POLITIK
23/09/2015 15:14 CEST | Aktualisiert 24/09/2015 07:03 CEST

Ayham Ahmad: Tagebuch einer Flucht nach Europa

Für vier lange Jahre syrischer Bürgerkrieg hat Ayham Ahmad es irgendwie geschafft, das Unerträgliche zu ertragen.

Der 27-Jährige Musiker zog mit seinem Piano in die Straßen von Yarmouk, einem palästinensischen Flüchtlingscamp nahe Damaskus, und spielte Lieder über den Überlebenskampf, begleitet von einem Chor aus Familie, Freunden und Kindern aus der Umgebung. Sie sangen von Hunger, geflohenen oder ermordeten Freunden und ihrem Wunsch nach Frieden.

Erst war er gegen eine Flucht

Nachdem die Extremisten des Islamischen Staats das Camp im April stürmten und die al-Quaeda-nahe Nusra Front ihre Kontrolle über das Gebiet ausweitete, verließ Ahmad Yarmouk, gemeinsam mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Tochter. Kurze Zeit später wurde Ahmad von Mitgliedern des IS aufgehalten, als er sein Piano aus dem Camp holen wollte. Die Islamisten verbrannten das Instrument vor seinen Augen.

Ahmad, der in seinen Liedern einst Syrer und Palästinenser anflehte, nicht auf der Flucht nach Europa ihr Leben zu riskieren, beschloss endgültig, dass es an der Zeit war, zu gehen.

Ahmad machte sich auf den Weg, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen und dokumentierte seine Reise auf Facebook unter dem Titel “Diaries of a Traveler in the Sea” (“Tagebücher eines Seereisenden”).

Er sendete der Huffington Post außerdem Bilder und Sprachnachrichten auf Arabisch, die seine Reise dokumentierten. Sie sind im Folgenden mit seinen Facebook-Posts zusammengestellt, damit Ahmad seine Odyssee mit seinen eigenen Worten erzählen kann.

Diese Geschichte wird laufend aktualisiert, während Ahmad auf seiner Reise ist und von unterwegs erzählt.

ahmads reise


Weg aus Syrien

Anfang September


ahmad in syrien

Ich verließ das Camp, als das Leben aufhörte. Es war der Wendepunkt. Ich musste weg.

Ich verließ Yarmouk und ging nach Damaskus. Aber dort litt ich noch mehr. Also reiste ich nach Homs, und von Homs nach Hama, und von Hama zur türkischen Grenze. Die Reise kostete mit Zahlungen an die Schlepper um die 5000 Dollar und es gab viele Probleme auf dem Weg.

Menschen schliefen in Parks

Ich wanderte zu Fuß fünf Stunden lang durch die Berge, um nach Antakya, an der syrisch-türkischen Grenze zu gelangen. Dort stieg ich in einen Bus und fuhr 16 Stunden lang bis nach Izmir.

Ich habe viel gesehen auf dieser seltsamen Reise. Die Schlepper nahmen unser Geld, versprachen und aber keine sichere Ankunft. Auf der Reise waren mit mir viele Syrer und Palästinenser unterwegs, die mit uns in Syrien gelebt hatten.


Die Suche nach einem Boot

10. September 2015


ahmad in izmir

Als ich in Izmir ankam, sah ich viele Menschen, die ihre Tage und Nächte auf der Straße, in Moscheen und in Parks verbrachten, weil sie kein Geld hatten, um ins Hotel zu gehen.

Überfahrt kostet 1250 Dollar

Ich beschloss, mit einem Schlauchboot nach Europa überzusetzen, aber dann sah ich die Boote, auf denen circa 70 Menschen zusammengepfercht aufeinandersaßen, gestapelt wie Streichhölzer.

Der Anblick dieser Boote weckte in mir ein Gefühl der Schwäche. Aber ich wusste, dass ich nicht aufgeben durfte und diese Reise hinter mich bringen musste. Für meine Kinder Ahmed und Kenan, für meine Mutter, meinen Vater und für meine Frau. Ich musste es bis nach Deutschland schaffen. An einen guten Ort für meine Familie. Also fasste ich den Entschluss, trotzdem eines dieser Schlauchboote zu nehmen. Für rund 1250 Dollar.

Als wir das Schlauchboot betraten, konnten wir erkennen, dass der Motor verrostet war und seine besten Tage hinter sich hatte. Er sprang erst nach mehreren Versuchen überhaupt an. Der Schlepper tat nichts, um uns zu helfen. Er brüllte und schrie einfach nur Menschen an. Haie kreisten um das Boot. Sehr nah an mir vorbei.

Also beschlossen wir, zu warten und es am nächsten Morgen erneut zu versuchen.


Die Überfahrt

16. September 2015


ueberfahrt

Das Boot sollte um fünf Uhr morgens ablegen. Der Schlepper sagte uns, dass wir unsere Telefone nicht anschalten, nicht rauchen und keinerlei Licht anschalten dürften. Damit uns die türkische und die griechische Küstenwache nicht entdeckte. Ich schlief ungefähr eine Stunde im Wald.

Gott hat uns beschützt

Als ich aufwachte, sah ich ein paar Typen, mit denen ich reiste. Sie bereiteten das Schlauchboot vor. Eigentlich sollte das der Schlepper machen, aber wir wollten sicher ankommen. Also beschlossen wir, es lieber selbst zu machen. Wir hatten eine Abmachung mit dem Schlepper, dass er nicht mehr als 40 Personen auf das Boot lassen würde, aber am Ende waren wir 67 und sehr viel Gepäck.

Das Wasser des Meeres sah aus wie das Schwarze Meer oder das Mittelmeer. Die Wellen waren hoch. Aber an dem Tag, als wir ablegten, war das Wasser glatt und ruhig. Gott sei Dank. Wir haben Gott vertraut und Gott hat uns beschützt.


Ankunft an der Küste Europas

16. September 2015


يلي بين الامم تنادي من الشاطئ اليوناني كلمات الرائع المحاصر الاستاذ عمار حجوا هنا اليرموك

Posted by Aeham Ahmad on Mittwoch, 16. September 2015

Endlich erreichte ich die Grenze Europas, die griechische Insel Lesbos. Was ich dort sah, war grauenvoll. Ich sah viele Menschen, auch alte Menschen, die auf der Straße schliefen. Das war sehr traurig.

Ich bekam das Gefühl, dass Europa nicht schöner als mein Zuhause in Yarmouk war. Aber durch die Militärpräsenz im Camp, war das Leben dort unmöglich geworden. Ich will sobald wie möglich zurück in mein Zuhause, wenn sich die Situation bessert.

Europa ist ein Land der Freiheit. Jetzt, da ich in Europa bin, kann ich wieder über das Leben in Yarmouk und die Menschen, die dort leben, singen.

Rowaida Abdelaziz hat diesen Beitrag verfasst.

Auf Ahmads Facebook-Seite könnt ihr die weiteren Stationen seiner Reise verfolgen. Er ist mittlerweile sicher in München angekommen.

Dieser Text erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite