LIFESTYLE
05/10/2015 11:35 CEST | Aktualisiert 05/10/2015 12:19 CEST

Ein Beispiel für Helikopter-Eltern: Japan erzieht seine Kinder zur Selbstständigkeit

Maximilian hat schon mit fünf Jahren einen individuell auf ihn abgestimmten Tagesplan. „Mama kann ich aufs Klo?“, fragt der Kleine, als er über seinen Lehrbüchern sitzt. „Ja“, sagt seine Mutter und wirft einen Blick auf den Lehrplan. „Um genau 16:25 Uhr und jetzt lern schön weiter Quantenphysik.“

Das Beispiel aus der Satiresendung extra drei des NDR ist natürlich hoffnungslos übertrieben. Aber so weit ist diese Szene von der Realität nicht mehr entfernt:

Immer mehr Eltern trimmen den Alltag ihres Kindes auf Leistung und verplanen jede Minute: Die sogenannten Helikopter-Eltern umkreisen ständig jede Bewegung ihrer Kinder, um ihnen bei jedem Schritt helfend unter die Arme zu greifen und sie perfekt auf das Leben vorzubereiten.

Das ist von den Eltern meistens gut gemeint, nimmt den Kindern aber die Möglichkeit, eigenständig zu denken und zu handeln.

Die Folge: Forscher fanden heraus, dass die Kinder von Helikopter-Eltern unselbstständiger und selbst bei einfach zu lösenden Problemen überfordert sind.

Dieser besorgniserregende Befund ist bei weitem kein Einzelfall: Immer mehr besorgte Mütter und Väter in Deutschland bringen ihr Kinder selbst zur Schule. Und werden durch das erhöhte Verkehrsaufkommen zur Gefahr für die Kinder auf der Straße. Nicht nur Politiker, sondern auch Kinderschützer fordern ein Umdenken.

Dass es auch anders gehen kann, zeigen alternative Erziehungsmethoden in anderen Ländern. Ein Vorbild überrascht auf den ersten Blick: Japan – das Land der Perfektionisten.

In Japan ist es ganz normal, dass Kinder immer alleine zur Schule gehen. Es gibt dort sogar eine erfolgreiche TV-Show, in der ein Fernsehteam Kindern heimlich auf ihrem ersten Weg alleine zur Schule folgt.

Der Erfolg dieser Show beruht darauf, dass die meisten Zuschauer sich dabei erinnern, wie es ihnen selbst erging, als sie den Weg zur Schule das erste Mal alleine angetreten sind: Ein Meilenstein auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

So macht sich auch die siebenjährige Noe Ando aus Tokio in dem Video des australischen Senders SBS 2 alleine auf den Weg. Die U-Bahn muss sie alleine nehmen – ihre Mutter vertraut darauf, dass Noe selbst eine Lösung findet, wenn beim U-Bahn-fahren etwas schief läuft.

Noes Selbstständigkeit ist in Japan selbstverständlich. Schon jüngere Kinder gehen auch alleine zum Einkaufen. Viele Japaner ermuntern ihre Kinder schon früh mit kleinen Aufgaben – wie Gemüse einzukaufen – dazu, selbstständig zu werden.

Japanese kids travel to school on their own - The Feed

Sick of 'helicopter parenting'? Kids in Japan are encouraged to be independent from a very young age. #TheFeedSBS

Posted by SBS 2 on Montag, 7. September 2015

Das Video zeigt auch den typischen Tagesablauf eines Kindes aus einem westlichen Land: Anders als viele japanische Kinder wird die zehnjährige Emily aus Sydney jeden Tag von ihrem Vater zur Schule gebracht, obwohl sie selbst sagt: „Ich freue mich schon auf die High-School, wenn ich endlich alleine zu Hause gehen darf.“ Ein Wunsch, der bei ihrem Vater bisher auf taube Ohren stieß.

In Japan gibt es ein Sprichwort, das besagt: „Schick dein geliebtes Kind auf eine Reise.“

Hier baut man – anders als viele westliche Länder – auf die Hilfe der Gemeinschaft: Kinder wird das Gefühl gegeben, sich bei Problemen an fremde Erwachsene wenden zu können. Eltern bauen darauf, dass sich die Gemeinschaft um ihre – um alle – Kinder kümmert und auf sie aufpasst. Das Land verfügt auch über eine sehr niedrige Kriminalitätsrate.

Immerhin Emilys Vater bringt das zum Nachdenken: „Vielleicht bin ich etwas paranoid, vielleicht sollte ich ihr mehr Freiraum geben“, gibt er zu.

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