POLITIK
01/10/2015 03:40 CEST | Aktualisiert 01/10/2015 04:48 CEST

Wie viele Flüchtlinge gibt es in Deutschland? Keiner weiß die Antwort

Getty
Ein syrisches Flüchtlingskind in München Anfang September 2015

Wie viele Flüchtlinge sind bisher nach Deutschland eingereist? Die Wahrheit ist: Keiner weiß die Antwort. Und das ist eines der größten Probleme bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise.

Unterschiedliche Politiker nennen unterschiedliche Zahlen. Die Tageszeitung "Die Welt" schreibt", dass alleine im September rund 170.000 Asylsuchende in Deutschland registriert wurden. Diese Zahl habe Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) den Koalitionsfraktionen bei einem Treffen in dieser Woche mitgeteilt, wie die Zeitung aus Teilnehmerkreisen erfahren haben will. Im Vergleich zum Vormonat ist das ein deutlicher Anstieg: Im August wurden 105.000 registrierte Migranten verzeichnet.

Wichtig, um diese Zahl einordnen zu können, ist das kleine Wort "registriert". Denn nur Flüchtlinge, der Daten erfasst wurden, sind in dieser Menge erfasst. Tatsächlich dürften es aber weit mehr sein.

So kommt es, dass der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) auf ganze andere Zahlen kommt. Mehr als 270.000 Flüchtlinge seien im September in Deutschland angekommen - und damit mehr als im gesamten Jahr 2014. Es handele sich dabei aber noch nicht um die endgültige Zahl - da gebe es noch einige Unwägbarkeiten. Auch Regierungskreise in Berlin rechnen im September nach Angaben der "Welt" mit mehr als 200.000 Flüchtlingen. Bislang geht der Bund von 800.000 Asylsuchenden im Jahr 2015 aus.

Deutschland stehe kurz vor der Überforderung. Das sagte der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach gegenüber der Huffington Post. “Wenn viele tausend Flüchtlinge unerkannt ins Land kommen, sich entweder überhaupt nicht registrieren lassen oder nicht in der zugewiesenen Aufnahmeeinrichtung ankommen, kann von einem flächendeckend geordneten Aufnahmeverfahren keine Rede mehr sein.” Um die Lage in den Griff zu bekommen, forderte Bosbach deutlich mehr Personal für die Polizei.

Das Problem ist, dass ein Großteil der Flüchtlinge nicht registriert wird. Gestern schrieb "Spiegel Online" unter Berufung auf interne Unterlagen des Bundesinnenministeriums, dass nur ein Bruchteil der Migranten erfasst würde. Demnach hätten Polizisten in Bayern von Montag bis Donnerstag der vergangenen Woche insgesamt etwa 32.000 Personen aufgegriffen. Diese Zahl meldete der Bundespolizei-Einsatzabschnitt München an die Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit nach Potsdam. Doch der Öffentlichkeit seien für den Zeitraum lediglich rund zehntausend illegale Einreisen gemeldet worden.

Die Polizisten sehen darin eine Irreführung der Öffentlichkeit. "Wir verkaufen die Öffentlichkeit für dumm", sagte "Spiegel Online" zufolge ein hochrangiger Bundespolizist aus dem Freistaat. Das Präsidium der Bundespolizei wehre sich gegen den Vorwurf. Es sei nicht möglich, "alle Migranten zu registrieren". Es würden nur die von ihr vollständig erfassten Flüchtlinge vermeldet.

Die Bundespolizei räumt die Probleme bei der Registrierung ein. In einer Telefonkonferenz mit anderen Sicherheitsbehörden habe ein Beamter die Schwierigkeiten zugegeben, so der "Spiegel Online"-Bericht: Man behandele "aufgrund des zeitlichen Aufwands und rechtlicher Begrenzungen" lediglich ein Drittel der kontrollierten Personen "erkennungsdienstlich". Nur diese müssten Fingerabdrücke abgeben, würden fotografiert und gemessen. Der größte Teil werde einfach in die Erstaufnahmeeinrichtungen geschickt.

Bei der Registrierung von Flüchtlingen läuft einiges schief. Der neue Leiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Frank-Jürgen Weise, sagte in Nürnberg, schätzungsweise seien 290.000 Flüchtlinge in Deutschland noch nicht registriert. Bisher gebe es keinen guten Überblick, wie viele Menschen ins Land kämen und wo sie sich aufhielten. Hier müsse dringend mehr Klarheit her.

Zur Bewältigung der Flüchtlingskrise soll das Personal beim BAMF verdoppelt werden. Weise will auch die Arbeitsprozesse mit anderen Behörden, Ländern und Kommunen verbessern und bei der IT aufrüsten.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

#refugeeswelcome: Dieses Video widerlegt die drei größten Vorurteile in der Flüchtlingsdebatte

Hier geht es zurück zur Startseite