POLITIK
03/10/2015 04:20 CEST | Aktualisiert 03/10/2015 08:07 CEST

25 Thesen zu 25 Jahren Deutsche Einheit: Wissenschaftler und Politiker schreiben in der HuffPost, was sie am meisten bewegt

HuffPost

Heute feiert die Bundesrepublik 25 Jahre Deutsche Einheit, doch nach Feiern ist nur den wenigsten zumute. Die Deutschen haben ihr Vertrauen in die Politik verloren, Renten sind unsicher und „besorgte Bürger“ machen die Kommentarspalten und die Straßen unsicher.

Zum Nationalfeiertag lassen wir Deutsche aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zu Wort kommen. Wir haben sie gefragt:

Wo sehen Sie das größte Problem Deutschlands nach 25 Jahren der Einheit und wie lösen wir es?

Hier sind die ihre 25 spannendsten Thesen.

Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin


müller

1. „Die Einheit ist 25 Jahre nach der Vereinigung nicht mehr geprägt durch Probleme, sondern im Gegenteil: Beide Teile Deutschlands und gerade auch Berlins - als ehemals sichtbarster Ort der Teilung - sind zusammengewachsen und haben viel Kraft und auch Glück aus der Wiedervereinigung geschöpft. Berlin ist inzwischen wieder Wachstumslokomotive, unsere Metropole ist in die Rolle als offene und tolerante Hauptstadt hineingewachsen, ist lebens- und liebenswerte Heimat für die Menschen hier und aus der ganzen Welt geworden."

2. "Ebenso optimistisch bin ich trotz aller Schwierigkeiten und Sorgen hinsichtlich unserer in diesen Tagen größten Herausforderung: Wir wollen der großen Zahl vor Krieg und Verfolgung flüchtender Menschen Obdach, Sicherheit und eine Perspektive geben. Die Berlinerinnen und Berliner sind bereit, anderen etwas von dem zu geben, was wir selber an Glück und Solidarität erfahren haben. Der gute Wille zur Integration ist unsererseits da und wir brauchen und sehen ihn auch bei den ankommenden Flüchtlingen. Wir werden die Aufgaben mit vielen neuen Ideen, Flexibilität und Hilfsbereitschaft gemeinsam lösen. Wir sind ein reiches Land, wir müssen und können das schaffen. Wenn wir diese Herausforderung meistern, dann werden wir letztlich – davon bin ich überzeugt – selber davon profitieren.“

Justus Haucap, Direktor des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomie


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3. "Ein großes Problem ist der weit verbreitete Glaube, der Staat könne alle Probleme lösen, die Menschen selbst dagegen nicht. Dass der Ruf nach mehr Staat, mehr Regulierung und mehr kommunalem Eigentum aber heißt, dass man auf immer mehr staatliche Beamte vertraut und sich selbst vieler Freiheiten beraubt, erkennen viele nicht. Die schlechten Erfahrungen mit einer staatlich gelenkten Wirtschaft und staatlicher Kontrolle des gesellschaftlichen Zusammenlebens haben ziemlich viele anscheinend vergessen, verdrängt oder – die Jüngeren - eben zum Glück nie kennengelernt."

Wolfgang Bosbach, CDU-Abgeordneter im Bundestag


bosbach innenausschuss griechenland

4. „Für mich persönlich besteht neben ökonomischen und sozialen Herausforderungen das größte Problem darin, dass noch viel zu viele in den Kategorien „Ost und West“, „alte und neue Bundesländer“ oder gar in der Kategorie „Ossi und Wessi“ denken – höchste Zeit, dass wir nach 25 Jahren Wiedervereinigung unser Land tatsächlich als Einheit verstehen, nicht nur formal betrachtet im Sinne eines einheitlichen Staatsgebietes, einer ungeteilten Nation oder einer einheitlichen Rechtsordnung – sondern auch sprachlich.“

Gregor Gysi, Fraktions-Chef der Linken im Bundestag


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5. „Das größte Problem Deutschlands sehe ich darin, dass es seine Rolle in Europa und in der Welt nicht gefunden hat. Die Verantwortung ist größer, als es manchen recht ist, aber auch nicht so groß, wie manche tun. Statt militärisch zu agieren, sollten wir eine zentrale Vermittlungsaufgabe übernehmen. Die Weltprobleme klopfen jeden Tag verstärkt an unsere Tür. Wenn nicht alle Industriestaaten beginnen, sie zu lösen, können sie unbeherrschbar werden.“

