POLITIK
30/09/2015 07:27 CEST | Aktualisiert 30/09/2015 08:32 CEST

5 Anzeichen, dass die Gotteskrieger zurück sind - und gefährlicher als je zuvor

Regierungsoldaten bereiten sich auf ihre Gegenoffensive in Kundus vor
AP
Regierungsoldaten bereiten sich auf ihre Gegenoffensive in Kundus vor

Die Gotteskrieger sind zurück. Am Montag fiel die afghanische Stadt Kundus in die Hände der Taliban. Damit eroberten sie erstmals seit der US-Invasion 2001 eine Großstadt. Damals waren sie von der Macht vertrieben worden. Inzwischen kämpfen sie wieder verstärkt um die Kontrolle im Land, vor allem seit dem Abzug der internationalen Kampftruppen Ende 2014.

Kundus ist eine der größten und wohlhabendsten Städte Afghanistans. Dort war bis Oktober 2013 die Bundeswehr im Rahmen der internationalen Nato-Schutztruppe stationiert. Die Region gilt als sehr fruchtbar und damit als Kornkammer Afghanistans. Auch werden dort zahlreiche Rohstoffe gewonnen.

Aber was bedeutet die Eroberung von Kundus für die Zukunft Afghanistans?

Hier sind fünf Anzeichen, dass die Taliban in Afghanistan gefährlicher sind als je zuvor:

1. Die Taliban können der Gegenoffensive standhalten

Die islamistischen Kämpfer brauchten nur wenige Stunden, um die Stadt bis auf den Flughafen einzunehmen. Trotz einer Gegenoffensive der Regierung konnten sie ihre Macht über Kundus sichern.

US-Kampfjets bombardierten Stellungen der radikalen Islamisten, und die afghanische Armee versuchte, wieder in die Stadt vorzudringen. Doch scheiterte dies vorerst. Die Taliban bauten Kontrollpunkte und Straßenblockaden auf und schlugen die Truppen in Gefechten zurück. Die Sicherheitskräfte kamen nach Angaben von Zeugen nicht näher als etwa zwei Kilometer an ihr Ziel heran.

2. Die Taliban profitieren von IS-Angriffen auf die Regierung

Die Taliban sind verfeindet mit dem Islamischen Staat, von dem sie als "Todfeinde" angesehen werden. Trotzdem profitieren die beiden Terrormilizen voneinander. Während in Kundus gekämpft wurde, griffen 500 IS-Kämpfer Regierungstruppen im Achin-Distrikt in der Provinz Nangarhar an, wie ein Reporter für "CBS News" berichtet.

Auch der EU-Sonderbeauftragte für Afghanistan hat vor einem Erstarken des Islamischen Staates in dem Land gewarnt. "In den vergangenen Wochen hat sich der IS in Afghanistan neu formiert", schreibt Franz-Michael Mellbin in einem Beitrag in der Zeitung "Die Welt". Die Extremisten hätten unter anderem Stammesführer brutal ermordet und ganze Familien gefangen genommen.

"Die afghanischen Sicherheitskräfte reagieren, aber sie sind überlastet wegen der Operationen gegen starke Taliban-Offensiven an anderen Orten", schreibt der Däne. Annahmen, die IS-Terrorgruppe werde in Afghanistan ein Randphänomen bleiben, hätten sich als falsch erwiesen. "Der Optimismus war verfrüht."

3. Die Taliban werden vom Iran unterstützt

Es sieht so aus, als hätten die Taliban einen ungewöhnlichen Unterstützer gefunden: den Iran. Wie kommt es, dass der schiitische Staat die sunnitische Terrormiliz unterstützt? Der Iran befürchtet, dass entweder die Taliban oder der IS die Macht in Afghanistan übernehmen könnten - und für diesen Fall wären die ersten das kleinere Übel. Laut einem Bericht des "Wall Street Journal", in dem US-Beamte zitiert wurden, versorgt die Islamische Republik die Miliz mit Waffen, Munition und Geld.

"Iran versorgt uns mit allem, was wir brauchen", zitierte das "Wall Street Journal" einen Tailiban-Anführer. Er behauptet, dass der iranische Geheimdienst auf ihn zugekommen sei, während er im Iran inhaftiert war.

Auch der Guardian berichtete im Mai über ein Taliban-Treffen, das im Iran stattgefunden habe. Das Treffen sei "sehr fruchtbar" gewesen. Iran habe die volle Unterstützung und Kooperation bei der Beilegung der Konflikte in der Region zugesichert, sagte ein Taliban-Anführer in Katar dem Sender NBC News.

4. Den Taliban nützt die Entwicklungshilfe für Afghanistan

Lange wurde den Taliban unterstellt, dass sie ihren Kampf vor allem mit Drogen finanzieren. Doch das scheint eine falsche Annahme zu sein, wie die "Global Post" berichtet.

Richard Holbrooke, der US-Sondergesandte für Afghanistan und Pakistan, sagte auf eine Pressekonferenz im letzten Monat, dass nur ein Bruchteil der Einnahmen der Miliz aus Drogen stamme. In Wirklichkeit sei es weniger als die Hälfte.

Die Gruppe finanziere sich aus vielen unterschiedlichen Quellen, zum Beispiel spenden aus den Golfstaaten. Nach dem Bericht der "Global Post" scheint vieles darauf hinzudeuten, dass die Taliban Schutzgeld von Unternehmern in der Region eintreibt - und damit indirekt von der internationalen Entwicklungshilfe für das Land profitiert.

So zitiert die "Global Post" den Manager einer Baufirma, die Aufträge für die US-Regierung ausführt. Er sagt, dass er bei jedem Projekt 20 Prozent als Abgaben für die Taliban einplane. Er würde etwa eine Million US-Dollar pro Monat verdienen - von denen 200.000 an die Kämpfer gingen. So finanziert die US-Regierung ihre eigenen Feinde.

5. Die Taliban profitieren von der Schwäche der afghanischen Regierung

Die afghanische Regierung ist zerstritten und korrupt, und im Volk wenig beliebt. Die Taliban konnten diesen Umstand ausnutzen. Die Kämpfer haben viele der Praktiken, die sie bei den Afghanen verhasst gemacht haben, abgelegt und bezeichnen ihren Krieg nun als Kampf gegen "ausländische Besatzer". Damit konnten sie sich einen Rückhalt in Teilen der Bevölkerung sichern. Im Interview mit der "Tagesschau" sagte die Afghanistan-Expertin Adrienne Woltersdorf von der Friedrich-Ebert-Stiftung:

"Afghanistan ist politisch geschwächt. Die letzten Präsidentschaftswahlen waren leider kein großer Erfolg. Das hat etwas mit Wahlbetrug und dem Kompromiss zu tun, den der Präsident und sein Stellvertreter eingegangen sind. Beide müssen gemeinsam regieren, verstehen sich aber überhaupt nicht. Sie sind Repräsentanten zweier ethnischer Netzwerke, die um die Macht ringen. Der Streit zwischen den beiden Männern hat auch lange Zeit die Armee geschwächt, weil diese nicht wusste, wem sie dienen soll."

Diese politische Schwäche der Regierung können die Taliban zurzeit für sich ausnutzen.

Mit Material der DPA

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