WIRTSCHAFT
23/09/2015 01:14 CEST | Aktualisiert 23/09/2015 05:47 CEST

Das sind die 6 größten Rätsel im VW-Skandal

DPA
Muss VW-Chef Winterkorn gehen?

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte bei VW erschüttert die Autobranche. Mit Spannung wird heute eine Reaktion des VW-Aufsichtsrates auf eine Videobotschaft von VW-Chef Martin Winterkorn erwartet. Das Gremium soll nach inoffiziellen Angaben heute an einem unbekannten Ort tagen. Winterkorn hatte am Dienstag öffentlich um Entschuldigung für Manipulationen von Abgastests bei VW-Dieselautos gebeten und rasche Aufklärung versprochen.

Es ist zu erwarten, dass auf dieser Sitzung neue Details über den Skandal bekannt werden. Hier sind die sechs größten Rätsel im VW-Skandal.

1. Wird der Skandal auf die Regierung übergreifen?

Volkswagen ist kein Unternehmen wie jedes anderes - es ist quasi ein Staatsbetrieb. Das Land Niedersachsen ist ein großer Anteilseigner an Europas größtem Autobauer. Sein Wirtschaftsminister Olaf Lies und Ministerpräsident Stephan Weil sind Mitglieder des mächtigen Konzern-Aufsichtsrats. Gleichzeitig sind die Autoindustrie und ihre Zulieferer Deutschlands wichtigste Branche.

Entsprechend stark ist ihr politischer Einfluss - VW-Chef Martin Winterkorn hat direkten Zugang zu Kanzlerin Angela Merkel. Lobbygruppen durften bei der Festlegung von Grenzwerten und dem Aufbau der Labors, in dem die Abgase gemessen werden, mitreden.

Der Bundesregierung war seit Langem bekannt, dass die Autohersteller bei Abgastests Software nutzen können, wie sie VW eingesetzt hat. Dies geht aus der Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen vom 28. Juli hervor, über die die Tageszeitung "Die Welt" berichtete.

Darin antwortete die Regierung, sie teile "die Auffassung der Europäischen Kommission, dass das Konzept zur Verhinderung von Abschalteinrichtungen sich in der Praxis bislang nicht umfänglich bewährt hat". Im Klartext: Der Bundesregierung war das Problem also bekannt - sie handelte aber auffallend passiv.

2. Welche Rolle spielte Winterkorn?

Es soll interne Untersuchungen im Konzern gegeben haben. Doch wir wissen immer noch nicht, wer im Konzern wann von den Manipulationen wusste. Natürlich steht insbesondere der Konzernchef Winterkorn unter Verdacht. Die Software wurde erstmals 2009 in Motoren installiert. Winterkorn wurde 2007 Vorstandsvorsitzender von VW. Fünf Jahre lang wurden die manipulierten Motoren ausgeliefert. Auch die Abgas-Affäre begann bereits im Mai 2014.

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Damals waren bei einer Untersuchung an einem Jetta und einem Passat in den USA überhöhte Abgaswerte aufgefallen. VW räumte die Manipulation erst ein, als die amerikanische Umweltbehörde EPA drohte, neuen Dieselmodellen in den USA die Zulassung zu entziehen. Fünf Jahre Produktion der Schummel-Motoren, ein Jahr EPA-Untersuchungen - schwer vorstellbar, dass Winterkorn davon nichts mitbekommen hat. Nach einem Bericht des "Tagesspiegels" soll sein Rücktritt deshalb schon längst beschlossen sein.

3. Warum hat VW die Motoren manipuliert?

Rätselhaft ist auch, warum der VW-Konzern ein derartiges Risiko einging. "Ich wüsste zu gerne, welcher Vollidiot entschieden hat, den Unternehmenserfolg von VW so leichtfertig aufs Spiel setzen", sagte Niedersachsens ehemaliger Wirtschaftsminister Jörg Bode der HuffPost. Es könnte sein, dass die Manager einen höheren Spritverbrauch der Fahrzeuge vermeiden wollten. Die Verfahren zum Reinigen der Abgase senken die Leistung des Motors - und das muss durch einen höheren Verbrauch ausgeglichen werden.

Doch schon geringe Investitionen in bessere Stickoxid-Filtertechnik hätten dem Autokonzern den Abgasskandal erspart. "Ein größerer Filter beim Jetta hätte kaum Zusatzkosten verursacht", sagte Abgas-Experte Peter Mock vom International Council on Clean Transportation (ICCT) gegenüber dem "Manager Magazin".

Ein größerer Filter hätte nur 100 Euro pro Fahrzeug zusätzlich gekostet. Beim Passat wollten die Ingenieure offenbar vermeiden, dass Kunden regelmäßig in einer Werkstatt stinkenden Harnstoff ("Ad Blue") nachfüllen müssen. Die VW-Manager schienen sich sehr sicher zu fühlen.

4. Wie viele Autos sind tatsächlich betroffen?

Nach VW-Angaben ergaben Untersuchungen, dass es die betreffende Steuerungssoftware auch in anderen Diesel-Autos außerhalb der USA gibt. Wörtlich heißt es in einer Mitteilung: "Auffällig sind Fahrzeuge mit Motoren vom Typ EA 189 mit einem Gesamtvolumen von weltweit rund elf Millionen Fahrzeugen. Ausschließlich bei diesem Motortyp wurde eine auffällige Abweichung zwischen Prüfstandswerten und realem Fahrbetrieb festgestellt."

Diese Motoren wurden von 2009 bis 2014 hergestellt und unter anderem im Jetta, im Passat und im Audi A3 verwendet. VW sagte aber, bei der Mehrheit dieser Motoren habe die Software "keinerlei Auswirkungen" - allerdings ohne weiter zu erklären, was das genau bedeutet. Heißt das, dass die Mehrheit der Motoren die Umwelt verpestet, während die manipulierten Motoren wenigstens bei der Prüfungen die Abgaswerte senken?

5. Wieviel muss Volkswagen tatsächlich zahlen?

Die amerikanische Umweltbehörde EPA nannte Strafzahlungen von 18 Milliarden US-Dollar. Wahrscheinlich wird der tatsächlich zu zahlende Betrag niedriger ausfallen. Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach sagte gegenüber "Spiegel Online", dass er mit einem Betrag von mehreren Hundert Millionen Dollar oder einer Summe im niedrigen Milliardenbereich rechnet.

6. Setzen andere Hersteller auch Schummel-Software ein?

Umweltverbände werfen der gesamten Branche vor, bei Tests zu Abgasen und Verbrauch zu tricksen - auch wenn dies nicht strafrechtlich relevant ist. Bei VW ist jetzt allerdings ein strafbarer Betrug aufgeflogen. Es gab immer wieder Gerüchte über Software in Motoren, die erkennen, wann sich das Fahrzeug in einem Prüfstand befindet.

Doch selbst Tests wie beispielsweise die des ADAC haben bisher keine Beweise dafür finden können. Testfahrten des ICCT im Alltagsbetrieb, bei denen auch bei anderen Herstellern große Abweichungen festgestellt wurden, legen den Einsatz von Manipulations-Software nahe. Viele Autos verbrauchen einer Studie des ICCT zufolge auch weit mehr Sprit, als die Hersteller angeben.

Der tatsächliche Spritverbrauch vieler Autos liegt im Schnitt um ein Drittel höher als angegeben. Die Börse scheint bereits damit zu rechnen, dass der Skandal auch auf andere Autohersteller übergreift: Die Aktien der Daimler AG fielen gestern um 7 Prozent, die der BMW AG um 6 Prozent. Die Anteilsscheine von Renault verloren 7,1 Prozent.

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