Dieter Janecek, Grünen-Abgeordneter im Bundestag


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6.Flüchtlingskrise 2015. Deutschland einig Vaterland? Unterschiedlicher könnten die Bilder kaum sein. Das pöbelnde "Pack" in Heidenau, das von Bürgerkrieg geschundenen Menschen die Hilfe verweigert und die selbstlosen Flüchtlingshelfer in München, die das Bild von der Weltstadt mit Herz neu aufleben lassen. Doch machen wir uns nichts vor. Ein Riss von Verunsicherung geht quer durch die Gesellschaft. Und mit ihm zeitgleich eine Welle von Hilfsbereitschaft und Moral, die mancher nicht vermutet hätte."

7. “Die Mehrheit der hilfsbereiten Bürger von Heidenau haben es nur nicht so prominent in die Medien geschafft, und im Freistaat Bayern brannte dieses Jahr schon so manches Flüchtlingsheim. Die breite Masse ist eben nicht bereit, den plumpen Parolen derjenigen zu folgen, die vermeintlich einfache Lösungen auf Herausforderungen in einer zunehmend komplizierten Welt anbieten. Wäre ja auch schön dämlich. Im Gegenteil: Wenn die Politik sich überfordert zeigt - und das ist sie angesichts der Herausforderungen in Teilen verständlicherweise - dann packen die Menschen eben selber an. Das ist doch was, auf das wir gemeinsam aufbauen können. In Ost wie West.”

Hans-Josef Fell, Energieexperte und Autor des EEG


hansjosef fell

8. "Helmut Kohl hatte ja blühende Landschaften im Osten versprochen. Er hatte damit durchaus auch intakten Umwelt- und Naturschutz gemeint. Doch genau dazu ist es trotz des grünen Bandes an der ehemaligen Grenze nicht in ausreichendem Maße gekommen. Weiterhin baggern die Kohlebagger blühende Wiesen und ganze Dörfer ab, landwirtschaftliche Monokulturen nehmen nicht nur den Bienen die nötigen Blühpflanzen, zusammen mit Massentierhaltungen gefährden sie unsere Gesundheit mit Pestiziden und Antibiotika in den Lebensmitteln. Die Luftschadstoffe aus Autos und Kohlekraftwerken sind Verursacher für zunehmende Krankheiten. Wir brauchen nicht nur zum Schutze des Erdklimas wieder eine Kehrtwende für den offensiven Ausbau der Erneuerbaren Energien, für Nullemissionsautos, für eine biologische Landwirtschaft; dann können viele neu geschaffene Arbeitsplätze in einer Klimaschutzwirtschaft den Boden für soziale Gerechtigkeit schaffen und am Ende kommen doch noch die blühenden Landschaften, im Osten wie im Westen Deutschlands."

Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz


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9. “Ost und West sind 25 Jahre nach der Wiedervereinigung zusammengewachsen zu einem erfolgreichen und starken Land mitten in Europa. Die Kraft und Zuversicht, die uns am Jahrestag der Wiedervereinigung wieder besonders deutlich wird, sollten wir nutzen, um die neuen Herausforderungen der Aufnahme und Integration der Flüchtlinge positiv zu gestalten. Wir meistern diese Aufgabe, wenn wir bundes- aber auch europaweit zusammenstehen und beherzt die notwendigen Entscheidungen treffen.” 

Hans-Olaf Henkel, Gründungsmitglied der Alfa


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10. “Anstatt selbstbewusst mit der Wiedervereinigung umzugehen, glaubten unsere Politiker, sich für das größere Gewicht Deutschlands in der Welt dauernd entschuldigen zu müssen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit spielt sich das wiedervereinigte Deutschland als moralische Weltinstanz auf. Das Resultat kann man heute besichtigen: Für unsere Willkommenskultur für die Flüchtlinge aus aller Welt wollen wir gern bewundert werden, auch wenn sich jetzt herausstellt, dass wir die bei den Flüchtlingen geweckten Erwartungen überhaupt nicht erfüllen können. Das wiedervereinigte Deutschland gehört auf die Couch! Sein Psychiater würde schnell erkennen: Der Patient leidet immer noch unter einem kollektiven schlechten Gewissen für die Untaten Deutschlands im Dritten Reich.”

