LIFESTYLE
22/09/2015 13:43 CEST | Aktualisiert 22/09/2015 13:46 CEST

Experten bezweifeln, dass ADHS richtig diagnostiziert und behandelt wird

Linda Epstein via Getty Images
Werden Kinder mit ADHS falsch behandelt?

Sie machen häufig Flüchtigkeitsfehler, passen im Unterricht nicht auf und können nicht aufhören zu zappeln: ADHS breitet sich unter Kindern scheinbar aus wie eine Epidemie - die psychiatrische Erkrankung wird mittlerweile bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland am häufigsten diagnostiziert.

Etwa fünf Prozent aller Kinder in Deutschland leiden demzufolge an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung). Die Diagnose-Raten stiegen zwischen 2006 und 2011 um fast 50 Prozent.

Die betroffenen Kinder leiden an ihrer Hyperaktivität und Impulsivität: Sie können sich nicht konzentrieren, sind vergesslich und reden wie ein Wasserfall.

Jetzt sagen Experten jedoch, dass die Krankheit in diesem Sinne gar nicht existiert.

Sami Timimi, beratender Kinderpsychiater für den britischen staatlichen Gesundheitsdienst, will eine grundlegende Debatte über ADHS anstoßen: Die Diagnose ADHS erkläre nur, dass die Hyperaktivität durch einen anderen Namen für Hyperaktivität verursacht werde.

Er könnte Recht haben. Es gibt keinen klinischen Beweis für die Existenz von ADHS als eigenes Krankheitsbild. Wissenschaftler konnten bisher kein konsistentes Schema bei Hirnaktivitäten finden, um ADHS zu identifizieren, geschweige denn zu erklären. Timimi sieht das so: Die Diagnose ADHS fasst nur verschiedene Verhaltensweisen zusammen, erklärt aber nicht die Ursachen.

Das heißt natürlich nicht, dass Menschen mit der Diagnose ADHS eigentlich keine Probleme haben, betont Timimi.

Ein überproportionaler Anteil der ADHS-Patienten wird in der Jugend straffällig, außerdem leiden viele als Erwachsene an weiteren psychischen Erkrankungen wie Depressionen. Deshalb wollen die meisten Ärzte frühzeitig behandeln: Verhaltenstherapie und Training für die Eltern steht dabei an erster Stelle.

In schweren Fällen bekommen die Patienten Ritalin verschrieben: Ritalin führt zu einer Erhöhung der Dopamin-Konzentration im Gehirn. Dopamin spielt eine entscheidende Rolle bei der Steuerung von Bewegungen und sorgt für psychischen Antrieb und Konzentrationsfähigkeit.

Ritalin hilft den kleinen ADHS-Patienten, sich zu konzentrieren und ruhiger zu werden.

Das Medikament wirkt, aber „wir haben absolut keinen Beweis, dass Ritalin die Probleme, die mit ADHS assoziiert werden, auf lange Sicht reduziert“, meint Professor Tim Kendall, Psychiater und Mitglied der Gruppe des britischen Instituts NICE (National Institute for Clinical Excellence), das die klinische Leitlinie für ADHS entwickelt hat.

Im Gegenteil: Einer Studie der Universität Stony Brook in New York zufolge führt der regelmäßige Ritalin-Konsum zu einem Gewöhnungseffekt, weshalb man das Medikament sehr vorsichtig dosieren sollte.

Sami Timimi bietet deshalb in seiner Klinik in Lincolnshire Gruppentherapien an, die eher auf Beziehungsaufbau setzen und weniger drauf abzielen, das Verhalten der Patienten zu kontrollieren. In diese Therapien werden auch Eltern und Lehrer einbezogen. Das Ziel von Timimi ist, negatives Verhalten in positives Verhalten zu verwandeln.

Auch Matthew Smith sieht den Umgang mit der Diagnose ADHS kritisch. Der Dozent für Geschichte an der University of Strathclyde ist Autor des Buches „Hyperactive: The Controversial History of ADHD“ („Hyperaktiv: Die kontroverse Geschichte von ADHS“).

Er geht einen Schritt weiter und meint, dass „Ungezogenheit“ als psychische Erkrankung pathologisiert werde.

Und nicht nur die Störenfriede – sondern „alle Kinder, auch die, die tagträumen oder nicht aufpassen, könnten mit ADHS diagnostiziert und medikamentös behandelt werden“.

Er ist der Meinung, dass die steigenden Diagnose-Raten mit einem steigenden Leistungsdruck auf unsere Kinder einhergehen. Wenn die Kleinen diesen Druck verweigern oder sich nicht anpassen wollen, dann werden sie laut Smith als krank gebrandmarkt.

Eine andere Richtung schlägt dabei Finnland ein. Hier beginnt die Schule erst mit sieben Jahren und Kinder mit ADHS-Symptomen werden eher in Gruppentherapien behandelt als mit Medikamenten. Das Land hat eine sehr niedrige ADHS-Rate.

Ganz anders als Deutschland. Vor allem in der Region um Würzburg wird ADHS nach einer Untersuchung der Krankenkasse Barmer/GEK überdurchschnittlich oft diagnostiziert und medikamentös behandelt. Die Diagnoserate liegt sogar 75 Prozent über dem Durchschnitt – als Grund vermuten die Wissenschaftler, dass es in der Gegend besonders viele Kinderpsychiater gibt.

Hinzukommt, dass die Diagnose ADHS nicht selten falsch gestellt wird. Das konnten die Ruhr-Universität Bochum und die Universität Basel in einer gemeinsamen Studie belegen. An der deutschlandweiten Studie nahmen 473 Therapeuten und Ärzte teil, die anhand von fiktiven Fällen eine Diagnose stellen sollten. Eine Vielzahl der Teilnehmer diagnostizierte ADHS - obwohl es nicht vorlag.

Grund genug, die Debatte um ADHS noch einmal aufzurollen.

Das könnte dich auch interessieren: 5 Dinge, die bei ADHS besser helfen als Medikamente


Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Bewegend: Sie fragten Kinder, wann sie sich beschützt fühlen - die Antworten sagen alles

Hier geht es zurück zur Startseite