POLITIK
09/10/2015 03:39 CEST | Aktualisiert 09/10/2015 05:27 CEST

Das ist der wahre Grund für die Gewalt in Flüchtlingsheimen

dpa
Der Auslöser für Gewalt in Flüchtlingsheimen ist einfach - und er ließe sich leicht verhindern

Kein verbrannter Koran, keine kulturellen Feindschaften, sondern der banale Streit um eine Steckdosenleiste scheint der Auslöser für die Gewalt in einer Hamburger Erstaufnahmeeinrichtung im Stadtteil Wilhelmsburg gewesen zu sein. Rund 60 Flüchtlinge prügelten am Dienstag im Stadtteil Wilhelmsburg aufeinander ein. 50 Polizisten mussten anrückten. Mindestens fünf Flüchtlinge wurden verletzt, drei verhaftet.

Es sind Szenen, wie sie sich in den vergangenen Wochen in Flüchtlingsheimen immer häufiger abspielen. Immer wieder kommt es zu Schlägereien, Auseinandersetzungen, Belästigungen. Auch deshalb hat sich die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen zuletzt stark gewandelt.

Aber warum kommt es überhaupt zu der Gewalt, was ist der Auslöser? Ein Blick nach Wilhelmsburg kann die Frage, die derzeit viele Menschen in Deutschland umtreibt, beantworten. Und Hamburg zeigt auch, wie wir auf die Gewalt reagieren können.

Der 27-jährige Anas war dabei, als die Gewalt in Hamburg eskalierte. Der ehemalige syrische Bodybuildingmeister sieht aus, als könne er allein im Lager für Ruhe sorgen. Ein Streit um den letzten freien Platz in einer Steckdosenleiste sei der Auslöser für die Gewalt gewesen, erzählt Anas.

1500 Menschen leben in dem Aufnahmelager

Sechs Albaner gegen einen afghanischen Jungen. Als dieser Hilfe holt, bleibt es nicht bei Beschimpfungen. „Die Afghanen haben ihre Freunde geholt, die Albaner ihre und so weiter“, erinnert sich Anas. Schließlich schlagen 30 Flüchtlinge aufeinander ein. Als die Polizei anrückt, hat sich die Auseinandersetzung fast von allein aufgelöst. Zunächst. Sie wird noch zwei weitere Male kommen müssen.

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Die Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Hamburg Wilhelmsburg. Foto: dpa

Wer eine Ahnung davon bekommen will, warum der Streit um eine Steckdosenleiste in eine Massenschlägerei münden kann, muss sich den Rest der Erstaufnahmeeinrichtung anschauen. Rund 1500 Menschen haben die Hamburger Behörden hier in Zelten und Containern untergebracht.

Der einstige Parkplatz der Gartenschau grenzt an Autobahnzubringer und Fußballplatz. Wie in allen Erstaufnahmeeinrichtungen fehlt es Betreuung, an Security-Mitarbeitern, an verlässlichen Auskünften, wie es weitergeht. Die einzige Beschäftigung für viele: Warten.

Telefonieren wird zum umkämpften Privileg

Der Ort, an dem der Streit eskalierte, ist so ein Ort des Wartens. Zwischen zwei Containern warten die einen stundenlang darauf, den Inhalt ihrer Wäschesäcke in eine der wenigen Waschmaschinen zu leeren. Gegenüber steht eine Schlange aus Männern bei den ständig besetzten und verdreckten Toiletten an.

Beide Container sind aber auch noch aus anderem Grund begehrt. Sie sind zwei der wenigen Orte im Zeltlager, die es den Flüchtlingen ermöglichen, nach Hause zu telefonieren. Vor der einzigen Steckdosenleiste warten die Flüchtlinge oft Stunden auf einen Platz für das Ladegerätes ihres Handys. Meistens geduldig, manchmal nicht.

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Schlafen in beengten Verhältnissen im Hamburger Flüchtlingsheim, Foto: Fabian Köhler

Auch der 23-jährige Ali kennt die täglichen Streitigkeiten zwischen den Flüchtlingen, die meist dort auftreten, wo zu wenig Versorgung auf zu viele Flüchtlinge trifft. „Sie warten nicht in der Schlange. Neulich haben sie das Handy eines Irakers gestohlen“, sagt er. Auch unter den Flüchtlingen selbst findet man die kulturellen Erklärungsmuster, die die deutsche Debatte bestimmen.

Zwei Stunden später eskaliert der Streit wieder

„Die Albaner machen andauernd Problem. Niemand will sie hier. Vielleicht sind sie frustriert, weil sie wissen, dass sie abgeschoben werden“, sagt Ali, der aus dem syrischen Latakia nach Hamburg geflüchtet ist.

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Eine Telefonsteckdose kann zu einer Eskalation der Gewalt führen - doch die Gründe liegen tiefer. Foto: Fabian Köhler

Der 17-jährige Adrian, der vor drei Wochen aus dem Kosovo kam, hingegen beschuldigt die Afghanen, besonders gewaltbereit zu sein. Ob er auch zugeschlagen hat, als die Gewalt am späten Nachmittag erneut eskalierte, will er nicht sagen.

„Sie montierten die Stangen aus ihren Betten ab, einige zückten Messer. Es war blutig“, erinnert sich Bodybuilder Anas an den zweiten Zusammenstoß. Nach unterschiedlichen Angaben schlugen dabei zwischen 50 und 70 Flüchtlinge aufeinander ein. Es sind dieselben Konfliktparteien wie zwei Stunden zuvor.

Die Schilderungen gehen weit auseinander und sind schwer nachzuprüfen. Mindestens fünf Flüchtlinge werden verletzt, auch ein etwa zehnjähriges Mädchen soll von einer Stange getroffen worden sein. „Ein albanischer Junge hielt einem Afghanen eine Pistole an den Kopf“, sagt Ali. Als die Polizei kommt, habe er sie einem Freund gegeben und dieser sie „irgendwo versteckt“.

Ein Syrer hat einen Vorschlag zur Lösung des Problems

Der Sicherheitsdienst ist schon zu normalen Zeiten kaum im Lager präsent, jetzt hat er erst recht keine Chance, einzugreifen. Am Ende braucht es rund 50 Polizisten, um die Gewalt zu beenden.

Das Landeskriminalamt ermittelt nun gegen einige der Flüchtlinge. Polizeigewerkschafter fordern, Flüchtlinge nach Konfessionen getrennt unterzubringen. Politiker reden von Bekenntnissen zum Grundgesetz.

Anas hat einen einfacheren Vorschlag, um das Gewaltproblem zu lösen: „Ihr wollt nicht, dass wir uns wie Tiere verhalten? Dann behandelt uns wie Menschen.“

Dieser Text erschien zuerst auf FOCUS Online

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Als am Abend die Matratze im Zelt eines albanischen Flüchtlings brennt, kommt die Polizei zum dritten Mal an diesem Tag. Anas hört Spekulationen, dass Afghanen sie angezündet haben sollen – aber das ist nur Hörensagen. Wie die meisten liegt Anas zu dieser Zeit schon in seinem Zelt – mit 17 anderen Menschen, die er nicht kennt. Ohne Licht, Strom, Heizung. In einem Lager mit zu wenig Betreuung und einer einzigen Steckdosenleiste.