POLITIK
05/10/2015 08:31 CEST | Aktualisiert 05/10/2015 11:09 CEST

Juso-Chefin Uekermann: "Wir brauchen eine Jugendquote!" (EXKLUSIV)

thinkstock

Ist jungen Menschen egal, was um sie herum passiert? Politische Diskussionen und Entscheidungen? Unsinn, sagt Johanna Uekermann. "Aber viele nervt gewaltig, dass sie nicht mitbestimmen dürfen. Weil man ihnen nicht zutraut, dass sie mitbestimmen können." Uekermann ist Chefin der Jusos, der Nachwuchsorganisation der SPD. Den Jusos gehören Menschen bis 35 an. Uekermann vertritt die Meinung der Jungen.

Im Bundestag sind die jungen Leute krass in der Unterzahl. Nur ungefähr fünf Prozent der Abgeordneten sind unter 35 – ihr Anteil an der Bevölkerung liegt dagegen bei 35 Prozent. Da stimmt also etwas nicht.

Im Interview mit der Huffington Post macht die Juso-Chefin daher nun gleich zwei wegweisende Vorschläge, damit junge Menschen endlich den Einfluss auf Entscheidungen bekommen, den sie verdienen. In Parlamenten wie dem Bundestag – und schon in der Schule.

Huffington Post: Welche Facebook-Seite haben Sie zuletzt geliked?

Johanna Uekermann: Ich glaube, das war eine gegen die geplanten Asylrechtsverschärfungen.

Wann haben Sie zuletzt gekifft?

Ist schon ein paar Wochen her.

Wer ist Ihr Lieblingspolitiker?

Oh Gott. Muss kurz nachdenken.

Das dauert aber lange.

Ich glaube, ich habe niemanden. Ich mache lieber mein eigenes Ding.

Wir starten deswegen mit drei voneinander unabhängigen Fragen, weil wir uns gefragt haben, welche Frage wohl die beste wäre, damit junge Leute nicht gleich gelangweilt weiterklicken.

Cool ist es auf jeden Fall, mit jugendpolitischen Themen einzusteigen. Ich mochte die Cannabis-Frage! Am besten ist sicher etwas, das mit dem persönlichen Leben vieler junger Leute zu tun hat. Schule, Ausbildung, Studium. Aber Kiffen geht natürlich immer.

Ist Cannabis wirklich ein so ein bedeutendes Thema für junge Menschen?

Total. Wir haben im Sommer eine Cannabis-Aktion in verschiedenen Städten gemacht, die Leute waren echt begeistert. Ich glaube, Cannabis steht auch stellvertretend für die Verbotspolitik, die junge Leute ablehnen. Dass man keinen Alkohol mehr in der Öffentlichkeit trinken darf, dass man ständig leise sein muss, dass man vertrieben wird von öffentlichen Plätzen. Junge wollen nicht, dass ihnen Alte ständig vorschreiben, wie man zu leben hat.

Warum haben junge Leute keinen Bock auf Politik?

Junge Leute sind keinesfalls unpolitisch. Aber viele nervt gewaltig, dass sie nicht mitbestimmen dürfen. Sie müssten schon in der Schule oder der Ausbildung merken, dass sie Einfluss auf Entscheidungen haben. Dass sich konkret etwas verändert, weil sie da sind und sich einbringen.

uekermann

Uekermann

Was sollen sie denn in der Schule entscheiden?

Schüler sollten mitbestimmen dürfen, wie der Lehrplan aussieht. Worauf sie die Schwerpunkte setzen wollen. Welche Projekte an der Schule laufen und worin investiert werden soll.

Hat ein 13-Jähriger die Reife zu entscheiden, was er lernen muss und was nicht?

Klar. Das sind schließlich die, die etwas lernen sollen. Und das funktioniert am besten, wenn der Lernstoff ihren Interessen entspricht. Ich sage nicht, dass sie ganz alleine darüber entscheiden sollten. Aber es gibt schon unterschiedlichste Modelle, wie bessere Mitbestimmung aussehen könnte. Zum Beispiel die Drittelparität. Ein Drittel derjenigen, die über wichtige Themen, wie Lehrpläne entscheiden, sollten Schüler sein.

Mitbestimmung schön und gut. Aber ist es nicht so, dass viele junge Menschen gar nicht mitbestimmen wollen?

Aber doch nur, weil sie glauben, dass sie ohnehin nichts verändern können. Und das liegt daran, dass man ihnen nicht zutraut, dass sie mitbestimmen können.

