POLITIK
28/09/2015 12:57 CEST | Aktualisiert 28/09/2015 17:40 CEST

Liebe Marathon-Läufer: Wie frech seid ihr eigentlich, meine ganze Stadt für euren dummen Ego-Quatsch lahmzulegen?

Getty Images

Lieber Läufer!

Am Sonntag war es wieder so weit. Berlin-Marathon. Oder, besser gesagt: die jährlich stattfindende Matchbox-Olympiade für alle, denen das Schicksal keine Profisportkarriere vergönnt hat.

Ich war selbst jahrelang Amateursportler. Für mehr hat es nicht gereicht. Als Fußballer musste ich mich dann eben damit zufriedengeben, dass ich auf den mit eiskalten Pfützen durchsetzten Kicker-Ackern in Kleinkrümelsdorf oder Oberklopperheim spielen musste. Das Westfalenstadion oder die Allianz-Arena waren für mich sagenhafte Orte, deren Einlauftunnel ich immer nur im Konjunktiv durchschritt.

Doch euch reicht der Konjunktiv nicht. So wahr ihr während eurer Trainingsphasen täglich irgendwelche „runtastischen Aktivitäten“ postet und sie mit geistesverlorenen Sinnsprüchen wie „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum!“ überschreibt.

Ihr wollt hechelnd an der Siegessäule vorbeilaufen. Am Ku’damm nach Luft japsen. Und vor dem Brandenburger Tor zusammenbrechen. Ihr findet euch geil dabei, euren privaten Kampf gegen den „inneren Schweinehund“ (andere würden sagen: den Vernichtungskrieg gegen den eigenen Körper) inmitten einer Weltstadt auszutragen. Drunter macht ihr es nicht.

Das Problem ist nur, dass euch diese Stadt nicht gehört.

Versteht mich nicht falsch: Ich hab nichts gegen Marathonläufe an sich. Vielleicht würde ich euch sogar mal besuchen kommen, wenn ihr irgendwo am Stadtrand laufen würdet. Sagen wir am Müggelsee, in Marzahn oder Hohenschönhausen. Dort ist es auch ganz toll flach, da ließen sich ebenfalls super Zeiten erzielen. Und urbane Hochausarchitektur gäbe es noch gratis dazu!

Aber nein, stattdessen musstet ihr ausgerechnet dort wieder eure Plastebecher auf dem Asphalt platt trampeln, wo die Lebensadern der gesamten Stadt zusammenlaufen: in deren Zentrum. Buslinien wurden umgeleitet. Tramstrecken gekürzt. Autofahrer mieden das gesamte Wochenende über den Laufstall aus stählernen Streckenbarrieren, den man für euch gebaut hatte.

Und auch die Radfahrer schauten dumm aus der Wäsche, weil selbst Stunden nach dem Zieleinlauf der tatsächlichen Weltklassesportler noch Läufergnome mit Seitenstechen durch die Straßen humpelten. Ob diese Menschen überhaupt noch etwas von der Stadt gesehen haben? Für diese Athleten-Azubis wurde jedenfalls die Stadt bis in den späten Sonntagnachmittag hinein in Geiselhaft genommen. Nach dem Motto: Alle Räder stehen still, wenn Moni Schneider keuchen will.

Ich hätte meinen Frieden mit euch gemacht, wenn es mit dem Zielsturz des letzten laufenden Untoten vorbei gewesen wäre. Aber dann ging es erst so richtig los.

In der 24-Stunden-Apotheke am Hauptbahnhof etwa, wo sich Grippe- und Erkältungspatienten in die langen Schlangen hinter den Lauf-Berserkern einreihen mussten. All die Haxengequetschten, die Kniezermatschten, die Rückenzermergelten und die Fußpürierten begannen das Beratungsgespräch mit dem entscheidenden Satz: „Wissen Sie, ich bin heute Marathon gelaufen.“ Als ob das die wirklich sehr nachsichtigen Apothekerinnen nicht schon am freudlosen Blick und dem ausgezehrten Gesicht erkannt hätten.

Und dann die Medaillen. Wer hat sich eigentlich diesen Quatsch ausgedacht? Ich dachte, es ging gegen den Kampf gegen die Uhr, um den Beweis des eigenen Willens oder einfach um einen schönen Vormittag bei heiter bis wolkigem Wetter. Weshalb braucht man da ein Stück Metall, das einen an dieses Erlebnis erinnert?

Bis in den späten Abend hinein war Berlin voller Medaillenträger. Das Heldenmal baumelte auf Trainingsjacken, wurde geschickt zwischen den Reißverschlussseiten einer geöffneten Strickjacke platziert oder lag abends in der Kneipe auch einfach nur auf dem Tisch.

Und spätestens jetzt begriff ich, worum es beim Berlin-Marathon eigentlich ging: um das Gesehenwerden.

Als ob die ganzen Selbstoptimierer noch nicht genug wären, die sich im Feld ihre eigene Leistungsfähigkeit beweisen wollen, die sie dann unter der Woche für einen langweiligen Schreibtischjob verjuxen, bei dem man graue Anzüge tragen muss. Aber die Narzissten verfolgen einen. Noch Tage später. Wenn man mit ihnen bei Facebook befreundet ist, sogar über Monate und Jahre.

Und weil so viele gesehen werden wollen, wird der Berlin-Marathon auch niemals in Marzahn stattfinden. Die einzigen, die dort zuschauen würden, wären Oma Katinka und Opa Juri, die mit ihren Kissen im Hochhausfenster lägen und Erdnussflips äßen.

Wir werden uns also dran gewöhnen müssen. Denn auch im nächsten Jahr werden die Bananenschalen und Geltütchen wieder Zeugnis ablegen für Hedonismus und Selbstoptimierungswahn. Und auch nächstes Jahr werden wir anderen uns wieder still fragen müssen: Sollten wir uns vielleicht auch mal mehr bewegen? Danke dafür ...

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite