POLITIK
07/10/2015 18:20 CEST | Aktualisiert 23/10/2015 04:57 CEST

So können wir Flüchtlinge vor der gefährlichen Fahrt über das Mittelmeer bewahren

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Jeden Tag machen sich Tausende Menschen auf den Weg nach Europa. Um Krieg, Hunger und Terror zu entfliehen, nehmen sie ungeheure Strapazen auf sich, mit dem Wissen, dass sie die gefährliche Reise vielleicht nicht überleben werden.

Eines der Hauptrisiken ist die extrem gefährliche und kostspielige Reise übers Mittelmeer. Viel zu viele Menschen haben bei der Überfahrt in den winzigen Booten schon ihr Leben gelassen. Kriminelle Schleuserbanden ziehen den zum Großteil ohnehin schon verarmten Familien das Geld aus der Tasche.

Warum nehmen die Flüchtlinge nicht einfach das Flugzeug? Bislang dürfen nur Passagiere mit einem gültigen Visum in einen Flieger nach Europa steigen. Fluggesellschaften werden laut einer EU-Richtlinie mit Geldstrafen von mindestens 3000 Euro pro Einzelfall bedroht, falls sie Passagiere ins Land bringen, die nach geltendem Recht nicht einreisen dürften.

Das passt zwei Schweden gar nicht. Die beiden Unternehmer Susanne Najafi und Emad Zand fragen: Wenn die Menschen sowieso kommen, warum setzen wir sie dann der Gefahr aus, auf dem Meer zu ertrinken? Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, diese EU-Verordnung zu umgehen. Sie wollen Flüchtlingen ermöglichen, direkt nach Skandinavien zu fliegen und sich so den riskanten Land- und Seeweg zu sparen.

Hierzu haben Najafi und Zand die Initiative Refugee Air gegründet. Derzeit verhandeln sie mit den Fluggesellschaften Scandinavian Airlines (SAS) und Norwegian über eine Zusammenarbeit.

Die Argumente der beiden Schweden lauten:

1. Fluglinien machen sich nicht strafbar. “Haben die Fluggäste ein legitimes Anrecht auf Asyl, darf man sie auch transportieren”, sagte Zand dem Radiosender Sveriges Radio.

2. Für die Flüchtlinge ist es meistens billiger. Schlepper verlangen für die Überfahrt umgerechnet oft mehrere tausend Euro. Die allermeisten Linienflüge kosten nicht mehr als einige hundert Euro.

Das klingt logisch, aber auch in Schweden müssen die Aktivisten erst noch eine rechtliche Grundlage für ihre Aktion schaffen.

refugee

So wollen sie Refugee Air arbeiten lassen: Die Angestellten an den Flughäfen in Jordanien oder in der Türkei können, wenn ein Passagier vor ihnen steht, nicht innerhalb weniger Minuten entscheiden, ob es sich um einen Flüchtling handelt, der Anrecht auf Asyl in Europa hat. Daher wollen die Gründer von Refugee Air gemeinsam mit Menschenrechtsorganisationen nun Passagierlisten erstellen, die sie den Airlines zur Verfügung stellen.

Sollte sich in Ankunftsland herausstellen, dass derjenige doch kein Recht auf Asyl dort hat, will die Initiative die Kosten für den Rückflug selbst übernehmen. Das soll den Anreiz für Fluglinien erhöhen, bei dem Projekt mitzumachen.

Die Initiative soll schon sehr bald starten.Laut einem Bericht von “Spiegel Online” soll noch vor dem ersten Schneefall in Stockholm ein erstes Flugzeug mit Flüchtlingen nach Skandinavien gebracht werden.

Auch in Deutschland gibt es derartige Forderungen. Juso-Chefin Johanna Uekermann sagte kürzlich in einem Interview mit der Huffington Post: "Warum müssen Menschen, die bei uns klaren Asylstatus haben, zum Beispiel aus Syrien, illegal mit Schleppern nach Europa einreisen? Diesen Menschen müssen wir die Einreise erleichtern."

Das Problem an der Sache ist: Realistisch ist davon auszugehen, dass mit diesem Weg nur eine geringe Zahl der Flüchtlingen nach Europa gebracht werden kann. Außerdem müssten diese Menschen schon in Botschaften in ihrer Heimat oder in Nachbarländern Asyl beantragen können, fordert Uekermann auch. Die Botschaften aber sind heillos überlastet. Und ohne Asylantrag oder Visum ist es schwer nachzuprüfen, ob die Menschen, die in das Flugzeug steigen, auch wirklich Anrecht auf Asyl haben.

Die Initiative ist noch unausgegoren, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Gerade für Familien mit kleinen Kindern wäre der direkte Weg mit dem Flugzeug eine Option. Und wenn auch nur 100 Menschen damit die Lebensgefahr erspart bleibt, ist das ja schon ein Erfolg.

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