Gerald Praschl, Chefredaktion der “Super Illu”


gerald praschl

11. “Abwanderung junger Menschen, sterbende Industrieregionen, Umweltverschmutzung, kaputte Infrastruktur – das war nur einige der gewaltigen Probleme, die 40 Jahre weltfremde Misswirtschaft durch die SED uns Deutschen vor einem Vierteljahrhundert hinterlassen hatten. Ein Großteil dieser Probleme ist heute gelöst. Insofern sind 25 Jahre Deutsche Einheit ein guter Grund für die Deutschen in Ost und West, sich ich nicht nur über ihre staatliche Einheit, sondern auch über ihren gemeinsamen Erfolg zu freuen."

12. "Die Probleme im Osten Deutschlands sind heute andere: Fachkräftemangel, Demographie, die Herausforderungen durch Energiewende oder Asylwelle. Landflucht. Es sind genau dieselben Herausforderungen, vor denen auch die meisten Regionen im Westen stehen. Auch bei seinen Problemen ist Deutschland also zusammengewachsen. Wie lösen wir sie? Mit viel Fleiß, Augenmaß und vor allem auch dem selben Mut zur Veränderung, wie ihn die Ostdeutschen 1989/90 zeigten.”

Dagmar Schipanski, CDU-Politikerin


dagmar schipanski

13. “Die Wiedervereinigung ist nach 25 Jahren ein erfolgreicher Glücksfall für Deutschland. Als größtes verbleibendes Problem sehe ich die Unkenntnis der Jugend in Ost und West über die DDR-Geschichte, wenn sie heute bei Umfragen zugeben, keinen Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur zu kennen. Unsere hervorragende wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung basiert auf der freiheitlich demokratischen Ordnung und sozialer Marktwirtschaft.”

14. "Die Diktatur des Proletariats war 1989 wirtschaftlich und gesellschaftlich am Ende und wurde durch die friedliche Revolution beendet. Unsere Jugend muss die Grundwerte unserer freiheitlichen Demokratie verinnerlichen, sonst sind wir auch dem Flüchtlingsproblem nicht gewachsen, das im Moment die Gedanken zur Einheit überschattet.”

Dietmar Bartsch, stellvertretender Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag


bartsch

15. “Das größte Problem ist die weiter wachsende Verteilungsungerechtigkeit. Die politischen und gesellschaftlichen Folgen sind verheerend und es ist nicht hinnehmbar, dass die Große Koalition nichts dagegen tut. Die Lösung ist einfach: Das Geld muss da abgeholt werden, wo es im Übermaß sitzt.”

Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ-Bank


stefan bielmeier

16.Insgesamt ist die Geschichte der deutschen Einheit eine Erfolgsgeschichte. Das wirtschaftliche Zusammenwachsen ist dabei sicherlich noch nicht abgeschlossen. Dies hängt auch zusammen mit den sehr unterschiedlichen strukturellen Ausgangslagen vor 25 Jahren. Die bestehenden Ungleichgewichte aufzulösen, wird wohl noch einige Jahre dauern. “

17. “Vor diesem Hintergrund sind zugleich die Probleme innerhalb des Euroraumes in eine erweiterte zeitliche Perspektive einzuordnen. Auch hier haben viele Probleme ihre Wurzel in den unterschiedlichen strukturellen Gegebenheiten. Dabei werden diese Probleme durch den Blick auf kurzfristige nationale Interessen eher größer und schwieriger zu lösen. Entsprechend sollte man auch für den Euroraum einen langen Atem haben. Schnelle Lösungen wird es kaum geben. Dabei steigt der Druck zuletzt merklich.”

18. “Die steigende Zahl von Flüchtlingen sollte allen Beteiligten deutlich machen, dass man mit einem fragmentierten Europa die anstehenden Herausforderungen nicht lösen kann. Vielmehr müsste die Zusammenarbeit auf allen Ebenen schnell verbessert werden, ohne einzelne Länder zu überfordern. Die Welt wächst zusammen, da sollten wir Europa nicht fragmentieren.”

Peter Tauber, Generalsekretär der CDU


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19. „Aus meiner Sicht gibt es 25 Jahre nach der Wiedervereinigung vor allem zwei Probleme: Zum einen ist vielen Menschen immer weniger bewusst, was für ein großes historisches Geschenk die Deutsche Einheit war und mit wieviel harter Arbeit, großen Veränderungen und auch manchen Rückschlägen das verbunden war – und dass uns das für die Bewältigung aktueller und künftiger Herausforderungen Ansporn sein sollte.”

