POLITIK
30/09/2015 13:13 CEST | Aktualisiert 01/10/2015 12:59 CEST

SPD-Vize Schäfer-Gümbel: "Für mich ist Politik keine Unterhaltungsshow" (EXKLUSIV)

Thorsten Schäfer-Gümbel
dpa
Thorsten Schäfer-Gümbel

Kennt ihr den Mann auf dem Foto? Es ist Thorsten Schäfer-Gümbel. Er ist stellvertretender Vorsitzender der SPD und gehört damit zu den wichtigsten Politikern Deutschlands. Nebenbei ist er auch Chef der SPD in Hessen.

Aber er ist auch einer der unauffälligsten Politiker des Landes. Unscheinbar, schnell zu übersehen und daher auch weniger bekannt. Schäfer-Gümbel arbeitet eher im Hintergrund, das Rampenlicht ist nicht sein Ding. Die großen Sprüche sind es auch nicht.

Im Interview in der SPD-Zentrale in Berlin haben wir probiert, ob sich das ändern lässt. Und das ist dabei herausgekommen:

Huffington Post: Herr Schäfer-Gümbel, Sie gelten als zurückhaltender Typ, sind nie mit lauten Sprüchen aufgefallen. Wir wollen heute mal schauen, ob wir das ändern können.

Thorsten Schäfer-Gümbel: Warum? Sie werden es nicht schaffen, dass ich zum Sprücheklopper werde. Für mich ist Politik keine Unterhaltungsshow. Ich halte wenig von Politikern, die in Talkshows flotte Formulierungen haben, aber nichts Konkretes liefern.

An wen denken Sie da?

FDP-Vize Kubicki ist ein Paradebeispiel. Oder Herr Dobrindt, der schneller formuliert als handelt.

Sind ruhigere Politiker die besseren?

Ich glaube, dass das sinkende Vertrauen der Menschen in Politik auch damit zusammenhängt, dass zu oft der Eindruck entsteht, aus kessen Sprüchen folgt keine konkrete Politik. Deswegen kann ich mit dem Ruf, da etwas zurückhaltender zu sein, gut leben. Auch wenn ich bei Bedarf durchaus scharf formulieren kann. Die Bundesverteidigungsministerin erinnert sich daran wahrscheinlich.

Was war das Verrückteste, das Sie je gemacht haben?

Das behalte ich lieber für mich.

Das zweitverrückteste?

Na ganz sicher gehört in diese Reihe, dass ich quasi über Nacht die Spitzenkandidatur der hessischen SPD übernommen habe. Das war eine riesige Herausforderung und große Verantwortung.

Die SPD ist schon ein turbulenter Laden. Die Parteilinke hat kürzlich erst wieder in einem Thesenpapier den Partei-Chef demontiert.

Das ist Quatsch. Die SPD hat immer von ihrer Lebendigkeit gelebt. Debatten tun uns gut. Ich sehe das sehr entspannt.

Wollen Sie in der SPD mal mehr sein als Vize? 2017 wird wieder ein Kanzlerkandidat gebraucht.

Das ist aber eine nette Anmoderation. Ich werde 2017 jeden Beitrag für den Erfolg der SPD leisten, den ich kann, und den Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel unterstützen. Am 8. November trete ich wieder als Landesvorsitzender in Hessen an, darauf konzentriere ich mich!

Sie halten sich also nicht raus.

Unser Landesverband ist für die SPD extrem wichtig, wir reden auf Bundesebene ordentlich mit. In manchen Ländern regieren wir mit deutlich weniger Prozentpunkten, als wir in Hessen haben. Mit 31 Prozent in Hessen nicht zu regieren, ist zugegebenermaßen nicht immer schön.

Auf Bundesebene regiert jedenfalls noch Angela Merkel. Wie beurteilen Sie ihre Leistung in der Flüchtlingskrise?

Sie war lange abgetaucht. Die SPD weist seit einem Jahr darauf hin, dass die steigenden Flüchtlingszahlen eine Herausforderung vor allem für Länder und Kommunen sind. Mittlerweile hat die Kanzlerin ja selbst gesagt, dass die Politik sich nicht früh genug gekümmert hat.

Womit sie ja auch sich selbst kritisiert.

Ja. Die CDU hat sich lange nicht damit beschäftigt, wie wir die Menschen ordentlich unterbringen und integrieren. Inzwischen hat Frau Merkel zu einer Haltung gefunden, bekommt dafür aber kaum Rückhalt in der eigenen Partei.

Was tut die SPD, das die Union nicht tut?

Wir sorgen für den sozialen Ausgleich im Land. Es waren Sigmar Gabriel und die SPD-Ministerpräsidenten, die dafür gesorgt haben, dass den Worten der Kanzlerin auch konkrete Taten folgen.

Was wäre ohne die SPD?

Ohne die SPD in der Regierung würden ganz andere Debatten zum Asylrecht laufen. Mit der SPD wird das Grundrecht auf Asyl nicht angetastet! Die Unionsfamilie zeigt immer wieder populistische Auswüchse, schauen Sie sich die CSU an, die sich Rat beim Rechtspopulisten Orbán holt. Die Union blinkt in alle Richtungen, das ist brandgefährlich.

Die SPD passt also auf die Union auf?

Wir gestalten Politik an vorderster Stelle. Aber wenn es sein muss, hat man auch mal Dinge zu verhindern. Es ist doch unfassbar, dass die Kanzlerin nichts Kritisches über ihre Parteikollegen aus München sagt. Wenn Seehofer Orbán einlädt – einen, der Flüchtlinge einsperren will, wenn sie in sein Land kommen – dann fällt er damit der Kanzlerin in den Rücken. Ich frage mich schon, wo Merkel in solchen Situationen ist.

Die Zahl derjenigen, die sich Sorgen machen, ob wir die ganzen Flüchtlinge aufnehmen können, wächst. Können Sie die Menschen verstehen?

Es ist keine Schande, zu fragen, ob und wie wir das schaffen. Wie wir die Menschen unterbringen, wie wir sie integrieren. Eine Schande wäre es, wenn daraus Ausgrenzung wird. Die Herausforderung ist groß, das darf man weder kleinreden, noch mit Ressentiments überdecken.

Können wir denn wirklich alle aufnehmen?

Ich will das sehr grundsätzlich beantworten. Manche Debatte in Deutschland wird über Scheinlösungen geführt. Die Flüchtlingssituation ist nur lösbar, wenn wir Fluchtursachen wirklich bekämpfen. Für den Westbalkan heißt das: Investitionen in Arbeit und Wachstum, in Syrien heißt das: Ende des Bürgerkriegs. Zweiteres wird nur funktionieren, wenn Moskau, Washington, Teheran und Riad an den Tisch kommen. Darin müssen alle Kräfte gesteckt werden, damit die Menschen in ihren Heimatregionen eine Lebensperspektive bekommen.

Gefährden Flüchtlinge den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Nein! Wir müssen dafür sorgen, dass Menschen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Das würde den Zusammenhalt massiv gefährden. Wenn wir sagen würden: Wir haben jetzt Flüchtlinge und deshalb müssen wir anderswo einsparen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Deshalb hat die SPD durchgesetzt, dass wir sozialen Wohnraum für alle bauen – nicht nur für Flüchtlinge.

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