POLITIK
23/09/2015 16:13 CEST | Aktualisiert 24/09/2015 09:39 CEST

Eine Berliner Firma will Ungarn keinen Stacheldraht liefern - und verzichtet auf viel Geld

Getty

Es ist das Symbol der Flüchtlingskrise: Der Zaun an der ungarisch-serbischen Grenze sorgt seit Monaten für heftige Diskussionen. Über Ungarn. Über Menschlichkeit. Über das neue Selbstverständnis in Europa.

Europas neuer Eiserner Vorhang ist 175 Kilometer lang, soll Flüchtlinge abhalten und ist auf den Mist von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán („Wir wollen keine multikulturelle Gesellschaft“) gewachsen. Während Europa früher Zäune niederriss, errichtet es heute neue - und führt es zurück in eine gefährliche Kleinstaaterei.

Doch Orbáns Zaun aus teurem Nato-Draht bedeutet nicht nur einen ideologischen Schritt zurück in finstere Zeiten diktatorischer Abschreckung - er ist auch eine völlig sinnlose Gefahr für die vielen Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Westeuropa sind.

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(Ein Teil des ungarisch-serbischen Grenzzauns, den Ungarns Regierungschef Viktor Orbán in wenigen Wochen hat errichten lassen. Credit: dpa)

Nato-Draht ist gefährlicher als Stacheldraht. Die rasiermesserähnlichen Schneiden können lebensgefährliche Schnittwunden verursachen. Nur wer völlig verzweifelt ist, versucht, den gefährlichen Zaun hinter sich zu lassen.

Talat Deger aus Berlin verdient sein Geld mit der Abschottung. Seine Firma Mutanox stellt Gittermatten für Zäune und Lochbleche her. Auch Nato-Draht kann man bei dem Unternehmen bestellen. Und vor kurzem hätte Deger ein gutes Geschäft machen können. Ein ziemlich gutes sogar.

Orbáns Regierung brauchte für seine Grenzschließung vor einigen Wochen Tausende Rollen Draht. Neben anderen internationalen Unternehmen erhielt auch Mutanox eine Anfrage aus Ungarn. Doch Deger lehnte ab - und verzichtete auf rund eine halbe Million Euro.

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(Die Mutanox-Chefs Murat Ekrek (l.) und Talat Deger wollen Ungarns Regierungschef Viktor Orbán keinen Nato-Draht verkaufen. Credit: Mutanox)

„Ungarn hat den Nato-Draht zweckentfremdet. Herr Orbán nimmt in Kauf, dass sich Menschen daran verletzten oder sogar daran sterben können", sagt der Mutanox-Chef der HuffPost. Daher habe er sich entschieden, keinen Draht nach Ungarn zu liefern.

Der Draht, den seine Firma produziere, sei dazu da, um Einbrüche oder Diebstähle zu verhindern, sagt Deger. "Die Flüchtlinge sind aber alles andere als Kriminelle. Das sind harmlose Menschen, die um ihr Leben fürchten".

An Aufträgen dürfte es Mutanox trotzdem nicht mangeln. Ihr Stacheldraht schützt Handelsschiffe vor Piratenangriffen und Windparks vor Einbrechern. Die Entscheidung, sich nicht an Orbáns Schutzwall gegen Flüchtlinge zu beteiligen, sei spontan gefallen, erklärt Deger.

Dafür hat sein Unternehmen bereits viel Lob erhalten. "Es gab aber auch schon wüste Beschimpfungen in einigen Mails, wir seien Nazis und linke Schweine", sagt Deger. Doch da stehe er drüber.

Und auch seine Angestellten stehen hinter der Entscheidung. "Die fanden das alle gut", sagt der Mutanox-Chef.

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