POLITIK
08/10/2015 01:40 CEST | Aktualisiert 08/10/2015 22:14 CEST

BITTE, BITTE KEIN NOBELPREIS! Warum die Medaille Merkel großen Schaden zufügen würde

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Angela Merkel gilt es die wahrscheinlichste Kandidatin für den Friedensnobelpreis

Es sieht alles danach aus, als würde sie ihn bekommen. Morgen wird das Nobelpreiskomitee in Oslo verkünden, wer dieses Jahr den Friedensnobelpreis bekommt - und Angela Merkel steht ganz oben auf der Liste. Doch sollte das Komitee ihn tatsächlich der Kanzlerin geben, würde es ihr Schaden zufügen. Großen Schaden.

Nicht nur die Experten sind sich sicher. Auch Wettanbieter im Internet scheinen sich sicher zu sein, dass die Entscheidung für sie gefallen ist. Bei Paddy Power führt sie gerade mit 2:1. Egal welchen Wettanbieter man auswählt: Merkel steht ganz vorne.

Es gibt weitere Gründe, anzunehmen, dass sie ihn bekommen wird. Denn in den letzten Jahren hat das Nobelpreis-Komitte die Angewohnheit entwickelt, mit dem Preis eine Aussage zu verbinden. Er wurde oft an Personen und Persönlichkeiten vergeben, die gerade für ihre Entscheidungen besonders in der Kritik stehen, um ihnen den Rücken zu stärken und sie zu motivieren. Und angegriffen wird Merkel zurzeit von allen Seiten.

Zwei Beispiele für dieses Vorgehen des Komitees. 2012 ging der Preis an die Europäische Union, die gerade wegen der Griechenland-Krise in der Kritik stand. Im Jahr 2009 hatte Barack Obama den Preis erhalten. Doch das Nobelpreis-Komitee hatte ihm einen Bärendienst erwiesen - um den Preis entwickelte sich eine innenpolitische Debatte, die ihn eher schwächte. Der US-Präsident erkannte das. Obama sagte, er sei "überrascht" und gab an, er fühle, dass er den Preis nicht verdient habe. Gewinner klingen anders.

Es war eine schlechte Entscheidung. Das Komitee-Mitglied Geir Lundestad schrieb später in einem Buch, dass der gewünschte Effekt - Obama zu unterstützen - nicht eingetreten sei. Stattdessen geriet er für den Nobelpreis in die Kritik. "In diesem Sinne hat das Komitee nicht erreicht, was es erhofft hatte".

Der Friedensnobelpreis ist eine Last. Es gibt keinen besseren Weg, um die Sympathiewerte eines Politikers in den Keller fallen zu lassen.

Da ist nicht nur die illustre Gesellschaft der Nobelpreisträger. Beispiele: Jassir Arafat (nickte das Olympia-Attentat in München 1972 ab) oder Henry Kissinger (ließ über Indochina mehr als doppelt so viel Bomben abladen, wie während des gesamten Zweiten Weltkrieges). Er lässt die Preisträger auch abgehoben, realitätsfremd und eitel erscheinen. Auf diese Steilvorlage warten AfD und Pegida.

Merkel weiß das. "Die Diskussion bedrückt mich fast", sagte die Regierungschefin am gestern in der ARD-Talkshow "Anne Will". Sie sei derzeit mit anderen Dingen beschäftigt. Sie habe mit dem Zustrom der Asylbewerber eine schwere Aufgabe zu bewältigen.

Nur ein einziges Mal hatte ein Friedensnobelpreisträger die Ehrung freiwillig abgelehnt. 1973 lehnte der nordvietnamesische Verhandlungsführer Lu Duc Tho den Preis ab, den er für das Pariser Friedensabkommen zwischen Nord- und Südvietnam 1973 bekommen sollte. Seine Begründung: in Indochina sei noch lange kein Frieden eingekehrt.

Er sollte Recht behalten. Der amerikanische Verhandlungsführer Henry Kissinger, der ihn ebenfalls für das Friedensabkommen bekommen sollte, hatte ihn zu dem Zeitpunkt schon angenommen. Es ist nicht bekannt, was Kissinger mit seiner Medaille machte, als er die Bilder der vietnamesischen Boatpeople nach dem Kollaps von Südvietnam sah oder von den Massakern der Roten Khmer in Kambodscha erfuhr.

Auch die Flüchtlingskrise ist noch lange nicht gelöst. Sie hat gerade erst angefangen. Man würde Merkel nur schaden, wenn man ihr für ihre Entscheidung, die Flüchtlinge aus Ungarn einreisen zu lassen, den Nobelpreis gibt. Es ist das, worauf ihrer Kritiker im rechten Lager nur warten. Bitte, bitte, liebes Nobelpreis-Komitee: Gebt das Ding Papst Franziskus! Der nimmt ihn sicher gerne an.

Die Wischi-waschi-Kanzlerin hat bewiesen, dass sie auch Klartext kann. Sie kann auch große, kontroverse Gesten machen. Das tat sie mit ihren Sätzen "Dann ist das nicht mehr mein Land" und "Wir schaffen das". Es wäre klug, den Preis abzulehnen. Sollte sie ihn tatsächlich bekommen, würden wir uns diese Worte wünschen:

"Sorry! Ich habe gerade Wichtigeres zu tun!"

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