POLITIK
26/09/2015 07:52 CEST | Aktualisiert 26/09/2015 08:54 CEST

Es gab Gerüchte, Flüchtlinge würden seinen Edeka leer klauen. Der Inhaber beschloss zu handeln

dpa
Ein Edeka-Inhaber wehrt sich gegen Gerüchte, Asylbewerber würden seinen Laden leerklauen.

Michael Wollny ist Inhaber eines Supermarkts im bayerischen Friedberg. Zuletzt machten in der 30.000-Einwohner-Stadt und in den Sozialen Netzwerken böse Gerüchte die Runde: Asylbewerber würden Wollnys Edeka-Filiale buchstäblich leer klauen. Die Medien würden das Thema totschweigen, damit vor Ort keine Unruhe entstehe, so hieß es.

Der Wahrheitsgehalt der ganzen Sache? Laut Wollny gleich Null.

Der Supermarktinhaber wollte die Gerüchte nicht einfach auf sich sitzen lassen. In einem bewegenden Facebook-Post machte Wollny nun deutlich, was er von denjenigen hält, die an die Gerüchte vom massenhaften Diebstahl glauben: "Wer dieses Märchen unreflektiert aufnimmt und weiter erzählt, der erzählt absoluten Bullshit", schreibt er.

Sein kompletter Post vom 17. September, den bisher mehr als 14.000 User geliked haben und der über 8.000 Mal geteilt wurde, liest sich so:

"Ich bin immer noch schockiert, und auch ein bisschen wütend darüber, wie bereitwillig Menschen Gerüchte annehmen und weiter tragen. Obwohl ich sonst ein eher ruhiger und unpolitischer Mensch bin, würde ich es in diesem Fall für sträflich halten, unkommentiert stehen zu lassen, was heute an mich heran getragen wurde.

In knappen Worten berichtet, macht wohl gerade das Gerücht die Runde: "Bei EDEKA Wollny klauen die Asylanten den Laden leer, aber die Medien dürfen es nicht berichten, damit keine Unruhe aufkommt."

Kurze und knappe Antwort von dem, der es wohl am Besten weiß (und das bin ich als Inhaber): Wer dieses Märchen unreflektiert aufnimmt und weiter erzählt, der erzählt absoluten Bullshit!

Die Asylbewerber, die bei uns einkaufen, erlebe ich als kultivierte und größtenteils gebildete Menschen, die dankbar sind, wenn sie ein paar Tipps oder Hilfe bei der Aktivierung ihrer Simkarten bekommen. Die, mit denen ich die Freude hatte, mich unterhalten zu können, sind froh, den beschwerlichen Teil der Reise hinter sich zu haben und dankbar, wenn ihnen jemand wohlwollend begegnet. Manchmal habe ich das Gefühl, ein ehrliches Lächeln saugen diese Menschen auf wie der Schwamm das Wasser.

Den Kunden, die bei mir schon seit jeher einkaufen (und ich betone immer wieder aufrichtig und voller Stolz, dass ich die BESTEN Kunden habe!), stehen sie an Höflichkeit und Geduld in nichts nach, außer dass sie die deutsche Sprache (noch) nicht beherrschen. In all den Jahren, die ich den EDEKA-Markt in Friedberg jetzt führe, wurde ich selten so häufig mit einem Handschlag und einem herzlichen "Dankeschön" (bzw. "thank you") verabschiedet wie das jetzt bei den derzeit hier lebenden Asylbewerbern der Fall ist.

Nein, ich bin ganz sicher kein Sozialromantiker, und der Herausforderungen, die uns und diese Menschen noch erwarten, bin ich mir sehr wohl bewusst. Ich weiß aber auch, dass niemand uns verbietet, ein guter Mensch zu sein! Angst aber - Angst vor dem Unbekannten, oder Angst, an dem Gerücht, das die Nachbarin erzählt hat, könnte was dran sein - hindert uns, das Gute zu zeigen, was in uns ist.

Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen: ICH habe keine Angst vor diesen Menschen, die nach einem langen und beschwerlichen Weg einfach nur das Gefühl haben wollen, irgendwo willkommen zu sein.

Wer weiter gehende Fragen zu diesem Thema hat, darf mich gerne in meinem Markt oder hier auf Facebook ansprechen, bevor er irgendwelchen halbgaren Gerüchten Glauben schenkt, die gerade die Runde machen.

Der Beitrag darf selbstverständlich gerne geteilt und/oder kommentiert werden".

Ich bin immer noch schockiert, und auch ein bisschen wütend darüber, wie bereitwillig Menschen Gerüchte annehmen und...

Posted by Michael Wollny on Donnerstag, 17. September 2015


Zwei Tage später veröffentlichte Wollny, offenbar überrascht von der großen Resonanz seines vorherigen Posts, ein weiteres Statement auf seiner Facebook-Seite. Darin schrieb er, dass er es zwar nicht ausschließen könne, dass auch mal ein Asylbewerber bei ihm klauen werde.

"Allerdings gerät mein Weltbild nicht aus den Fugen, wenn ich den ersten Syrer, Iraker oder Pakistani der Polizei übergeben muss, weil er eine Tafel Schokolade, eine Schachtel Zigaretten oder ein Haargel 'eingesteckt' hat. Ich werde auch weiterhin in meinem Markt und mit meinen Kunden nach dem Prinzip 'gleiches Recht für alle' verfahren, und zwar ungeachtet des Alters, der Religion und der Nationalität".

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