WIRTSCHAFT
29/09/2015 10:58 CEST

Schwere Vorwürfe gegen Nestlé im Markencheck: "Das sind Babymilch-Dealer"

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In den Siebzigern war es ein großer Skandal: Millionen Babys in Afrika und Asien starben - angeblich, weil sie Milchpulver mit verunreinigtem Wasser tranken. Der Konzern Nestlé soll daran mit seiner aggressiven Werbung Mitschuld haben. Der ARD-„Markencheck“ deckt jetzt auf, dass noch heute gegen die Richtlinien verstoßen wird – und weiterhin Kleinkinder durch die Flaschenmilch sterben.

Es ist einer der Verkaufsschlager des Schweizer Konzerns: Das Milchpulver von Nestlé. Vor allem in Entwicklungsländern wird häufig zur Milchflasche gegriffen. In den Philippinen stillen laut Studien nur noch 36 Prozent, eine der niedrigsten Raten der Welt. Milchpulver ist dort in manchen Regionen auf Platz zwei der meistverkauften Güter – nach Handyzubehör und vor Bier. Manche geben ein Viertel ihres Einkommens für diese Babynahrung aus.

Doch warum ist Milchpulver nach dem Skandal in den 70ern immer noch so erfolgreich? Ein Rückblick: In den Siebzigern stand Nestlé unter heftiger Kritik. Der Konzern machte in Afrika und Asien massiv Werbung für sein Milchpulver als Säuglingsnahrung.

Das Problem war: Viele Mütter glauben, dass das Milchpulver besser und gesünder für ihre Babys ist als Muttermilch. Zu sauberem Wasser haben bis heute viele keinen Zugang und mischen das Pulver mit verunreinigtem.

Das Ergebnis: Ein Keimcocktail, der angeblich pro Jahr mehr als eine Million Babyleben gekostet hat. Die Todesursachen waren Infektionen und Durchfall.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO reagierte damals mit einem „Milchkodex“, der besagt:

  • Es darf keine Werbung für Milchpulver für Neugeborene mehr geben
  • Es dürfen keine kostenlosen Proben an Mütter verteilt werden
  • Es dürfen keine Geschenke an Ärzte gemacht werden, damit sie Milchpulver verschreiben.

Doch genau das soll trotzdem weiterhin passiert sein. Der aktuelle ARD-„Markencheck“ deckt auf, dass Nestlé sich nicht an die Vorgaben gehalten hat.

Das behauptet unter anderem ein ehemaliger Nestlé-Verkäufer aus Pakistan, der Ärzte mit Schecks, Reisegeschenke oder kostenlosen Klimaanlagen für die Klinik bestechen sollte. Das Ziel: Die Ärzte sollen Müttern Nestlé-Milchpulver verschreiben. Als Beweis zeigt der ehemalige Mitarbeiter dem „Markencheck“ Rechnungen mit eindeutigen Notizen seines Chefs. Der Schweizer Konzern bestreitet die Vorwürfe jedoch.

In den Gesundheitszentren auf den Philippinen kommen nach wie vor oft solche Vertreter von Nestlé mit Milchpulver im Gepäck vorbei. Sie verschenken laut der Mitarbeiter ihre Produkte, was gegen den Milchkodex der WHO und auch gegen philippinisches Gesetz verstößt. Laut Nestlé informieren die Vertreter nur über ihr Angebot.

"Das sind Babymilch-Dealer“, sagt Ines Fernandez, eine philippinische Rechtsanwältin. Nestlé würde ständig gegen die Vorschriften zur Vermarktung von Babynahrung verstoßen. Angeblich soll der Konzern auch versucht haben, Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums des Entwicklungslandes für sich arbeiten zu lassen.

Das Ministerium wies die Vorwürfe zurück. Dort glaubt man, dass Flaschenmilch Mitschuld an der hohen Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren hat.

Auch die überall präsente Werbung für Milchpulver in Entwicklungsländern trägt dazu bei, dass viele Mütter zur Flaschenmilch greifen. Im ARD-Interview behauptet Konzern-Vorstand Stefan Catsica zwar nach wie vor, dass Nestlé Müttern empfehle, „dass Stillen oberste Priorität hat“. Milchpulver sei nur als Ersatz gedacht, falls eine Frau nicht stillen könne. Auf den Werbeplakaten sieht das aber anders aus. Die Kaufanreize sind beruflicher Erfolg und Intelligenz: Die Flaschenmilch soll Kinder schlauer machen, versprechen die Slogans.

Die Werbung schlägt an. Eine philippinische Mutter erzählte der ARD: „Vielleicht ist da was dran, sonst würden die es doch nicht im Fernsehen zeigen.“ Zugang zu sauberem Wasser gibt es dort aber nicht. Auch die Hitze ist laut dem „Markencheck“ ein Problem: In der angerührten Milch bilden sich schnell Bakterien, die die Mütter trotzdem noch verfüttern.

Das Riesenproblem ist: Viele wissen nicht, dass Milch schnell schlecht wird oder dass das Wasser aus den verunreinigten Brunnen vor allem für Kinder eine große Gefahr ist. Aufgeklärt wird über die Risiken von Flaschenmilch bis heute nicht ausreichend, erst recht nicht von Seiten Nestlés.

Geändert hat sich seit den Siebzigern in der Praxis also nicht viel. Weiterhin sterben Babys, weil sie Flaschen- statt Muttermilch bekommen. Groß und stark wie in der Werbung versprochen werden sie unter diesen Bedingungen von dem Produkt garantiert nicht.

Auch in den weiteren Tests des „Markenchecks“ schnitt Nestlé übrigens schlecht ab: Die Preise seien verhältnismäßig sehr hoch, der Geschmack nur mittelmäßig und der Gesundheitseffekt der Fertigprodukte auch in Deutschland bedenklich.

Mehr zu den Ergebnissen findet ihr hier im Video.

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