POLITIK
30/09/2015 16:37 CEST

Was ein User unter einen Flüchtlingsbeitrag von "Spiegel Online" gepostet hat, spricht uns aus der Seele

Hasserfüllte Kommentare gegen Flüchtlinge oder Ausländer im Allgemeinen füllen die Kommentarspalten von fast allen deutschen Medien. Facebook scheint der Ort zu sein, an dem besonders offenherzig gegen Menschen anderer Herkunft, Kultur und Hautfarbe gehetzt wird.

Seit die Flüchtlingskrise in den letzten Monaten mehr und mehr in den Fokus gerückt ist, war dieser Hass deutlicher denn je zu spüren. Inzwischen hat Facebook immerhin versprochen, stärker gegen Hasskommentare vorzugehen.

Wir haben unseren ganz eigenen Weg gefunden und einige der schlimmsten Hassfratzen in einem Artikel verewigt. Denn wir sind der Ansicht, dass menschenverachtende Kommentare nicht hinnehmbar sind.

Deshalb spricht uns ein User, der einen sehr langen Kommentar unter einem "Spiegel-Online"-Artikel veröffentlicht hat, wirklich aus der Seele.

Unter das Bild des Tages, auf dem ein Haufen Schwimmwesten zu sehen ist, die Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa getragen haben, schrieb Dorian Audersch am Dienstag:

Liebe restlich verbliebene Mitmenschen mit etwas Anstand und Empathie,

bitte überlasst die Kommentarspalten unter solchen Artikeln nicht Zynikern, Desinformanten und rechten Pöblern. Sogar ein geradezu neurotischer Selbstdarsteller wie ich verliert langsam die Lust daran, sich dem naziesken Unsinn der Pegioten und Patridioten entgegen zu stellen. Und ehrlich gesagt habe ich es satt, auf Polemik mit Polemik zu antworten.

Während ich diese Zeilen tippe, stapelt sich vermutlich wieder braungefärbte, menschenverachtende und kaltherzige "Meinungsfreiheit" unter dem Artikel. Entweder liegt das daran, dass Facebook überlaufen ist von egoistischen Dumpfmicheln, oder es ist tatsächlich so, wie es den Anschein hat: Deutschland vergisst seine Vergangenheit und bald brennen wieder Flüchtlingsheime und unschuldige Menschen sterben.

Wir wissen alle, dass es eine Mammutaufgabe ist, der Flüchtlingskrise Herr zu werden. Es kommen auch nicht nur Engel nach Deutschland, aber eben auch nicht nur Teufel. Die Flüchtlinge sind genau so dumm, klug, kriminell, tugendhaft, asozial oder vorbildlich wie Deutsche halt eben auch. Allerdings kommen sie teilweise aus existenziellen Nöten heraus und haben Dinge hinter sich, von denen wir nicht zu albträumen wagen.

In den letzten Wochen habe ich regelmäßig einen Pelz auf der Zunge bekommen, wenn ich gelesen habe, was all diese offensichtlichen Fake-Profile zurechtgehetzt haben. Oft habe ich scharf reagiert, überspitzt geantwortet und zugegebenermaßen auch hier und da provoziert. Dabei bin ich sicherlich auch bisweilen über das Ziel hinaus geschossen.

Erschreckend fand ich aber die Tatsache, dass immer mehr Deutsche offenbar keine Scheu haben, mit ihrem Klarnamen wirklich dunkelbraune Grütze zu verbreiten - und dafür jede Menge Likes bekommen.

Es mag sein, dass Facebook nicht repräsentativ ist. Ich hoffe es wirklich sehr. Aber bitte überlasst nicht reaktionären, repressiven und rückwärtsgewandten "Querdenkern" das Feld und lasst den Irrsinn, der hier verbreitet wird, nicht einfach so stehen. Mir ist bewusst, dass es viele Gründe gibt, skeptisch zu sein, oder ängstlich, aber das kann nicht als Begründung dafür dienen, dass wir zu Unmenschen werden.

Die Situation ist ein bisschen so wie in dem Film "Elysium", aber ich für meinen Teil will nur sehr ungerne so ein Miststück sein, wie es Jodie Foster in dieser gelungenen Metapher für die heutige Situation verkörpert.

Und nun könnt ihr wieder kübelweise euren Hass, eure Angst und euren Frust auskotzen. Ich versuche, nicht darauf zu antworten.

Diesen Text postete ein Leser unter unser gestriges Bild des Tages, einen Haufen Rettungswesten, die Flüchtlinge bei...

Posted by SPIEGEL ONLINE on Wednesday, September 30, 2015

Auderschs Kommentar wurde bisher mit 522 Likes gewürdigt. Wir hoffen, es werden noch viele mehr.

Lesenswert:

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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