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11/10/2015 04:18 CEST | Aktualisiert 11/10/2015 16:14 CEST

Fehler im Bildungssystem: Diese 6 Ideen können die Schule radikal verändern

Thinkstock

Frontalunterricht, unflexible Lehrpläne, überlastete Schüler, die nur noch auswendig lernen: Das deutsche Bildungssystem steckt in der Krise - und das nicht erst seit Kurzem. Nicht nur Eltern sind unzufrieden mit dem Angebot der Schulen, insbesondere der staatlichen. Auch viele Lehrer klagen über fehlende Freiräume und Überforderung. Die Kinder Kreativität und kritisches Denken zu lehren, bleibe auf der Strecke, sagen sie.

Es ist also klar: Neue individuelle Schulmodelle müssen her. Ideen, wie das gelingen kann, gibt es viele - einige davon praktikabler als andere. Wir stellen euch die spannendsten vor.

1. Lernen an praxisbezogenen Orten

Im April 2015 rief die Stadt Amsterdam einen Ideenwettbewerb zum Thema Schule der Zukunft aus. Einer der Finalisten ist die School for Excellence. Das Prinzip dahinter ist folgendes: Es soll kein großes Schulgebäude mit Klassenzimmern geben, die alle mehr oder weniger gleich aussehen.

Stattdessen sollen die Kinder je nach Fach an einen Ort gehen, das mit dem Unterricht direkt in Verbindung steht. Je nach Schwerpunkt lernen die Kinder dann beispielsweise in einem Konzertsaal oder einem Startup-Büro. Gerade in dicht besiedelten Städten löst man so das Platzproblem. Außerdem spart die Schule Kosten für Gebäudeflächen.

2. Lehrer nicht als reine Lehrende, sondern als Potenzialentfalter

Die Gründerin der School for Excellence, Annabel Esman, erklärt das Konzept auf der Website der Schule folgendermaßen: “Unser Plan war es, eine Schule aufzubauen für Kinder und Jugendliche zwischen vier und 18 Jahren, in der jeder Schüler individuell in den Bereichen unterstützt wird, in denen er besonders gut ist.”

Diese Idee unterstützt auch der Hirnforscher Gerald Hüther. In einer Talkshow des "NDR" sagte er, der zentrale Denkfehler im deutschen Schulsystem bestehe in der Annahme, man müsse Kinder belehren, sie bewerten, sie selektieren. “Wenn ein Kind aus einer Gruppe ausgeschlossen wird, weil es beispielsweise nicht den gleichen Lernrhythmus hat wie die anderen, werden im Gehirn die gleichen Netzwerke aktiviert wie wenn man Schmerzen zugefügt bekommt. Und da frage ich die Lehrer: Glaubt ihr, dass man was lernen kann, wenn man Schmerzen hat?”

3. Jeder lernt so schnell, wie er schafft

Ein häufiger Kritikpunkt am klassischen Schulmodell ist die mangelnde Flexibilität, was die Lerngeschwindigkeit angeht. In der Tat ergibt es wenig Sinn, alle Schüler in allen Fächern gleich schnell zu unterrichten. Einige brauchen etwas mehr Zeit, eine mathematische Formel zu verstehen, während sich andere mit dem Notenlesen schwerer tun.

Die Alan Turing School baut auf das Prinzip, dass die Kinder so schnell lernen sollen, wie sie es schaffen. So kann ein Schüler in Englisch schon auf dem Level der achten Klasse sein, in Chemie aber erst auf dem der fünften Klasse. Um die Übergänge fließend zu machen, soll das Alter der Schüler wie bei der School for Excellence von vier bis 18 Jahren reichen.

4. Öffnungszeiten wie ein Geschäft

Auch zeitliche Flexibilität will die Schule anbieten. Sie soll 50 Wochen im Jahr von 8 bis 20 Uhr geöffnet sein. Auch die Alan Turing School ist Teilnehmer bei dem Ideenwettbewerb in Amsterdam. Gewinnen die Initiatoren den Wettbewerb, könnte das Projekt schon 2017 umgesetzt werden.

5. Jahrgangsübergreifende “Lernbüros”

Ein Projekt, das schon seit Jahren erfolgreich läuft, ist die 2007 gegründete Evangelische Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum. Sie ist angelegt nach dem Prinzip “ich kann” statt “du sollst”. Der Unterricht in Fächern wie Deutsch, Englisch und Mathematik findet in “Lernbüros” statt, in denen Schüler verschiedenen Alters zusammenkommen.

Ähnlich wie in der Alan Turing School sollen die Kinder und Jugendlichen selbst entscheiden können, in welchem Tempo sie lernen. “Dieses individualisierte Lernen führt dazu, dass Schüler keine Lernobjekte mehr sind, sondern selbst zum Mittelpunkt ihres Lernens und Handelns werden”, sagte die Schulleiterin, Margret Rasfeld, gegenüber “T-Online”. So könnten sie entsprechend ihrer Fähigkeiten arbeiten und seien weitaus motivierter. Außerdem helfen sich die Schüler untereinander viel mehr.

Wenn Kinder beispielsweise nach einer Krankheit wieder in die Schule kommen, können sie mit dem Stoff dort weitermachen, wo sie aufgehört haben. Dadurch haben sie zwar mehr Entscheidungsspielraum, müssen aber auch eigenverantwortlicher lernen.

6. Selber entscheiden, wann die Klausur ansteht

In der Evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum bezieht sich die Eigenverantwortlichkeit der Schüler auch auf die Prüfungen. Erst, wenn ein Schüler das Gefühl hat, dass er den Stoff sicher beherrscht, meldet er sich für den Test an. Besteht er ihn, erhält er ein Zertifikat für den betreffenden Themenabschnitt. Auch hier gilt das von Rasfeld propagierte “ich kann” und nicht “du sollst”.

Margret Rasfeld über die Aufgabe von Schulen from Schule im Aufbruch on Vimeo.

Noch sind derartige Projekte nur an Privatschulen realisierbar. Dort zahlen Eltern einen Beitrag, damit die Kinder in den Genuss neuer Lernkonzepte kommen. Es ist aber höchste Zeit, dass zumindest einige der Ideen, wie Lernen individueller, kreativer, spannender werden kann, auch in staatlichen Schulen ankommt. Oft scheitert die Erneuerung nämlich nicht am Geld - sondern am Willen zur Veränderung.

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