POLITIK
08/10/2015 07:59 CEST

Warum die USA ihre Waffengesetze nicht ändern werden

Getty
Warum die USA ihre Waffengesetze nicht ändern werden

Sandy Hook. Charleston. Roseburg. Die traurige Liste der Orte, die für Waffengewalt in den USA stehen, wird immer länger.

Nirgendwo in der Welt befinden sich mehr Waffen in Privatbesitz als in den USA - der Jemen folgt mit einigem Abstand auf Platz zwei. In keinem anderen Industrieland ist die Zahl der Todesopfer durch Waffengewalt höher als in den USA. Und trotzdem steht ein höllischer Mix aus Geschichte, Kultur, Politik und Geld einer einschneidenden Änderung der Gesetze zu privatem Waffenbesitz im Weg. Das wird sich auch zukünftig nicht ändern.

Und das sind die Gründe dafür:

1. Die Symbolik

Der Adler ist eines der nationalen Symbole Amerikas. Aber genauso gut könnte es eine Waffe sein. Am besten ein Gewehr mit langem Lauf aus Kentucky oder Pennsylvania. Eine Präzisionswaffe, die von Waffenschmieden, eingewandert aus Deutschland, perfektioniert wurde. Diese Waffe ermöglichte es den europäischen Siedlern, Tiere in den unermesslich großen Wäldern zu jagen, mit den amerikanischen Ureinwohnern Handel zu treiben und zu kämpfen, und sie konnten Schüsse aus weiter Distanz auf die schwer bewaffneten französischen und britischen Truppen abgeben.

Aber nur weil die Scharfschützen der Kolonien einen erheblichen Teil zur amerikanischen Unabhängigkeit beitrugen, bedeutet das nicht, dass Amerikaner heute die Möglichkeit haben sollten, 12 Pistolen von Glock pro Jahr zu kaufen. Jedoch hat sich unter anderem die mächtige National Rifle Association, kurz NRA, die US-Waffenlobby, die von Waffengewalt geprägte Geschichte der USA längst für ihre Zwecke zunutze gemacht.

Die Thematik birgt eine Menge emotionalen Zündstoff. Als Reporter in Kentucky und Tennessee habe ich so manches Haus – so manches reiche Haus – betreten, in dem gut sichtbar über dem Kamin ein Gewehr hing. Früher hat man die Gewehre dort angebracht, um sie bei Gefahr schnell greifen zu können. Heute sind sie ein Symbol des Stolzes, des Patriotismus und der Freiheitsliebe.

„Es geht um Macht, und die Macht des Einzelnen, eigene Entscheidungen zu treffen“, so Craig Shirley, ein Historiker und Fürsprecher der NRA.

Kein anderes Land der Welt hat eine solche Geschichte. Auch nicht Australien, dessen Geschichte von Gewalt gezeichnet ist. Australien ist es gelungen, die Zahl der Waffen in Privatbesitz um ein Vielfaches zu verringern. Das Land verfügt über eine andere DNS. Die australischen Ureinwohner waren den europäischen Eindringlingen gegenüber nicht feindlich gesinnt. Die Neulinge kämpften nicht mit der Unterstützung europäischer Armeen. Und übrigens auch nicht gegen ihre schwächeren Nachbarn. Australien gewann seine Unabhängigkeit nicht durch Krieg.

2. Die amerikanische Verfassung

Die USA sind nicht das einzige Land, das Waffenbesitz in seiner Verfassung verankert hat. Mexiko und Guatemala sind zwei weitere Länder. Aber der Wortlaut der US-Verfassung bietet sehr viel Interpretationsspielraum für einen Obersten Gerichtshof, der wiederum selbst über ungewöhnlich viel Macht verfügt.

Die amerikanischen Gründungsväter unterstützten das Recht, „Waffen zu führen“. Es ist Teil ihrer Überzeugung, dass eine Vielzahl von verschiedenen Machthabern innerhalb einer Nation der zentralisierten Tyrannei vorbeugen würden. Aus diesem Grund ist der zweite Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten dahingehend formuliert, dass das Recht eines jeden, zur Sicherung eines freien Staates eine Waffe zu tragen, nicht durch die Regierung beeinträchtigt werden darf.

Mit der Zeit jedoch wurde dieser Zusatzartikel immer mehr als ein persönliches Grundrecht ausgelegt. Es wäre sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich, dieser glühenden Überzeugung etwas entgegenzusetzen.

3. Selbstschutz

Von den ersten Pelzjägern und Pionieren bis hin zu den Ranchern und auch Gaunern der heutigen Zeit - die Tradition, zum Selbstschutz eine Waffe zu tragen, sei es im Wilden Westen oder im Großstadtdschungel, ist tief verwurzelt. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war der Schutz durch die Polizei nicht sehr stark ausgeprägt, auch ein stehendes Heer war die Ausnahme. Außerdem konnten viele Menschen aufgrund der Weite des Landes nicht auf nachbarschaftliche Hilfe in brenzligen Situationen hoffen.

