POLITIK
09/10/2015 13:44 CEST | Aktualisiert 14/10/2015 09:18 CEST

Das ist das größte Problem, das Flüchtlinge in Deutschland gerade haben

Nein, ich spreche nicht von dem rechten Mob, der vor Asylheimen lauert und uns bedroht. Ich meine die Bürokratie. Sie betrifft alle Flüchtlinge und sie macht uns fertig – dabei könnte man es allen Seiten so viel einfacher machen.

Ich bin Ende Januar in München angekommen – nachdem ich fünf Monate auf der Flucht vor Assads Regime war. Die Busfahrerin am Ostbahnhof hat zu mir gesagt: „Herzlich Willkommen, jetzt seid ihr in Sicherheit.“ Das war vielleicht der schönste Moment in meinem Leben.

Die letzten fünf Monate bin ich durch Länder gereist wie Türkei, Griechenland oder Mazedonien. In diesen Ländern wurden wir ausgeraubt, festgehalten und ich hatte Angst. Es war sehr hart. In Deutschland hatte ich endlich das Gefühl, in Sicherheit zu sein.

Ich bin dankbar, hier sein zu können - aus diesen 5 Gründen:

1. Die Menschen hier sind höflich und freundlich. Sie haben mich gut behandelt und mir bei meinen ersten Schritten geholfen: Anträge stellen, Formulare ausfüllen, eine Wohnung und Arbeit suchen.

2. Pünktlichkeit ist in Deutschland sehr wichtig. Die Züge, die Busse – alles funktioniert zuverlässig. Und Pünktlichkeit bedeutet für mich Respekt. Respekt für den Menschen, der noch etwas erledigen muss. Generell habe ich das Gefühl, dass in Deutschland den Menschen mehr Respekt gezollt wird.

3. Es gibt endlich Sicherheit: Ich kann in Ruhe schlafen, ohne Angst haben zu müssen, dass mich jemand töten will. Ihr lebt hier ein sorgenfreies Leben und wisst gar nicht, wie viel das bedeutet.

4. Ich lebe jetzt in München, in einer wunderschöne Stadt. Ich genieße es, hier zu sein. Man kann dort so viel unternehmen. Und ich liebe das bayerische Bier!

5. In Deutschland wird harte Arbeit honoriert. Wenn du arbeitest, kannst du Schritt für Schritt weiter kommen, auch wenn du vorher nichts hattest. Es gibt mehr Fairness.

Aber das ist gleichzeitig auch das größte Problem: Eure Bürokratie soll Fairness garantieren, aber sie ist so langsam und sie verurteilt uns zum Nichtstun.

Wir wollen Deutsch lernen und wir wollen arbeiten. Wir wollen nicht herumsitzen und auf den Bescheid warten, der es uns endlich erlaubt, hier zu arbeiten und ein neues Leben anzufangen. Es ist zermürbend, monate- oder jahrelang warten zu müssen, bis man weiß, ob man in Deutschland bleiben kann oder nicht.

Ich habe sieben Beispiele, wie man das Asylverfahren besser für alle machen könnte - für Deutsche und Flüchtlinge:

1. Bitte beschleunigt das Asylverfahren! Es wäre für uns alle eine Erleichterung, wenn sie innerhalb weniger Wochen Bescheid wissen würden, wie ihr Leben in Zukunft aussehen wird. Ohne den Bescheid können wir nichts machen und zittern jeden Tag darüber, wie unsere Zukunft aussehen wird.

2. Wenn diese Erlaubnis schneller erteilt wird, können wir uns auch schneller eine Arbeit suchen. Ich hatte schon Zusagen für zwei Jobs. Aber wenn ich einen Job hatte, musste ich vorher noch die endgültige Genehmigung von den Behörden einholen. Das hat immer so lange gedauert, dass die Stelle schon wieder weg war, weil die Chefs nicht so lange warten wollten. Wenn man das Verfahren vereinfachen würde, könnten wir uns schneller unabhängig und selbstständig machen.

3. Sobald ich in Deutschland angekommen war, wollte ich mich für einen Deutschkurs anmelden. Mit dem Kurs kann ich aber erst jetzt – neun Monate später – beginnen, weil ich ihn ohne Bescheid nicht belegen darf. Es wäre doch viel praktischer, wenn ich sofort Deutsch lernen könnte, wenn ich hier ankomme.

4. Das Lustigste daran war, dass der Mann in der Behörde sich weigerte, mit mir Englisch zu sprechen. Er sagte, er könne Englisch sprechen, aber er dürfe das nicht. Warum nicht? Ich habe mich ja angemeldet, weil ich kein Deutsch spreche, ich verstehe ihn nicht. Warum darf er kein Deutsch mit mir sprechen?

5. Deswegen wäre es auch viel einfacher, wenn man die Formulare für uns übersetzen würde. Das ist nicht viel Aufwand glaube ich, würde es uns aber viel einfacher machen. Die deutschen Anträge sind so kompliziert, selbst für euch Deutsche. Ich habe ein Beispiel: Eine deutsche Freundin wollte mir helfen, einen Antrag auszufüllen, aber sie hat es auch nicht verstanden. Wie soll ich dann diese Formulare verstehen?

6. Es wäre schön einen Ansprechpartner in der Zeit zu haben, in der wir auf unseren Bescheid warten: Man kann im Amt mit niemandem einfach sprechen. Ich würde mir wünschen, es gäbe dort einen Menschen, den man zum Beispiel fragen kann, wie lange man noch warten muss.

7. Die Zusammenführung von Familien ist nach wie vor sehr schwer: Die Frau eines Freundes von mir war in einem anderen Heim untergebracht als er. Sie sind verheiratet, aber sie durften nicht zusammen wohnen. Sie waren neu in diesem Land und einsam und verzweifelt. Monatelang haben sie versucht, die Behörden zu überreden, dass sie zusammenziehen dürfen. Schließlich ist die Ehefrau aus Verzweiflung in einen Hungerstreik getreten. Als sie krank geworden ist, haben die Behörden ihr die Erlaubnis gegeben, zu ihrem Mann zu ziehen. Wieso musste sie vorher die Behörden erpressen? Sie wollte das nicht. Die Behörden hätten ihr doch einfach früher erlauben können, zu ihrem Mann zu ziehen. Ich verstehe das nicht.

Es könnte für uns alle einfacher werden

Ich weiß, alle diese Punkte bedeuten einen Aufwand für euch – aber nur für eine kurze Zeit. Langfristig würde diese Punkte uns allen helfen: Die Behörden haben weniger Arbeit und wir Flüchtlinge können schneller unabhängig werden und unser Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Zum Schluss will ich euch noch eines sagen: Ich brauche eure Hilfe, aber ich will es euch zurückgeben. Und zwar so schnell wie möglich. Das verspreche ich euch.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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