20. “Und zum anderen, dass wir zu sehr über Unterschiede lamentieren und Vielfalt zwischen den Regionen nicht als Reichtum begreifen. Dabei sind Verschiedenheiten zwischen Friesen und Bayern, Mecklenburgern und Saarländern, Bremern und Sachsen doch historisch gewachsen und machen unsere Heimat so lebenswert. Daran sollten wir uns öfters erinnern.“

Dorothee Bär, CSU-Abgeordnete im Bundestag


bär

21. "Durch eine friedliche Revolution wurde aus einem Unrechtsstaat unser wiedervereinigtes Vaterland. Mit einer echten Demokratie für über 80 Millionen Bundesbürger. Was mir Sorge macht ist, dass unser demokratischer Rechtsstaat für zu selbstverständlich gesehen wird. Aber Demokratie ist ein jeden Tag aufs Neue zu erkämpfendes und hohes Gut. Also: Geht wählen! Mischt Euch ein! Seid unbequem! Treibt Eure Abgeordneten! Und hört auf, zu satt zu sein. Bitte."

Clemens Schneider, Think-Tank Prometheus


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22. “25 Jahre nach der Wiedervereinigung besteht die größte Herausforderung für Deutschland darin, dass die Menschen in unserem Land ihr Leben wieder stärker selbst in die Hand nehmen. Dieses Land braucht nicht Menschen, die bei jedem kleinen Problem nach dem Staat rufen – ob es um Grenzzäune geht oder um Arbeitsplätze. Es braucht Menschen, die selber anpacken. Der Umgang mit den vielen Flüchtlingen, die gerade nach Deutschland kommen, zeigt, dass auch Solidarität in unserem Land noch lebendig ist. Gerade dort, wo Menschen in Schwierigkeiten und Not geholfen werden muss, sind private Initiative und zivilgesellschaftliches Engagement unabdingbar. Was wir selber und unsere Mitmenschen brauchen, wissen wir viel besser als Politiker und Behörden. Die legitimen Erben des ,Wir sind das Volk' von 1989 sind nicht diejenigen, die Ängste vor Ausländern schüren und vor der ,Systempresse' warnen. Genau so wenig sind es diejenigen, die mit Hilfe von Verboten, Steuern und Regulierungen anderen ihre eigenen Wertvorstellungen aufdrücken wollen. Die legitimen Erben sind diejenigen, die anpacken und die aufbauen. Es sind die Menschen, die mutig und zuversichtlich sind – so wie jene Frauen und Männer, denen unser Land in besonderer Weise seine Wiedervereinigung verdankt.”

Christian Lindner, FDP-Chef


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23. "Vor 25 Jahren hat das Streben nach Freiheit zu Wiedervereinigung geführt. Heute hingegen dominiert der Wunsch nach Gleichheit. Das schleift die Vielfältigkeit in der Gesellschaft und die Soziale Marktwirtschaft. Die Politik verwaltet das Land, statt Zukunft zu gestalten. Deshalb braucht Deutschland wieder mehr Mut zur Freiheit."

Wolfgang Kubicki, Stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP


kubicki

24.Besorgnis beschleicht mich angesichts der manchmal noch immer geringen Verankerung der demokratischen Kultur, wenn zum Beispiel die große Volkspartei SPD bei Landtagswahlen auf annähernd gleiche Höhe mit den Rechtsextremen gewählt wird. Eine tiefgreifende Gefahr für den Rechtsstaat besteht hier zwar nicht, im Sinne unserer Demokratie liegt aber gewiss noch einige Arbeit vor uns. Rückblickend können wir aber mit Stolz und ohne Bescheidenheit feststellen: Wenn wir uns das heutige wiedervereinigte Deutschland anschauen – die großen Linien: seine Weltoffenheit, seine Wirtschaftskraft, seine Freiheitskultur – dann haben wir das in den vergangenen 25 Jahren ganz ordentlich hingekriegt.”

25. “Am Ende bleibt die stille Hoffnung, dass es uns gelingt, die Unterschiede innerhalb der kommenden 25 Jahren so auszugleichen, dass ,Ost' und ,West' keine Mentalitäten, sondern nur noch Himmelsrichtungen charakterisieren.”

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