnell enden wird.

Doch ein weiterer Grund sind Smartphones. Billige Android-Telefone mit GPS-Empfänger setzen sich in den Jahren seit dem Beginn des Bürgerkrieges durch - sie gaben den Menschen die Möglichkeit, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen - und das tun sie jetzt. Über Whatsapp, Facebook, Skype und Viber waren die Menschen auf einmal in der Lage, mit Menschen in anderen Ländern zu kommunizieren, ohne Telefongebühren zu bezahlen. Wie wichtig Smartphones für die Migranten sind, zeigte eine Schlägerei in einem Flüchtlingsheim in Hamburg. Sie wurde ausgelöst von einem Streit über einen Steckdosenplatz.

Die Flüchtlinge sind keineswegs naive Träumer, die den Schmugglern ausgeliefert sind. Google und Facebook machen die Menschen unabhängiger von den Menschenschmugglern. "Der einzige Abschnitt der Reise, für den die Menschen Schmuggler noch bezahlen, ist der Übertritt von der Türkei nach Griechenland", schreibt Matthew Brunwasser von der "New York Times". "Viele Flüchtlinge fühlen sich nun in der Lage, der Rest der Reise mit GPS-ausgestatteten Smartphones und ohne Zahlungen an Schmuggler zu machen. Seit dem Beginn des Konflikts seien daher die Preise der Menschenschmuggler um die Hälfte gefallen.

Über Facebook und Whatsapp teilen sie Kontaktnummern von Menschen, die ihnen gegen Geld weiter helfen. Sie informieren sich gegenseitig über kostenlose Wi-Fi-Hotspots und Preise für SIM-Karten in jedem Land, wo sie schlafen, essen und Geld wechseln können. Und natürlich informieren sie sich auch über Grenzkontrollen und wie man ihnen ausweicht. Stößt eine Gruppe auf Polizei, informieren sie gleich die Nachfolgenden - mit GPS-Daten und Foto.

Auch die Schmuggler müssen mehr bieten als Versprechungen. Die Facebook-Seite von "Alhaytham Services" bietet nicht nur Werbung, sondern überraschend detaillierte Informationen. Es finden sich Übersetzungen von Pressemitteilungen des Bundeamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und Übersetzungen von Texten aus der "Süddeutschen Zeitung". Besonders ausgiebig werden die Entwicklungen in Ungarn und die Einführung von Grenzkontrollen an der süddeutschen Grenze diskutiert.

Facebook hat die Flucht sicherer gemacht. Zum einen, weil Flüchtlinge weniger auf Schmuggler angewiesen sind. Zum anderen, weil Flüchtlinge, die in Europa angekommen sind, über ihre Erfahrungen mit Schmugglern berichten und ihnen Bewertungen geben - als wäre es ein Reiseveranstalter, über den man auf Tripadvisor eine Kritik schreibt.

RP-Online berichtet über eine arabische Facebook-Gruppe mit dem Titel "Forum der Obdachlosen". Dort berichten Migranten in Deutschland über ihre Erfahrungen mit Schleusern: "Hallo zusammen, ich bin vor einer Woche in Deutschland angekommen. Ich stehe für jegliche Auskünfte zur Verfügung", schreibt ein Nutzer mit dem Namen Rami K. Die Gruppe zählt knapp 120.000 Mitglieder.

Die Flüchtlinge warnen sich gegenseitig vor skrupellosen Anbietern. Die Schmuggler müssen sich um ihren Ruf sorgen und haben ein großes Interesse daran, das Leben ihrer Flüchtlinge nicht in Gefahr zu bringen.

Wenn wir nach Lösungen für die Flüchtlingskrise suchen, sollte uns eines klar sein. Facebook und Google haben das Verhältnis zwischen Erster und Dritter Welt verändert. Die Menschen in Bürgerkriegsgebieten sind immer bestens informiert über unsere Pläne. Und sie werden Wege finden, jedes Hindernis zu überwinden, das man ihnen in den Weg stellt.

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