Das Ethos des Wilden Westens blüht immer dann wieder auf, wenn irgendwo eine Gemeinschaft Opfer von Gewalt wird. Ein trauriges aber unvermeidbares Ergebnis der letzten Schießereien ist ein Anstieg der Unterstützung des privaten Waffenbesitzes. Und zwar aus dem einfachen Grund, sich selbst und sein Heim zu schützen und zu verteidigen.

4. Das große Geschäft

Die NRA sieht sich selbst gerne als Bewahrer der Verfassung, agiert aber gleichzeitig wie ein Wirtschaftsverband. Letztendlich liegt es im Interesse der NRA, die Hersteller von Schusswaffen zu schützen und die Verkaufszahlen dieser Waffen zu steigern.

Und wieder einmal floriert das Geschäft. Mit Waffen werden in den USA derzeit 10 Milliarden Dollar pro Jahr umgesetzt.

bernie sanders

Sogar der liberale Senator Bernie Sanders fordert nur vorsichtig eine "sensible" Waffengesetzgebung

5. Der ländliche Einfluss

US-Amerikaner, wie auch jedes andere Volk auf der Welt, tendieren dazu, sich in Großstädten oder Ballungsräumen niederzulassen. Aber die Stimmen der ländlichen Bevölkerung sind in der amerikanischen Politik nach wie vor unverhältnismäßig stark gewichtet. Durch das Wahlsystem in den USA und die Sitzzuteilung an die einzelnen Bundesstaaten im US-Repräsentantenhaus werden meist die republikanischen Staaten bevorzugt. Diese Staaten sind oft nur dünn besiedelt, landwirtschaftlich geprägt und die Unterstützung für privaten Waffenbesitz ist groß. Aber auch in den demokratischen Staaten gibt es den Ruf nach lockeren Waffengesetzen.

Man muss nur Senator Bernie Sanders fragen, der sich selbst als demokratischen Sozialisten beschreibt. Es wird erwartet, dass der mögliche Präsidentschaftskandidat den Kreuzzug für stärkere Schusswaffenkontrollen anführen wird. Aber das ist unwahrscheinlich.

Bernie Sanders wurde in Brooklyn geboren und ist in Chicago aufgewachsen, sein politisches Leben aber spielte sich hauptsächlich in Vermont ab. Ja, Vermont ist ein fortschrittlicher Bundesstaat. Aber zugleich auch ein ländlicher. Schusswaffen sind Teil des täglichen Lebens und beschwören die stolze Geschichte der Unabhängigkeit des Staates, die sich bis in das 18. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.

Umfragen zeigen, dass die Einwohner von Vermont, wie andere Amerikaner auch, eine Hintergrundüberprüfung bei einem Waffenkauf befürworten. Aber selbst dieser vorsichtige Vorschlag konnte sich in der Gesetzgebung des Staates nicht durchsetzen.

Während sich Sanders für einen verantwortungsvollen Umgang mit Schusswaffen ausspricht, erinnert er außerdem daran, dass es in den USA eine Vielzahl von Staaten gibt, in denen die Einwohner am liebsten gar keine Waffenkontrollen hätten. Man müsse das Gespräch miteinander suchen, wenn man etwas ändern wolle.

6. Hollywood

Die Unterhaltungsindustrie verkauft einen Mythos, sie verkauft Patriotismus, Konflikte, Heldentum und Blut – was unter dem Strich bedeutet, dass Waffen in Filmen und Serien glorifiziert werden.

In den 1950er und 60er-Jahren gab es TV-Serien, die einzig die besonderen Eigenschaften der Waffen des Hauptprotagonisten in den Fokus stellten: „The Lone Ranger“, „Westlich von Santa Fé“ und „Yancey Derringer“, um nur einige zu nennen.

Von D. W. Griffith über John Ford bis hin zu Quentin Tarantino, sie alle haben Waffen in ihren Filmen eine zentrale Rolle zugewiesen. Obi-Wans unsichtbar ausgeführte „Macht“ oder auch die Kampfkunst von Jackie Chan mal außer Acht gelassen, so gleicht die Welt auf der Leinwand zumeist doch eher „Straight Outta Compton“.

7. Politischer Todesschuss

Passenderweise ist die NRA das langläufige Gewehr der amerikanischen Politik. Sie zielt mit einer todbringenden Kraft genau und präzise auf ein ganz bestimmtes Ziel: jeden, der der breiten Auslegung der US-Waffengesetze widerspricht.

Ihre der Strategie ist an die moderne amerikanische Politik gut angepasst: breite Partei-Koalitionen zählen weniger als finanziell gut aufgestellte Interessengruppen mit einer genauen Zielsetzung.

Der Einfluss der NRA im Kongress ist legendär und beinahe konkurrenzlos. Deshalb wird es auch nach dem Massaker von Roseburg keine Änderung der US-Waffengesetze geben.

Und auch nach der nächsten Katastrophe nicht.

Dieser Artikel erschien zunächst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Angeblich war's der Praktikant: "Wir brauchen echte Führung" - Donald Trump wirbt im Wahlkampf mit Waffen-SS-Bild

Hier geht es zurück zur Startseite