WIRTSCHAFT
08/10/2015 13:24 CEST

Hans-Werner Sinn fordert: Deutsche sollen später in Rente gehen, um Flüchtlingskrise zu finanzieren

dpa
Sollten Flüchtlinge vom Mindestlohn ausgenommen werden?

Es ist eine Forderung, die für Empörung sorgen könnte. Um möglichst viele Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu bringen, schlägt Wirtschaftsexperte Hans-Werner Sinn einen radikalen Schritt vor.

Und der geht so: Der Staat soll Unternehmen Zuschüsse zahlen, wenn sie Flüchtlinge beschäftigen. Das sei immer noch günstiger, als Arbeitslose zu alimentieren, sagte in einem Interview mit der "Zeit". Soweit, so gut. Doch wie soll das der Staat finanzieren?

Dafür will Sinn einen wunden Punkt in Deutschland antasten, nämlich das Rentenalter. Um die Kassen zu entlasten, sollten Deutsche später in Rente gehen. Nur so könnten die enormen Kosten, die die Flüchtlingskrise mit sich bringt, gestemmt werden. Im Wortlaut sagt er:

"Wir sollten das Rentenalter heraufsetzen, um die Flüchtlinge zu ernähren. Die Alten werden im Übrigen gebraucht, um die Flüchtlinge anzulernen. Ich glaube auch, dass es viele gibt, die freiwillig länger arbeiten würden."

Eine Entlastung der Rentenkassen sieht Sinn noch nicht, da die Flüchtlinge überwiegend nicht qualifiziert seien. "Es kommen viele Analphabeten und Leute mit wenig Schulbildung oder Abschlüssen, die mit unseren nicht vergleichbar sind. Die Flüchtlinge werden also überwiegend in die einfachen Jobs drängen. Das wird die Löhne für einfache Arbeit unter Druck setzen.“

Daher fordert Sinn auch die Abschaffung des Mindestlohns. "Wir sollten den Flüchtlingsstrom zum Anlass für eine neue Agenda 2010 nehmen", erklärt er weiter. Mit der Abschaffung des Mindestlohns sollen mehr Stellen für Flüchtlinge zugänglich gemacht werden. "Mehr Geschäftsmodelle für Geringqualifizierte werden erst dann rentabel, wenn der Lohn für einfache Arbeit fällt."

Vor allem gering qualifizierte Arbeitnehmer würden zukünftig unter dieser Entwicklung leiden. Sie bekommen Konkurrenz durch die zusätzlichen Arbeitskräfte. In der Praxis seien vor allem Menschen mit Migrationshintergrund betroffen, die sich bereits in Deutschland befinden. „Die neuen Migranten verschlechtern die Situation für die alten Migranten“, so Sinn.

Wer die Leistungen der neuen Arbeitskräfte in Anspruch nimmt, wird zum Gewinner der Krise. „Wir werden leichter an eine Putzkraft kommen oder unser Auto waschen lassen können, weil die Löhne für einfache Tätigkeiten sinken.“ Natürlich nur, wenn der Mindestlohn sinkt bzw. ganz abgeschafft wird.

Diese Forderung ist extrem umstritten. „Der Mindestlohn gilt für alle Menschen in Deutschland, auch für Flüchtlinge", sagte die SPD-Fraktionsvize Cornelia Reimann der Huffington Post, „schon in der Erstaufnahmeeinrichtung sollte eine Kompetenzfeststellung erfolgen, damit gegebenenfalls in der Kommune, in der der Flüchtling bleibt, gleich ein passendes Praktikum angeboten werden kann."

Kurz zuvor forderte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) in der „Welt“ eine Ausnahme vom Mindestlohn für gering qualifizierte Flüchtlinge. Sie müssten erst ausgebildet werden und seien sonst nicht in den Arbeitsmarkt integrierbar, also arbeitslos. Offensichtlich wird sich die Regierungskoalition nicht so leicht einigen können.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite