POLITIK
24/09/2015 17:23 CEST | Aktualisiert 25/09/2015 03:52 CEST

Suche nach den Schuldigen: 11 traurige Fakten zum Unglück in Mekka mit über 700 Toten

Getty
Der Prinz von Saudi-Arabien, Muhammad bin Salman, hat gerade ganz andere Probleme

Der Hadsch ist wie die größte temporäre Völkerwanderung der Welt. In diesem Jahr haben sich laut saudi-arabischen Medien rund drei Millionen Muslime auf den Weg gemacht nach Mekka, um dort an der islamischen Pilgerfahrt teilzunehmen. 1,4 Millionen von ihnen kommen aus dem Ausland.

Für Moslems ist der Hadsch das heiligste Ereignis des Jahres. Umso erschütternder ist es, dass genau zu dieser Zeit regelmäßig Unglücke geschehen, die teils hunderte Opfer fordern.

Eines der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte Saudi-Arabiens hat sich an diesem Donnerstag ereignet. Nun beginnt die Suche nach den Schuldigen. Hier sind 11 traurige Fakten über die Katastrophe in Saudi-Arabien.

1. Eine Massenpanik war Schuld an dem Unglück. In der Zeltstadt im Tal von Mina trafen am Donnerstagmorgen zwei Pilgergruppen aufeinander. Dort übernachten die Pilger und machen sich am Morgen auf den Weg zu den Dschamarat-Säulen, wo sie die Stelen, die den Teufel symbolisieren sollen, mit Kieselsteinen bewerfen.

2. Auf engem Rau befanden sich zu viele Menschen, die Lage eskalierte. "Alles war sehr chaotisch und plötzlich gingen Menschen zu Boden", schilderte BBC-Reporterin Tchima Illa Issoufou die Situation. "Die Leute stiegen einfach über die Menschen, die am Boden lagen. So kamen viele ums Leben." Über 700 Gläubige starben, rund 800 wurden verletzt.

3. Die ganze Welt fragt sich, wie es zu dem schrecklichen Vorfall kommen konnte. “Das Paradoxe ist, dass die Saudis extrem viel Geld in die Infrastruktur ihres Landes stecken, um solche Szenarien zu vermeiden”, sagte Nahost-Experte Robert Chatterjee der Huffington Post. “Da muss man sich fragen, ob die Qualität der Sicherheitsmaßnahmen nicht ausreicht.”

4. Das Königshaus steht unter Druck, das Unglück aufzuklären. “Der Hadsch ist das transparenteste Ereignis in Saudi-Arabien. Er ist so ziemlich das Einzige, was nach außen dringt”, so Chatterjee. Das Königshaus kann eine Katstrophe diesen Ausmaßes deshalb nicht einfach unter den Tisch fallen lassen.

5. Schuldige müssen her. Der König will schließlich nach all den Unruhen seit dem Arabischen Frühling 2011 keinen weiteren Aufstand der Bevölkerung riskieren. Es sei sehr wahrscheinlich, dass das Königshaus wie schon bei den vergangenen Unglücken einen Sündenbock suchen werde, sagt Chatterjee.

6. “Wer am Schluss verantwortlich gemacht wird, sind die Wallfahrt-Agenturen.” Über diese Agenturen buchen die Pilger ihre Reise nach Mekka. Sie sind auch für die Organisation vor Ort zuständig. Das bedeutet, sie müssen für einen reibungslosen Ablauf auf der Wallfahrtsstrecke sorgen und die Pilger in Gruppen wie durch einen Parcours schleusen.

7. Ein Fehler im Ablauf kostete Hunderte das Leben. Als die Massenpanik ausbrach, befanden sich an dem Ort des Unglücks gerade mal um die 4000 Pilger. Auf die Gesamtsumme von über drei Millionen gesehen, ist das eine überschaubare Menge. Es könnte einen Fehler im Ablauf gegeben haben, verschuldet durch eine oder mehrere der Agenturen. “Vielleicht müssen Behördenleiter oder Beamte ihren Posten räumen”, vermutet Chatterjee.

8. Was sind also die Folgen für Saudi-Arabien? Nach Einschätzung des Experten wird das Land als Reaktion auf das Unglück noch mehr in Infrastruktur investieren. Das hat aber zur Folge, dass immer mehr von Mekkas historischem Stadtkern verschwindet. “Viele beklagen schon, Mekkas Innenstadt gleiche inzwischen einem Parkplatzgelände”, sagt der Experte. Es sei auch fraglich, ob es das Risiko für weitere Katastrophen verringere, wenn der Staat noch mehr Geld in Modernisierung pumpe.

9. Häufen sich solche Ereignisse, kann das die Stimmung prinzipiell gegen die Herrscher wenden, glaubt Menno Preuschaft, Saudi-Arabien-Experte an der Universität Münster. "Es herrscht zwar Unmut in einigen Teilen der Bevölkerung. Zugleich sind viele Saudis aber auch an stabilen, sicheren politischen Verhältnissen interessiert: Die Lehre aus den "Arabellionen" ist für viele sicherlich, diese – mit dem Preis der Unfreiheit gezahlte – Sicherheit nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen", sagte er der Huffington Post.

10. Insgesamt bedeutet das Unglück für Saudi-Arabien ein Problem, sowohl nach außen als auch nach Innen. "Saudi-Arabien tritt als Wächter der heiligen Stätten auf und sind sich als rechtmäßiger Patron auch über die Hajj an. Das bedeutet auch, dass das Land für die Sicherheit der Gläubigen höchste Verantwortung trägt", sagt Preuschaft. Zugleich verfüge das Königshaus über immensen Reichtum, was die Frage aufwerfe, weshalb es ihnen nicht gelingt, solche Unglücke zu verhindern.

11. Die saudische Führung allerdings hat gerade drängendere Probleme. “Der Jemen-Konflikt ist die Feuerprobe für den 30-jährigen saudischen Prinzen Muhammad bin Salman”, erklärt Chatterjee. Der Sohn des aktuellen Königs muss als jüngster Verteidigungsminister der Welt beweisen, dass er den Konflikt lösen kann.

Seit bin Salman vor einem halben Jahr das Amt übernommen hat, wird die Führung von Seiten der Bevölkerung kritisch beäugt. “Schafft das Königshaus nicht, den Bürgerkrieg dort in den Griff zu kriegen, kann das für die saudische Führung zum viel größeren Problem werden als das Unglück in Mekka”, sagt der Nahost-Experte. Mehrere tausend Menschen wurden nach UN-Angaben bei dem Konflikt zwischen der jemenitischen Regierung und schiitischen Huthi-Milizen bereits getötet. Mit massiven Luftschlägen hat eine arabische Militärkoalition unter Führung von Saudi-Arabien in den Bürgerkrieg im Jemen im Juni diesen Jahres eingegriffen.

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