Wenn man sich den Bundestag anschaut, fragt man sich, ob in Deutschland nur Menschen über 50 leben. Junge Leute haben kaum eine Chance, sich gegen die ganzen altgedienten Parteisoldaten durchzusetzen. Wie ändern wir das?

Wir brauchen eine Jugendquote! Parteien müssen einen Teil ihrer vorderen Listenplätze bei Wahlen für junge Menschen reservieren. Anders funktioniert es nicht, mehr junge Leute in die Parlamente zu bekommen. Und es wäre gut, wenn junge Menschen etwa entsprechend dem Anteil ihrer Altersgruppen an der Bevölkerung in den Parlamenten vertreten wären.

Warum ist dies der einzige Weg?

Weil die Parteistrukturen und –hierarchien sonst verhindern, dass ausreichend junge Menschen die Chance auf Plätze im Parlament bekommen. Ein Beispiel dafür ist: Man tritt als junger Mensch in einen Ortsverband ein, sagen wir in Münster. Dann muss man aber irgendwann wegziehen, weil man ein Studium beginnt oder eine Ausbildung macht und ist quasi raus aus dem Geschehen vor Ort. Und dann kommt man nach ein paar Jahren zurück, kann aber nicht so eine lange Zeit der Mitarbeit vorweisen wie diejenigen, die die ganze Zeit dort waren.

Und die fragen dann, wo man die ganzen Jahre war.

Genau. Die beklagen sich, weil sie einen nicht beim Ortsvereinsfest gesehen haben. Und dann hat man natürlich keine Chance, dass diese Leute einen als Kandidaten für die nächste Wahl nominieren.

Die Junge Union, der Nachwuchs der CDU, lehnt eine Jugendquote ab. "Wir wollen, dass die Menschen nach ihrer Leistung und ihrem Einsatz und ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihres Alters beurteilt werden", sagte JU-Chef Paul Ziemiak der HuffPost. Niemandem solle vorgeworfen werden können, einen Job oder ein Amt nur aufgrund einer Quote bekommen zu haben. "Das gilt auch in der Politik. Die Jugend hat in der Union alles Nötige, um sich ohne Quoten durchzusetzen."

Ein anderes Problem des Politikbetriebs ist doch, dass junge Menschen – wenn sie denn mal mitmachen dürfen – nach drei Jahren allenfalls noch äußerlich jung sind. Weil der Betrieb sie nicht unbedingt zum Guten verändert. Die starten mit tollen Ideen, sind aber bald total angepasst.

Ja, der Politikbetrieb begünstigt eine schnelle Alterung. Es ist schwierig, wenn man idealistisch ist, aber dann an den Realitäten scheitert. Wer als junger SPD-Abgeordneter in der Großen Koalition gerade soziale, linke Politik machen will oder Politik für junge Leute, wird ziemlich schnell enttäuscht sein. Weil die Lösung immer nur der kleinste gemeinsame Nenner ist.

Ist das Ihr Urteil über die Große Koalition?

Ja, die macht immer nur so Minischritte. Die Koalition läuft den Entwicklungen total hinterher. Gerade jetzt in der Flüchtlingskrise. Da bräuchten wir mal einen großen Wurf. Zum Beispiel nicht drei Milliarden für Flüchtlinge, sondern zehn. Oder eine komplette Neuordnung der europäischen Asyl- und Migrationspolitik.

Würden junge Leute das besser machen?

Junge Leute sind beim Thema Migration sehr offen und hilfsbereit. Die Flüchtlingskrise ist ein Thema, dass ganz viele junge Menschen gerade politisiert. Das merken wir selbst. Es kommen einige neue Leute zu uns und sagen: Super, dass ihr euch da so engagiert. Das Thema ist uns wichtig. Das gilt auch für viele andere Themen, wie die Ehe für alle oder die Probleme auf dem Wohnungsmarkt. Grundsätzlich glaube ich, dass junge Leute weniger Angst haben auch mal vorzupreschen und neue Ideen ins Spiel zu bringen.

Warum ist Sigmar Gabriel nicht der ideale Kanzlerkandidat für junge Leute?

Entscheidend ist, ob jemand sich glaubhaft für die Interessen von jungen Leuten einsetzt. Sigmar Gabriel ist herzlich eingeladen zu unserem Bundeskongress im November zu kommen. Dann sehen wir ja, wie er zu jungen Ideen steht.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

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