POLITIK
07/10/2015 16:29 CEST

"Müssen die Herzen öffnen": Der emotionale Appell von Deutschen an die Regierung

HuffPost
Berlinerin beim Bürgerdialog mit Aydan Özoğuz

Sie kommen aus Russland, Syrien, dem Kongo - die Menschen, die hier in einem Raum miteinander sitzen, haben von ihrer ursprünglichen Kultur her so gut wie nichts gemeinsam. Doch die meisten von ihnen sind seit mehreren Jahrzehnten in Deutschland und nun teilen sie eine Kultur, ein Land, eine Gesellschaft.

Sie sind an diesem Mittwoch zum Bürgerdialog mit Aydan Özoğuz, der Bundestagsbeauftragten für Migration, gekommen, weil sie unzufrieden sind mit ihrer Situation als Einwanderer in Deutschland. Auf Zetteln, die an die Wand gepinnt werden, schreiben sie “Wir wollen ernst genommen werden” oder “Weniger quatschen, mehr tun”.

Bessere Jobs, sicherer Rente, einen Platz in einem Pflegeheim: Jedes ihrer Anliegen ist ein emotionaler Appell an die Ministerin und damit an die Regierung. Sie sehen nicht, dass die Bundesregierung genug tut, um Migranten zu integrieren - geschweige denn dem Strom an Menschen Herr zu werden, die seit Wochen nach Deutschland kommen.

“Oft sind die Männer schuld, dass ihre Frauen sich nicht integrieren"

Wenn die Regierung es nicht einmal bei ihnen, den engagierten, offenen Migranten schafft, sie Teil der Gesellschaft werden zu lassen - wie will sie das dann mit all den Flüchtlingen schaffen, die noch kommen werden?

“Die müssen doch Deutsch lernen”, sagt eine Frau. Sie kam vor dreißig Jahren aus dem Kongo nach Deutschland und trägt die traditionelle Kleidung aus ihrer Heimat. Seit 25 Jahren arbeitet sie als Krankenschwester in Berlin. Ihr Gehalt ist viel zu niedrig, die Arbeitsbelastung immens.

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"Männer müssen mit einbezogen werden, wenn es um die Integration ihrer Frauen geht", sagt diese Krankenschwester aus dem Kongo (re.; Mitte: Mitte: Aydan Özoğuz) HuffPost/Lea Kosch

Wenn sie über ihren Beruf spricht, wird deutlich, dass ihr die viele Arbeit zusetzt, doch sie will sich nicht beschweren, sagt sie. Sie hat es geschafft, sich als afrikanische Frau ein Leben hier aufzubauen.

Sie fürchtet, dass das nicht allen Frauen, die hier ankommen, gelingt. “Oft sind die Männer schuld, dass ihre Frauen sich nicht integrieren. Sie verbieten ihnen, Deutschkurse zu machen. So finden sie keine Arbeit”, sagt sie.

Es sind ältere Menschen, die zum Bürgerdialog mit Özoğuz gekommen sind. Sie haben Angst, bald sehr einsam zu sein in einem Land, das sie nach ihrem Gefühl nie wirklich willkommen geheißen hat. Nicht ernst genommen zu werden von Ärzten und Angestellten in den Behörden.

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Sie alle sind seit Jahrzehnten in Deutschland und fühlen sich noch immer nicht akzeptiert hier; Credit: HuffPost/Lea Kosch

Eine Einwanderin aus Russland erzählt von Frauen, deren Männer verstorben sind und die niemanden mehr haben. “Da ist keine Wärme um sie herum”, sagt sie an Özoğuz gerichtet. ”Verstehen Sie das?” Ihre Stimme zittert - ob aus Nervosität oder aus Mitgefühl ist nicht zu erkennen - wahrscheinlich von beidem etwas.

“Es bräuchte nur jemanden, der sich hin und wieder mit ihnen unterhält”, sagt sie. “Wenn ich sie anrufe, sagen sie immer, wie schlecht es ihnen geht. Nach fünf Minuten ist es besser und nach zehn lachen sie schon.”

Auch das muss Integrationsarbeit leisten, findet sie. Dass der Staat die Einwanderer im Alter nicht ganz alleine lässt. Das Engagement aber muss von beiden Seiten kommen. “Wir müssen unsere Herzen öffnen - beide, Deutsche und Migranten”, sagt sie und der Nachdruck in ihrer Stimme bringt sie noch mehr zum Zittern.

Özoğuz will Anliegen der Bürger ernst nehmen

Als die Integrationsministerin sich schon dem nächsten Anliegen zugewendet hat, steckt sie Özoğuz noch einen Flyer ihres Vereins russischer Migranten zu. Das ist nicht der erste Flyer, den die Ministerin heute bekommen hat. “Kein Sorge, da geht keiner verloren”, versichert sie, als die alte russische Dame skeptisch zusieht, wie ihrer in einem großen Stapel verschwindet.

Dass sie wirklich etwas für die Bürger tun kann, deren Sorgen sie sich heute angehört hat, will sicher jeder einzelne von ihnen ihr gerne glauben. Doch am Schluss muss die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung wieder den fast unmöglichen Spagat machen zwischen Parteiinteressen und Anliegen der Bürger.

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