25/09/2015 06:05 CEST | Aktualisiert 18/11/2015 04:41 CET

Hände weg vom Lenkrad!

New Mobility World

Der Outdoor-Parcours der New Mobility World auf der Freifläche F12 liegt zwar am Rand der Internationalen Automobil Ausstellung in Frankfurt, aber der Weg dorthin lohnt sich: Als Beifahrer oder Zuschauer können die Besucher hautnah die neuesten Fahrerassistenzsysteme erleben, wie sie mit automatischen Ausweich- und Bremsmanövern den Fahrer reaktionsschnell unterstützen.

Mit einer Geschwindigkeit von rund 60 Kilometern pro Stunde fährt der schwarze Opel auf das im Outdoor-Parcours aufgestellte Hindernis zu. Markus, der Fahrer, macht keine Anstalten zu bremsen oder auszuweichen. Im Gegenteil, demonstrativ nimmt er die Hände vom Lenkrad, während der Wagen scheinbar unaufhaltsam dem Crash entgegensteuert. Plötzlich dreht sich das Lenkrad wie von Zauberhand bewegt entgegen dem Uhrzeigersinn und der Wagen fährt links am Hindernis vorbei. Dann folgt eine ebenso schnelle Drehung des Lenkrads nach rechts und der Opel ist wieder in der Spur. Möglich macht dieses Ausweichmanöver ein von ZF entwickeltes Kamerasystem, dass die Gefahrensituation erfasst und die autonome Reaktion des Wagens auslöst. „In der Öffentlichkeit ist das Thema autonomes Fahren noch etwas mit Angst besetzt, weil manche Autofahrer fürchten, die Kontrolle über das Fahrzeug an die Maschine zu verlieren“, sagt Dirk Ernst, der als Programmdirektor den Outdoor-Bereich der New Mobility World leitet. Hier zeigen die großen deutschen Zulieferer Bosch, Continental und ZF ihre neuesten Entwicklungen. „Bei uns können die Besucher live erleben, was es heißt, teilautonom zu fahren.“ Fahrerassistenzsysteme, die es schon seit einigen Jahren in den Fahrzeugen gibt, sind ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zu einem selbst fahrenden Auto, wie es Google mit seinem Prototyp bereits umfangreich testet.

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Der Notbremsassistent erkennt die Gefahr und löst den Bremsvorgang in Sekundenbruchteilen aus. Dadurch kommt das Fahrzeug rechtzeitig vor dem Hindernis zum Stillstand.

Die zweite Testfahrt mit einem bordeauxroten Jaguar, der von Jörg gesteuert wird, stellt eine typische Gefahrensituation im Straßenverkehr dar: Ein spielendes Kind rennt auf die Straße. Jörg fährt mit einer Geschwindigkeit von rund 30 Kilometer pro Stunde an einer Reihe geparkter Fahrzeuge vorbei, als plötzlich eine Kinderattrappe auf die vor ihm liegende Straße gezogen wird. Blitzschnell setzt der automatische Notbremsvorgang ein und der Jaguar bleibt vor dem Hindernis stehen. Das Display im Armaturenbrett zeigt an, dass der Bremsvorgang nur 0,2 Sekunden nachdem die im Wagen eingebaute Kamera die Attrappe als Gefahr erkannt hatte, ausgelöst wurde. „Selbst ein sehr aufmerksamer und reaktionsschneller Fahrer benötigt mindestens eine Sekunde dafür. Rechnet man den in 0,8 Sekunden zurückgelegten Weg aus, kommt man auf 6,4 Meter. Das kann den Unterschied ausmachen, ob man rechtzeitig zum stehen kommt oder nicht“, erklärt Jörg den Vorteil des Notbremssystems.

„Wenn man selbst erlebt, wie diese Systeme helfen und schützen, dann verliert man die emotionale Scheu davor, das Lenkrad tatsächlich loszulassen“, sagt Dirk Ernst. „Ziel der in unserem Outdoor-Parcours gezeigten Systeme wie dem Notbrems- und dem Ausweichassistent ist es, die Sicherheit im Straßenverkehr für alle zu erhöhen. Also nicht nur für Autofahrer, sondern auch für Radfahrer und Fußgänger.“ Das zeigt auch der von Continental entwickelte Linksabbiege-Assistent Car-to-X. Linksabbiegen oder auch Überholvorgänge können gefährlich werden, wenn der Autofahrer den Gegenverkehr übersieht. Der Linksabbiege-Assistent löst ebenfalls einen automatischen Bremsvorgang aus, wenn andernfalls ein Zusammenstoß droht.

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Bosch hat einen Baustellenassistenten entwickelt, mit dem das Fahrzeug automatisch in der Spur gehalten wird. Der Einfahrt-Höhen-Assistent warnt den Fahrer, wenn seine Dachladung zu hoch für den Carport ist.

Für mehr Sicherheit sorgen auch zwei weitere Helfer im Auto: Für viele Fahrer sind Autobahnbaustellen – besonders auf der linken Spur – stressig. Der Baustellen-Assistent hilft dem Fahrer mit entsprechenden Sensoren, das Fahrzeug in der Spur zu halten, in dem er nach links und rechts denselben Abstand einhält. „Das Lenkrad wird dabei mit einer Kraft von drei Newtonmetern gesteuert. Das erlaubt es dem Fahrer, zur Not steuernd einzugreifen und die Kontrolle über das Fahrzeug zu behalten“, erläutert Jörg, der auch den Einfahrt-Höhen-Assistent vorführt: Autofahrer haben oft Probleme damit, die Höhe ihres Fahrzeugs richtig abzuschätzen, wenn ein Dachgepäckträger mit Fahrrädern oder eine Skibox montiert sind. Hier muss lediglich vorher die exakte Höhe des Fahrzeugs gemessen und in das Display eingegeben werden. Sollte eine Carport-Einfahrt zu niedrig für das Fahrzeug sein, erkennt das von Bosch entwickelte Assistenzsystem die Gefahr und stoppt den Wagen, bevor es zum Schadensfall kommt.

Parkassistenten sind grundsätzlich nicht neu, doch das von Continental entwickelte automatisierte Ein- und Ausparken geht tatsächlich einen Schritt weiter. Mit dem Remote-Parking muss der Fahrer nicht einmal mehr im Auto sitzen, sondern kann sein Auto via Smartphone-App in die Parklücke steuern. Damit können auch engere Parkplätze problemlos genutzt werden. Um den verfügbaren Parkraum in Zukunft noch besser nutzen zu können, hat ZF ein „Advanced Urban Vehicle“ entwickelt, das – ebenfalls via App – sogar in engsten Lücken ein- und ausgeparkt werden kann.

Besucher der IAA haben noch bis zum 27. September jeden Tag die Möglichkeit, nach Voranmeldung im Outdoor-Parcours auf der Freifläche F 12 mitzufahren. Zudem gibt es für Zuschauer täglich Live-Vorführungen von 11 bis 15 Uhr jeweils zur vollen Stunde.

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Das von ZF entwickelte „Advanced Urban Vehicle“ kann per App selbst in engste Parklücken fahrerlos ein- und ausgeparkt werden.