POLITIK
11/10/2015 13:55 CEST | Aktualisiert 11/10/2015 14:08 CEST

"Ein Angriff des Staates auf das Volk": 6 traurige Fakten zum Terroranschlag in der Türkei

dpa
6 traurige Fakten zum Anschlag in der Türkei

Es sind nur noch drei Wochen bis zur Wahl in der Türkei - und die Lage im Land droht zu eskalieren. Anlass ist der bislang schwerste Anschlag in der Geschichte des Landes mit fast 100 Toten. In Ankara gedachten am Sonntag Tausende Menschen der Opfer des Doppelanschlags auf eine regierungskritische Friedensdemonstration am Vortag. In Sprechchören beschimpften sie Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan als "Mörder".

Der Anschlag von Ankara wurde international scharf verurteilt. Hier sind 6 traurige Fakten über das Massaker von Ankara, das viele schon als 11. September der Türkei sehen.

1. Der gewaltsame Konflikt zwischen der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und der Regierung forderte kurz nach dem Anschlag indes erneut Opfer. Die Luftwaffe flog wieder Angriffe auf PKK-Einrichtungen. Die PKK hatte zuvor angekündigt, ihre Angriffe auf den Staat vor der Neuwahl zum Parlament am 1. November unter bestimmten Bedingungen einzustellen.

Die Armee teilte mit, am Sonntag seien Verstecke der PKK im Nordirak bombardiert worden. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu wurden dabei 35 PKK-Kämpfer getötet. Schon am Samstag flogen die Streitkräfte nach eigenen Angaben Luftschläge in der südosttürkischen Provinz Diyarbakir. Dabei seien 14 PKK-Kämpfer getötet worden.

2. Nach Angaben der islamisch-konservativen Regierung wurden bei dem Anschlag am Samstag in Ankara mindestens 95 Menschen getötet und 246 verletzt. Die pro-kurdische Oppositionspartei HDP, die sich als Ziel des Angriffs sieht, sprach von mindestens 122 Toten. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sagte, der Anschlag sei wahrscheinlich von zwei Selbstmordattentätern verübt worden.

3. Davutoglu nannte als mögliche Urheber die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die PKK und zwei linksextremistische Terrorgruppen. Türkische Medien berichteten, die Ermittlungen konzentrierten sich auf den IS. Präsident Erdogan versprach eine Aufklärung des Anschlags, zu dem sich zunächst niemand bekannte.

4. Es gibt aber auch andere Theorie, die den Konflikt weiter anheizen. Ein HDP-Funktionär, der anonym bleiben wollte, sagte, die politische Führung des Landes habe den Anschlag "entweder organisiert oder nicht verhindert". Der Ko-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtas, nennt die Bluttat einen "Angriff des Staates auf das Volk". Die Regierung erklärte eine dreitägige Staatstrauer. Der Chef der größten Oppositionspartei CHP, Kemal Kilicdaroglu, forderte nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu den Rücktritt des Innen- und Justizministers.

5. In der Millionenmetropole Istanbul demonstrierten am Samstagabend mehrere Tausend Menschen gegen die Regierung. In Sprechchören wurde die PKK zu Vergeltungsaktionen aufgefordert. Auch in deutschen Städten gingen Tausende Kurden und Sympathisanten auf die Straße; viele machten Erdogan für die Tat verantwortlich. Die größte Kundgebung gab es in Stuttgart mit 5000 Teilnehmern; in Hamburg wurden 1500, in Berlin 1000 Demonstranten gezählt.

6. US-Präsident Barack Obama sprach nach Angaben des Weißen Hauses in einem Telefonat mit Erdogan von einer heimtückischen Attacke und bekräftigte die Solidarität der Amerikaner mit der türkischen Bevölkerung im Kampf gegen Terrorismus. Auch EU-Ratspräsident Donald Tusk sicherte der Türkei Unterstützung zu.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schrieb an Davutoglu, sollte sich bestätigen, dass es sich um Terroranschläge handele, "dann handelt es sich um besonders feige Akte, die unmittelbar gegen Bürgerrechte, Demokratie und Frieden gerichtet sind". Die Vereinten Nationen sprachen von einer "feigen und sinnlosen Tat". Papst Franziskus betete für die Opfer und ihre Angehörigen.

Mit Material der dpa

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