WIRTSCHAFT
24/09/2015 19:02 CEST | Aktualisiert 25/09/2015 06:00 CEST

Die VW-Krise offenbart die hässliche Seite des Kapitalismus

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Die VW-Konzernzentrale in Wolfsburg

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte könnte der größte Schaden in der Konzerngeschichte von VW werden - und den Wolfsburger Hersteller mehr Umsatz kosten als jede Wirtschaftskrise. Experten sehen VW sogar schon in die Insolvenz rutschen, wenn die Affäre nicht schnell aufgeklärt wird.

Nachdem die ersten Nachrichten über die Affäre bekannt wurden, fiel der Aktienkurs des Autokonzerns zwischenzeitlich um 40 Prozent. Der Imageverlust wird VW wohl noch weitaus teurer zu stehen kommen als Sanktionen der US-Behörden und Zivilklagen. Um es kurz zu machen: Die Dieselaffäre ist ein Megadesaster.

Aber wieso hat VW für bessere Abgaswerte ein so hohes Risiko auf sich genommen?

Eine mögliche Erklärung ist: VW wollte immer mehr und immer billiger. Der inzwischen zurückgetretene Chef Martin Winterkorn wollte aus VW den größten Autokonzern der Welt machen und immer mehr Autos mit mehr Gewinn verkaufen. Daran ist nichts anrüchig - denn der Drang zum Mehr und Billiger gehört zu den Grundregeln des Kapitalismus. VW scheint dieser Drang jetzt zum Verhängnis geworden zu sein.

Das US-Geschäft ist umkämpft

Dabei hat der Wolfsburger Konzern lediglich das gemacht, was jedes Unternehmen tut, das seinen Gewinn maximieren will: Er hat die Kosten gesenkt. Das Problem dabei ist aber: In diesem knallharten Konkurrenzkampf hat VW übertrieben - und die Verantwortlichen haben sich dem Druck der Konzernspitze und des Marktes gebeugt.

Der Markt für Dieselautos in den USA ist extrem umkämpft. Nur jede 20. Neuzulassung ist dort ein Diesel. Trotzdem ist das Segment für deutsche Hersteller besonders wertvoll: An ihrem US-Geschäft liegt der Diesel-Anteil im zweistelligen Bereich, also überdurchschnittlich hoch. Übersee galten die Fahrzeuge lange Zeit als schmutzig und ineffizient. Autos, die mit Diesel eine gute Umweltbilanz abliefern, sind allerdings teurer zu bauen.

Ein billiger Filter war VW zu teuer

Teurer bedeutet: 100 Euro Aufschlag. So viel kostet es, einen effizienteren Abgasfilter in einen Dieselwagen einzubauen, wie ein Experte des International Council on Clean Transportation dem "Manager-Magazin" sagte. Andere Experten gehen sogar von nur 77 Euro Zusatzkosten aus.

100 Euro mehr pro Wagen - das ist nicht viel, könnte man meinen. Aber Volkswagen hat sich auf einen extremen Sparkurs eingelassen. Man könnte sagen: Der größte Autobauer der Welt ist dabei, sich kaputtzusparen. Der Vorstand verfolgt einen ehrgeizigen Plan: Ab 2017 sollen die Kosten um drei bis fünf Milliarden Euro sinken. Der Verkauf eines Autos mit VW-Emblem bringt einen Gewinn von rund zwei Prozent - beim Konkurrenten BMW sind es um die zehn Prozent. VW-Manager stehen also unter einem extremen Druck, das Unternehmen profitabler zu machen.

Anleger erwarten mehr Rendite

VW setzt - auch wegen der Macht von Gewerkschaften - noch stark auf Fertigung in Deutschland. Was vielen als vernünftig und rechtschaffen vorkommt, ist wegen der Lohnkosten aber ein Ärgernis für Konzernspitze und Anleger, weil es auf den Gewinn drückt. Volkswagen ist unter den deutschen Autokonzernen der unrentabelste. Das kommt bei Aktionären nicht gut an: Im Schnitt der vergangenen zehn Jahre war die Konzernaktie im Verhältnis zum Gewinn die am drittschlechtesten bewertete im Deutschen Aktienindex.

Zuletzt suchte VW offenbar nach der günstigsten Möglichkeit, mit seinen Dieselautos die strengen Abgaswerte der USA zu erfüllen. Die Lösung war eine Softwaremanipulation bei Tests statt eines hochwertigen Filters. Das hat sich nun gerächt.

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